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Reise in die Stille. Zu Gast in Klöstern

Immer mehr Menschen leben als Gäste für einige Zeit in einem Kloster. Dort suchen sie vor allem Ruhe, Stille und Abstand von der betriebsamen Welt jenseits der Klostermauern. Für viele ist es wie eine Reise in ein bislang unbekanntes Land.

Jürgen Wolf | 26.03.2001

    Patrick Leigh Fermor, geboren 1915,reiste schon 1933 von Rotterdam nach Istambul und kämpfte im Zweiten Weltkrieg in Griechenland und auf Kreta gegen die deutsche Besatzung. Besonders im angelsächsischen Raum ist er als Reiseschriftsteller hoch geschätzt.

    In den 50er Jahren schrieb er die ersten Texte über seine Reisen in Klöster. Sie sind eine Mischung aus kulturhistorischem Essay, Reportage und Erzählung und ragen auch fast ein halbes Jahrhundert nach der Erstpublikation in englischer Sprache aus der Fülle der Neuerscheinungen zu spirituellen und religiösen Themen heraus. Allein der Stil seiner Prosa, die bildhafte Sprache, eine seltene Verbindung von Leichtigkeit und Präzision macht das schmale Buch zu einem außergewöhnlichen Lesevergnügen.

    In der Einführung spricht er von der Stille, der Klarheit der Gedanken, die ihm die Abgeschiedenheit der Zelle beschert. Diese Gnaden kamen allerdings nicht ohne Schwierigkeiten, wie er im ersten Kapitel über einen mehrwöchigen Aufenthalt in dem französischen Benediktinerkloster St. Wandrille erzählt. In den ersten beiden Tagen stürzt ihn die ersehnte Isolation zunächst in eine Depression. Die Mönche erlebt er ohne jedes Lächeln, den Kopf zu Boden gesenkt und umgeben von einer leisen Melancholie. Plötzlich aber verwandelt sich seine Stimmung in eine nie zuvor erfahrene Lebendigkeit. Die Schreibarbeit fällt ihm immer leichter und er wird neugierig auf seine neue Umgebung. Er nimmt teil am Leben der Mönche, den Gebeten und bekommt einen Einblick in ihr geistliches Streben mit der Sehnsucht nach einem Leben in der ungebrochenen Gegenwart Gottes. Fermor richtet in vielem den Blick eher auf ein Ideal, und neben Stille, Meditation und Andacht gehören zur monastischen Realität auch Probleme und Schwierigkeiten besonders im mönchischen Miteinander. Hier sind seine Texte eher Literatur als Reportage, was ihre Qualität nicht im mindesten mildert. Die Rückgewöhnung an die Außenwelt, die ihm nach seinen eigenen Worten vorkam wie "ein Inferno voller Lärm und Banalität", erlebt er noch schmerzhafter als die ersten Tage im Kloster.

    Bei den Trappisten von Solesmes und La Trappe kann er nicht am Ordensleben teilnehmen. Die strenge Regel verbietet den Kontakt von Mönchen und Gästen, obwohl Fermor gerade die Strenge der Trappisten anziehend findet - reduzierter Schlaf, karge Mahlzeiten, harte körperliche Arbeit, ein Leben ohne Müßiggang und intellektuelle Schlichtheit sollen die Mönche in einen Seelenfrieden und in eine Art Verzücktheit versetzen, die dem ständigen Vorgeschmack vom Paradies gleichen.

    Fermor schreibt über alles, als sei er selbst dabei gewesen. Der Gastpater, der Abt und ein Führer durch das Kloster sind jedoch die einzigen Mönche mit denen er sprechen konnte, und an ihrem Beispiel fand er bestätigt, was er durch Lektüre und Erzählungen über die Klöster in Erfahrung bringen konnte. Trotz oder auch wegen der harten Askese bemerkt er an diesen dreien eine Aura von Glück, Frieden, und erfrischender Normalität, die sich Menschen zu allen Zeiten so sehnlichst wünschen.

    Am Ende reist er dann zu den Ursprüngen der abendländischen Klöster in die Gegend von Urgüb in Kappadokien. Dort lebten die ersten Mönche in ausgehöhlten Tuffsteinsäulen. Fermor gelingt es auch hier, auf wenigen Seiten Kulturgeschichte und die karge und nur spärlich besiedelte Landschaft dem Leser zu vergegenwärtigen. Klostererfahrungen kann er hier nicht machen, und wohl deshalb vertieft er sich in die ältesten erhaltenen Briefe über das Leben der Mönche/von Basilius dem Großen von Cesarea aus dem vierten Jahrhundert. Er vereinte als erster die Einsiedler in der Wüste in einem Kloster unter gemeinsamer Regel. "Licht", "Frieden" und "Glückseligkeit" sind die von Basileus oft gebrauchten Worte, mit denen er die Atmosphäre im Kloster beschrieben hat. Und genau dies vermittelt Fermor in seinen Texten als ewige Sehnsucht, die möglicherweise in der Abgeschiedenheit der Klöster auch heute noch erfüllt werden kann.