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StartseiteKultur heuteDer Mensch als geologischer Faktor13.07.2019

Reinhold Leinfelder über das AnthropozänDer Mensch als geologischer Faktor

Sommerreihe "Wendepunkte: Vorher - Nachher"

75 Prozent der Erdoberfläche ist durch den Menschen überformt. Längst ist der Mensch zu einem dominierenden geologischen Faktor geworden. Doch mit den Möglichkeiten wächst auch die Verantwortung des Menschen für die Erde - und die Notwendigkeit, die Stellung des Menschen im Kosmos neu zu bestimmen.

Reinhold Leinfelder im Gespräch mit Michael Köhler

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Foto der Weltkugel bei Nacht mit den  Lichtflächen der Städte, am 25. Januar 2016 von der Internationalen Raumstation ISS aus aufgenommen. (picture alliance / NASA)
Immer schon hat der Mensch die Erdeoberfläche verändert - doch die Ausmaße sind seit der Mitte des 20.Jahrunderts gewaltig gewachsen (picture alliance / NASA)
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Die Effekte menschlicher Aktivitäten sind nicht spurlos an der Erde vorbeigegangen. Kulturgeografen glauben, 75 Prozent der bewohnbaren Erdoberfläche sei überformte Natur. Offenbar ist der Mensch schon längst zum geologischen Faktor geworden. Dabei ist das 'Anthropozän' ein Konzept zur Kennzeichnung einer neuen geochronologischen Epoche, nämlich eines Zeitalters, das im Wesentlichen vom Menschen bestimmt wird. Bereits im Jahr 2000 hatte der niederländische Chemiker und Atmosphärenforscher Paul Crutzen die Idee geäußert, dass das gesamte Erdsystem vom Menschen beeinflusst wird und sich seine Hinterlassenschaften in den Sedimenten einlagern. Der Paläontologe und Geobiologe Reinhold Leinfelder über diesen Paradigmenwechsel:

"Die Entwicklung, dass der Mensch die Erde beeinflusst und zwar nicht nur als biologischer Faktor, sondern als geologischer Faktor hat eine lange Vorgeschichte. Es begann mit dem Neolithikum, einem Zeitalter, in dem wir uns niedergelassen und dann Ackerbau und Viehzucht betrieben haben. Aber wir sprechen von einer großen Beschleunigung in der Mitte des 20. Jahrhunderts, wo die Prozesse so gigantisch geworden sind, dass wir nun quasi zeitgleich weltweit nicht nur regional überall diese Hinterlassenschaften, diesen Fußabdruck, diese Geosignale des Menschen erkennen können."

"Wir können so nicht weitermachen"

Man spricht in diesem Zusammenhang von sogenannten Technofossilien, also Hinterlassenschaften, wie Plastik, Betonreste, Aluminium, Industrieasche, aber auch radioaktive Niederschläge, die sich in den Sedimenten der Erde verstärkt seit der Mitte des 20.Jahrhunderts wiederfinden. Auf die Frage, ob das Ende der Unbesorgtheit erreicht ist, und wir eine Korrektur der Wachstumsideologie anstreben sollen, erklärt Leinfelder:

"Wir stellen schon fest, dass wir so wie bisher nicht weitermachen können und dann ist es schon auch eine Herausforderung an die Kreativität, weil wir feststellen, es gibt nicht die eine Lösung. Man kann die Gesetzgebung ändern, einen CO2-Preis ausrufen, Bäume wieder anpflanzen, da gibt es nicht den Königsweg, das macht die Zukunft besonders spannend. Und Jeder ist gefragt, nicht nur die Politik, sondern auch der Bürger."

"Das Erdsystem als Stiftung betrachten"

Möglicherweise zwingt uns die Vorstellung vom Anthropozän dazu, alte Dichotomien aufzugeben, nämlich zwischen Natur und Kultur, zwischen Umwelt und Gesellschaft. Der Paläontologe Reinhold Leinfelder spricht nicht von einer Umwelt, sondern eher von einem Konzept der "Uns-Welt".

"Wir leben in einer "Uns-welt" ,der Begriff soll nicht heißen, dass die Welt uns gehört, sondern dass wir uns integrieren müssen, eine andere Metapher wäre, dass wir das Erdsystem wie ein Stiftung betrachten und wenn eine Stiftung gut geführt ist, und dazu braucht es auch Regeln, dann kann man sehr gut von Überschüssen leben, aber wehe man geht an die Einlagen und das machen wir eben gerade."

Der Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin im Museum für Naturkunde in Berlin vor Skeletten im Dinosauriersaal. (picture alliance / Stephanie Pilick)Reinhold Leinfelder (picture alliance / Stephanie Pilick)

Reinhold Leinfelder ist ein deutscher Geologe, Geobiologe und Paläontologe. Er ist Professor an der Freien Universität zu Berlin und Mitglied der 'Anthropocene Working Group der International Stratigraphic Commission'. Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen beim Anthropozän, Korallenriffen, sowie neuen Methoden und Herausforderungen des Wissenstransfers und der Museologie.

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