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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenJüdische und muslimische Erfahrungen22.01.2015

Religiöse TrennlinienJüdische und muslimische Erfahrungen

Die Beschneidung von Jungen, das Schächten von Tieren, Verschleierung für Frauen – immer wieder geraten jüdische wie muslimische Gemeinschaften in Konflikt mit den Mehrheitsgesellschaften. Der Rechtswissenschaftler Shai Lavi aus Tel Aviv, will bei einer Forschungsreise herausfinden, ob Juden und Muslime in Europa gemeinsam für mehr religiöse Toleranz kämpfen könnten und sollten.

Von Andreas Beckmann

"Als Israeli hatte ich einschlägige Vorstellungen, wie kompliziert es sein würde, Muslime zu interviewen. Aber dann besuchte ich in Hamburg radikal-islamische Gruppen und die freuten sich, mich zu sehen. Weil sie mit mir als religiösem Juden endlich mal jemanden trafen, der verstand, warum diese religiösen Bräuche unverzichtbar sind und warum es eine Diskriminierung ist, wenn sie uns verboten werden."

In Fragen der religiösen Praxis, so Lavi, stehen Judentum und Islam einander viel näher als dem modernen Europa, das ursprünglich christlich geprägt war und sich seit der Aufklärung weitgehend säkularisiert hat. Dennoch ist die Stellung der beiden Minderheiten in fast allen europäischen Staaten völlig unterschiedlich: Juden gelten überall zumindest offiziell als fester Bestandteil der Nation. Muslime dagegen fühlen sich oft an den Rand der Gesellschaft gedrängt.

"Es ist wichtig, dass wir verstehen: es gibt nicht nur ein Ost- und ein West-Europa, die sich seit 1989 wieder vereinigen. Es hat auch immer schon ein orientalisches Europa gegeben, Judentum und Islam haben Europa entscheidend geprägt. Aber Juden wurden verfolgt, Muslime werden diskriminiert. Wir könnten gemeinsam für Minderheitenrechte streiten, für ein Europa der Vielfalt."

Die türkische Soziologin Nilüfer Göle, die in Paris lehrt, bemüht sich seit Jahren um einen Dialog zwischen Juden und Muslimen. In intellektuellen Krisen stößt sie damit überall in Europa auf Interesse, aber jenseits von Akademien und Universitäten hat ihr Anliegen kaum eine Chance. Viel zu sehr werden die Emotionen auf beiden Seiten vom Geschehen im Nahen Osten beherrscht. Das hat Gökçe Yurdakul von der Humboldt Universität Berlin in Interviews mit Vertretern jüdischer wie muslimischer Gemeinden erfahren.

"In meiner Forschung habe ich gesehen, dass ein Teil davon gesagt hat, wir müssen nicht über den Nahost-Konflikt reden in Deutschland, sonst können wir nicht zusammenarbeiten. Und eine andere Seite, die haben gesagt, wir können dieses Thema nicht vermeiden, weil sonst können wir nicht mit den Menschen mit muslimischen Hintergrund, insbesondere aus der Region eine Verbindung haben, weil die möchten über dieses Thema reden."

Liberale Mittelstandsbürger als Vollender einer europäischen, säkularen Moderne?

Aber auch Sprecher jüdischer Gemeinden lassen kaum eine Gelegenheit aus, ihre Verbundenheit mit Israel zu betonen. Beide Seiten stoßen damit auf zunehmendes Befremden in den Mehrheitsgesellschaften. Nicht nur bei Rechtsradikalen, die sowohl antisemitische wie antimuslimische Feindbilder pflegen, sondern auch bei der bürgerlichen Mitte und im linken Lager, die sich zumindest in Westeuropa beide auf die Tradition der 68er Bewegung berufen. Die hatte einerseits ihre Elterngeneration an den Holocaust erinnert und andererseits für einen Palästinenser-Staat gestritten. Trotzdem oder gerade deshalb werden die 68er sowohl in jüdischen wie muslimischen Kreisen mit gemischten Gefühlen betrachtet. Zumal die Studenten damals auch gegen kirchliche Autoritäten gewettert hatten. Und viele von ihnen, beobachtet Nilüfer Göle, lehnen bis heute jedwede Religion ab.

"Interessanterweise haben sich Vertreter dieser gegenkulturellen 68er Bewegung immer gegen die Muslime gestellt, wenn es Konflikte gab. Gegen Beschneidung von Jungen, weil das den Kinderrechten widerspreche. Gegen das Schächten, weil es dem Tierschutz zuwiderlaufe. Gegen das Kopftuch, weil es antifeministisch sei. Die 68er behaupten immer, sie kämpften für die Schwachen. Aber wenn sie sich gegen die Muslime wenden, merken sie nicht einmal, wie verletzlich deren Stellung als Einwanderer in der Gesellschaft ist."

Die 68er von einst und liberalen Mittelstandsbürger von heute, meint Nilüfer Göle, fühlten sich wie die Vollender des europäischen Projektes einer säkularen Moderne. Und gerade weil sie dieses Projekt für abgeschlossen hielten, glaubten die europäischen Gesellschaften, sich nicht mehr ändern zu müssen. Den Muslimen bliebe dann nur die Wahl, sich anzupassen oder ausgeschlossen zu bleiben.

Die Muslime wollen sich aber mit ihren Traditionen einbringen in eine künftige Gesellschaft, die man vielleicht "post-europäisch" oder "post-migrantisch" nennen könnte, erzählt Gökçe Yurdakul.

"Ich finde es am wichtigsten, eine inklusive Gesellschaft aufzubauen und neue Narrative vom Deutsch-Sein. Deutsch sind nicht nur deutsche Menschen, die von deutschen Eltern in Deutschland geboren wurden. Deutsch zu sein ist auch, von kosmopolitanischem Hintergrund zu kommen, und ich sehe diese religiösen Zugehörigkeiten als einen Reichtum. Die bringen verschiedene Sprachen, Kulturen und das finde ich ganz schön für Deutschland."

Einwanderung bringe aber natürlich auch Konflikte mit sich, wie der immer wiederkehrende Streit um Mohammed-Karikaturen zeige.

Gegenseitige Anerkennung notwendig

"Ich habe nicht ganz verstanden, warum, ein Bild von Mohammed zu machen, warum das verletzend sein soll im 21. Jahrhundert und warum Muslime so verletzt sein sollten. Meinungsfreiheit ist einer der wichtigsten Teile liberaler, europäischer Demokratien, aber wenn man in einer inklusiven Gesellschaft lebt, dann muss man miteinander ein bisschen respektvoll umgehen. Diese Grenzen muss man noch einmal überlegen in einer inklusiven Gesellschaft."

Das Zusammenleben wäre einfacher, meint Gökçe Yurdakul, wenn sich Muslime weniger empfindlich und Menschen aus der Mehrheitsgesellschaft öfter rücksichtsvoll zeigten. Aus gutem Grund gebe es schließlich schon jetzt Grenzen der Meinungsfreiheit, etwa dann, wenn zu Gewalt oder Rassenhass aufgerufen werde.

"Die Juden wurden dabei immer gern als Feinde aus dem Inneren der Gesellschaft dargestellt. Die Muslime werden heute als Feinde von außen gebrandmarkt. Beides erzeugt Gewalt."

Diese Gewalt, sagt Shai Lavi, treffe Mehrheiten wie Minderheiten. Es gebe schließlich nicht nur den Terror der Islamisten, sondern auch den der säkularen Gruppe NSU, die Einwanderer ebenso ermordete wie eine deutsche Polizistin. Und, ergänzt Nilüfer Göle, den Terror des Norwegers Anders Breivik, der sich in der Tradition christlicher Tempelritter sieht.

"Er richtete seine Gewalt gegen seine eigenen Landsleute, gegen Mitglieder einer sozialdemokratischen Jugendorganisation, die seiner Ansicht nach die Tür öffnete für eine Islamisierung Europas."

Ein friedliches Zusammenleben in Europa können Juden wie Muslime, aber auch die Alteingesessenen wohl nur erreichen, wenn sie sich allesamt gegenseitig als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft anerkennen.

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