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StartseiteTag für TagAuch Samaritaner essen koscher20.02.2019

Religion in IsraelAuch Samaritaner essen koscher

Der barmherzige Samariter ist eine der bekanntesten Figuren der Bibel. Bis heute leben in Israel und den palästinensischen Gebieten Samariter - heute Samaritaner genannt. Sie verstehen sich als Nachfahren der Israeliten, sind eine winzige Religionsgemeinschaft. Aber jüdisch sind sie nicht.

Von Lissy Kaufmann

Der samaritanische Priester Assaf Cohen (Lissy Kaufmann/ Deutschlandradio)
Die Samaritaner sind eine der kleinsten Glaubensgruppen der Welt. Priester Assaf Cohen steht einer der zwei existierenden Gemeinden vor (Lissy Kaufmann/ Deutschlandradio)
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Der althebräische Gesang von Assaf Cohen hallt durch die Synagoge in Holon, einem Vorort von Tel Aviv. Der Priester mit dem weißen Bart trägt ein langes, graues Gewand und eine rote Kopfbedeckung. In Socken steht er auf dem flauschigen Teppich. Bankreihen gibt es hier nicht. Besucher sitzen auf dem Boden.

Es ist keine gewöhnliche Synagoge. Sie ist nicht jüdisch, sondern samaritanisch. Auch der Priester ist Samaritaner. Und die Thora-Rolle, die vor ihm steht, ist in einer besonderen Form des Althebräischen verfasst. Die Schriftzeichen sehen anders aus als in der jüdischen Thora.

"Bürger des biblischen Landes Israel"

Wer diese Samaritaner sind, woher sie kommen und an was sie glauben, weiß der 74-jährige Historiker Benny Zedaka, der selbst Samaritaner ist und sich so versteht:

"Ich bin ein Israelit aus dem biblischen Land Israel. Wir sind die Einzigen, die dieses Land nie verlassen haben. Wir sind also die einzigen Bürger des biblischen Landes Israel."

Jene Israeliten lebten vor mehr als 2000 Jahren im Nordreich, das nördlich von Jerusalem begann und bis nach Galiläa reichte. Heute gibt es noch rund 800 Samaritaner. Die eine Hälfte lebt im Dorf Kiryat Luza auf dem Berg Garizim im Westjordanland. Dort wird Arabisch gesprochen, man kennt die muslimischen Nachbarn, versteht sich.

Die andere Hälfte spricht Hebräisch und lebt vollständig integriert im Zentrum Israels: Die Kinder gehen in staatliche Schulen und zur Armee. In einer gespaltenen Region schaffen es die Samaritaner, beide Hälften zusammenzuhalten. Geschichtlich stehen sie aber dem Judentum näher.

Benny Zedaka: "Bis zur Zerstörung der beiden Königreiche, also der Israeliten sowie der Judäer, gab es keine Unterscheidung zwischen Juden und Samaritanern. Dazu kam es erst später: Die Nachfahren aus dem Reich Judäa wurden zu Juden; die aus dem Reich Samaria zu Samaritanern. Wir sind zwei Einheiten desselben antiken Volkes. Wir glauben an den allmächtigen Gott Israels. Moses ist sein wichtigster Prophet und wir folgen seiner Lehre in den fünf Büchern Mose."

Koscheres Essen, Schabbat, aber ein anderer Tempelberg

Samaritaner essen koscher. Sie tragen, anders als religiöse Juden, nur in der Synagoge eine Kopfbedeckung. Aber auch bei ihnen ist der Schabbat ein Ruhetag.

Alles, was im Judentum auf die Thora folgte –wie die Bücher der Propheten oder der Talmud –hat für die Samaritaner keine Bedeutung. Und noch etwas ist anders. Wenn in der Thora im fünften Buch Mose, Kapitel zwölf, von jenem Ort die Rede ist, an den die Menschen pilgern und wo sie ihre Opfergaben hinterlassen, dann meinen Juden Jerusalem. Samaritaner sehen das anders:

"Wir glauben an den Berg Garizim als heiligen Ort, der in der Thora erwähnt wird. Dieser Streit dauert bis heute an. Aber das ist vielleicht einer der Gründe, warum wir überlebt haben, sonst wären wir vielleicht vor Langeweile gestorben", sagt Benny Zedaka.

Der 74-jährige Historiker Benny Zedaka (rechts) und der 25-jährige Tom Zedaka (links) sitzen auf einem Sofa und schauen in die Kamera (Lissy Kaufmann/ Deutschlandradio)Die Samaritaner Tom und Benny Zedaka (von links nach rechts) (Lissy Kaufmann/ Deutschlandradio)

Dieser Streit führte aber einst auch zur endgültigen Spaltung, sagt Dieter Vieweger, der das Deutsche Evangelische Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes leitet. Die Trennung habe langsam begonnen, als die Bewohner des zerstörten Südreichs aus dem babylonischen Exil zurückkehrten. Schon damals fingen sie an, sich von den Leuten im Norden, den heutigen Samaritanern, zu distanzieren:

"Diese Sticheleien und Streitigkeiten sind dann eskaliert am Ende des 2. Jahrhunderts", sagt Dieter Vieweger. "Da hat ein hasmonäischer König den Tempel der Samaritaner zerstört auf dem Garizim, und da sind die beiden Gruppen, die bis dahin von außen als das Gleiche gehalten werden konnten, da sind die zwei Gruppen auseinandergegangen. Und auch in Feindschaft zerfallen."

Der gute Samariter

Das Judentum hat sich als stärkere und größere Gemeinschaft durchgesetzt, die Deutungshoheit übernommen und diese auch in der Bibel verankert. Die Samaritaner gerieten ins Abseits.

"Wenn die Geschichte ein wenig anders gelaufen wäre, und die Samaritaner sich durchgesetzt hätten, würden wahrscheinlich alle heute in Nablus, also in Sichem wohnen und am Garizim den Tempelberg sehen und sagen, in Jerusalem gab es da auch mal so eine kleine Außenstelle", sagt Vieweger.

Die Samaritaner waren vielen Juden verhasst, galten als ungläubig. Jesus, der jüdische Wanderprediger, nutzte in seinem Gleichnis zur Nächstenliebe ausgerechnet das Beispiel eines Samariters, der barmherzig ist und hilft. Jesus erzählt, wie ein Mann auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho überfallen wird und schwerverletzt liegenbleibt. Sowohl ein Priester wie auch ein Levit, also sozusagen Vertreter des jüdischen Establishments, gehen einfach vorbei. 

"Und jetzt kommt einer vorbei", sagt Vieweger, "von dem alle Juden behaupten, das ist ein ganz ein Schlimmer. Also eigentlich, völlig ungläubig. Und dieser missratene Mensch, den man eigentlich nicht an seinem Tisch duldet, also ein Mensch, mit dem man gar keinen Umgang pflegt - der nimmt den Menschen runter, schleppt ihn runter, gibt dann auch noch Geld, dass der gesund wird und so weiter."

Zusammenbleiben, um das Überleben zu sichern

Doch auch wenn dieses Gleichnis damals ausgesprochen provokativ gewirkt haben muss und dem Samariter bis heute ein positives Image verleiht – den historischen Samaritanern hat das nicht geholfen. Denn die Feindschaft zu den Juden war nicht ihr einziges Problem: Auch Kriege und Konversionen machten ihnen zu schaffen. Aus diesen demographischen Niederlagen ziehen die Samaritaner bis heute ihre Konsequenzen: Sie versuchen, Traditionen zu wahren und innerhalb der Gemeinschaft zu heiraten. Auch der 25-jährige Tom Zedaka hat eine Freundin aus der Nachbarschaft, die er, wenn es alles gut läuft, heiraten möchte. Doch die Partnersuche sei nicht immer einfach:

"Das ist wirklich schwierig. Das passt nicht immer", sagt Zedaka. "Die Auswahl an Partnern ist nun mal nicht allzu groß. Wir versuchen es, die Eltern versuchen es. Manche Eltern haben ein Problem damit, wenn die Kinder außerhalb der Gemeinschaft heiraten. Sie würden es nicht laut sagen. Wir versuchen, offen und moderat zu sein."

Um Inzest zu vermeiden und das Überleben der Gemeinschaft zu sichern, mussten die Samaritaner ihre strengen Regeln in den vergangenen Jahren lockern. Da die Religionszugehörigkeit - anders als im Judentum - über den Vater weitergegeben wird, gestattete der Hohepriester, dass auch Frauen von außerhalb einheiraten dürfen. Vor allem junge Ukrainerinnen sind so Teil der Gemeinschaft geworden. Einzige Voraussetzung: Sie müssen die Religion und die Bräuche übernehmen. Das Konzept zeigt Erfolg, erklärt Benny Zedaka. Er hoffe, dass es bald eine dritte Gemeinde geben wird. Schon jetzt wird es in Holon eng, einige Familien mussten die Nachbarschaft verlassen. Die Samaritaner wollen aber zusammenbleiben –auch, um ihr Überleben zu sichern: als eine der kleinsten Religionsgemeinschaften der Welt.

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