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StartseiteTag für Tag"Man soll Gott nicht außerhalb von sich selbst erfassen wollen"11.12.2013

Religion"Man soll Gott nicht außerhalb von sich selbst erfassen wollen"

Der Einfluss der Gedankenwelt deutscher Mystiker wie Meister Eckhart auf den Reformator Martin Luther wurde lange nicht beachtet. Neuere Forschungen zeigen, wie intensiv sich Luther mit deren Idee beschäftigt hat und wie sehr sie ihn beeinflusst haben.

Von Corinna Mühlstedt

Ein schwarz-weiß Bild des Reformators Martin Luther (AP Archiv)
Martin Luther (AP Archiv)

"Glaube du, dass Christus in Bethlehem geboren ist, aber sieh zu, dass du aus der Geschichte dir eine Gabe machst, dass Christus dir geboren sei. Denn er ist die Quelle aller Wahrheit."

Mit diesen Worten ermahnt Martin Luther seine Zuhörer in einer Predigt des Jahres 1538. Über 200 Jahre früher fragt der große mittelalterliche Mystiker Meister Eckhart angesichts des Kindes in der Krippe:

"Wenn diese Geburt nicht in mir geschieht, was hilft es mir dann? Denn dass sie in mir geschehe, daran liegt alles."

Die "Geburt Gottes im Menschen" ist ein zentrales Motiv der deutschen Mystik. Der Einfluss dieser Gedankenwelt auf Martin Luther wurde vor dem Hintergrund kirchenpolitischer Querelen und wissenschaftlicher Dispute lange nicht beachtet. Doch viele Aussagen in den Predigten des Wittenberger Reformators belegen, wie tief der junge Augustinermönch von der Mystik geprägt war. Der irische Ökumeniker, Professor Gregory Collins:

"Man muss den Begriff Mystik präzisieren. Mystik ist ein modernes Wort, das es zur Zeit Luthers noch nicht gab. Der Begriff Mystik läuft heute Gefahr, so etwas wie eine globalisierte Spiritualität zu beschreiben, in der das Spezifische individueller Traditionen verloren geht. Wir müssen deshalb vorsichtig mit dem Begriff umgehen. Wenn wir Mystik aber definieren als 'Bewusstsein der unmittelbaren Gegenwart Gottes', dann können wir sicher sagen, dass Luther in der Tradition der Mystik steht. Denn Luthers ganzes theologisches Denken hat hier seinen Ursprung: Er setzt sich Zeit Lebens mit den Konsequenzen auseinander, die sich aus der Erfahrung dieser Gegenwart Gottes ergeben."

Das Ziel jedes ernsthaften spirituellen Wegs hat Martin Luther mit Worten der Mystik einmal so formuliert:

"Du bist weit davon entfernt, Gott wahrhaftig zu erkennen. Du meinst, Du hast diese Erkenntnis. Aber du musst zuvor ein anderer Mensch werden. Du musst neu geboren werden. Diese Geburt schenkt dir das ganze Wesen neu. Wer Gott erkennen will, muss diese neue Geburt empfangen."

Bis heute haben sich nur wenige Wissenschaftler mit Martin Luthers mystischem Denken befasst. Zu ihnen gehört der Münchner Kirchengeschichtler, Professor Reinhard Schwarz. Der Luther-Experte versucht zu klären, wie der Reformator mit dem Gedankengut der Mystik in Kontakt kam:

"Er hat schon in seinen frühen Studienjahren in Erfurt intensiv Augustin-Lektüre betrieben. Und Augustin ist eigentlich der größte Autor für die abendländische Mystik. Es hat dann in der Geschichte der abendländischen Mystik auch noch starke Einflüsse aus dem Osten gegeben, Einflüsse des Dionysius Areopagita vor allem. Aber wichtige Grundgedanken der Mystik kann man auch schon bei Augustin finden, zum Beispiel dieses bleibende Wort 'Gott ist mir näher als ich mir selbst.' Der nächste Autor, mit dem Luther dann auch bekannt wurde, war Bernhard von Clairvaux, der selber auch stark aus Augustin geschöpft hat, aber dann selber in einer sehr originellen Weise das weitergeführt hat. Und erst um einiges später ist Luther dann 1516 mit Tauler bekannt geworden."

Jahre der Selbstzweifel und des intensiven geistigen Ringens

Der dominikanische Prediger Johannes Tauler stammte aus Straßburg und hatte im 14. Jahrhundert mit seinem mystischen Gedankengut großen Erfolg als Seelsorger. Bei ihm liest Luther:

"Zur lebendigen Wahrheit, dorthin, wo die Wahrheit Wahrheit ist, dazu gelangt niemand als durch die Erkenntnis des eigenen Nichts-Seins."

Durch Johannes Tauler kommt Luther in Berührung mit Meister Eckhart, dessen Schriften im Reformationszeitalter erst wenig verbreitet sind. Hatte man den großen Mystiker doch aufgrund seiner unkonventionellen Aussagen schon 1326 bei der Inquisition verklagt.

"Meister Eckhart war damals kaum jemand bekannt. Es gab aber nun schon von Tauler gedruckte Ausgaben seiner Predigten, die lernte Luther kennen. In diesen Predigten waren auch schon ein paar Predigten von Meister Eckhart, aber die waren nicht gekennzeichnet, dass sie von Meister Eckhart stammten, das weiß man nur heute durch die Forschung. Was Luther nun von der deutschsprachigen Mystik der Dominikaner - Meister Eckhart und Tauler waren Dominikaner - kennenlernte, das war Tauler. Und für den begeisterte er sich damals in einer freilich differenzierten Weise. Und er bekam auch einen kleinen Traktat der deutschsprachigen Mystik in die Hand, den ließ er drucken in Wittenberg - der dann einfach unter dem Namen lief: 'Theologia Deutsch'."

Martin Luther veröffentlicht den Text, der einem Frankfurter Priester zugeschrieben wird, in den Jahren 1516 bis 1518. Der künftige Reformator ist in dieser Zeit bereits Theologie-Professor an der Universität von Wittenberg. Es sind für ihn Jahre der Selbstzweifel und des intensiven geistigen Ringens mit der herkömmlichen scholastischen Theologie. In der deutschen Mystik stößt er auf ebenso neue wie ungewohnte Antworten:

"Du brauchst nicht zu meinen, deine Vernunft könne so wachsen, dass du Gott erkennen könntest. Wenn Gott in dir göttlich leuchten soll, dann fördert dich kein natürliches Licht, es muss vielmehr zu nichts werden. Dann kann Gott mit seinem Licht in dich hinein und in dir leuchten, und er bringt alles mit, was dir ausgegangen ist, und tausendfach und mehr."

Meister Eckhart beschreibt diesen Moment immer wieder als "Gottes Geburt im Menschen". Es ist ein Moment, den keine Worte beschreiben können, ein Augenblick, in dem alle Gegensätze sich auflösen. Der Mystiker betont:

"Man soll Gott nicht außerhalb von sich selbst erfassen wollen, sondern als mein eigen und als das, was in mir ist. … Gott und ich, wir sind eins."

Eckhart erfuhr im 20. Jahrhundert eine ungeahnte Renaissance

Meister Eckhart starb 1328. Schon bald darauf wurde einiger seiner Thesen von der Inquisition verurteilt. Nur unauffällig konnten seine Gedanken noch weitergegeben werden. Erst im 20. Jahrhundert erfuhr der mittelalterliche Mystiker eine ungeahnte Renaissance. Elmar Salmann, Professor für Philosophie an der Hochschule von Sant´Anselmo in Rom:

"Offenbar taucht das Bedürfnis nach Mystik an den Schwellenzeiten, an den gefährlichen Übergangsstellen der Kirchengeschichte auf. In einer solchen Übergangszeit finden wir auch Meister Eckhart: Das scholastische Schulsystem, das heißt, ein System, das auf Tradition, auf ungeheures Wissen und auf den Primat des Feststehenden setzte, war dabei zu zerbrechen. Es kündigte sich schon fast das erste Aufdämmern und Aufflammen der Neuzeit an."

"Meister Eckhart gehört zu den Bettelorden. Und die Bettelorden haben in ihrem Leben wie in ihrer Theologie an dieser Veränderung des kirchlichen Lebens mitgearbeitet: in ihrer Lebensform, indem sie arm lebten und auch auf kühnere Denkexperimente sich einlassen konnten. Sie waren einfach freier."

Übergangszeiten sind auch Zeiten der Verunsicherung. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Meister Eckharts Vorstellung, der Mensch könne Gott im Herzen, jenseits aller Bilder und Lehrsätze begegnen, bei der mittelalterlichen Amtskirche auf Misstrauen stieß. Mystische Gotteserfahrungen schlugen einer Dogmatik ins Gesicht, die verzweifelt bemüht war, den christlichen Glauben in strenge Regeln zu bannen, um ihn vor Irrlehren aller Art zu schützen. Die visionäre Kraft dieses Glaubens wurde dabei immer wieder der Vernunft und dem Bedürfnis nach Absicherung geopfert. Prof. Gregory Collins:

"Ich denke, Luthers Ringen mit seinen Anfechtungen entspricht ziemlich genau dem, was in der karmelitischen Tradition als 'dunkle Nacht der Seele' oder 'des Geistes' beschrieben wird. Es ist die Erfahrung der eigenen Unvollkommenheit und Begrenztheit gegenüber der absoluten Größe Gottes. Und in genau diesem Spannungsfeld wurde Luthers Glaube geboren."

"Da hatte ich das Gefühl, ich sei geradezu von 'neuem geboren' und durch geöffnete Tore in das Paradies selbst eingetreten."

Die "neue Geburt", von der Luther spricht, hat alle Merkmale einer mystischen Erfahrung, wie sie schon Meister Eckhard beschreibt.

Dem Menschen wird bewusst, dass Gott im Zentrum von ihm selbst gegenwärtig ist

"Ich denke, schon Meister Eckhard meint mit der 'Geburt Gottes im Menschen' letztlich so etwas wie einen geistigen 'Durchbruch': Dem Menschen wird zweifelsfrei bewusst, dass Gott im Zentrum von ihm selbst gegenwärtig ist. Entscheidend scheint mir dabei, dass diese Erkenntnis nicht nur eine oberflächliche emotionale Einsicht ist. Es ist schwer, diese Erfahrung zu beschreiben, sie hat mit Gewissheit zu tun. Es ist nicht nur eine spontane Regung, die kommt und geht, wie das bei manchen Gefühlen der Fall ist. Nein, ich denke, es handelt sich hier um die Erfahrung eine Glaubensgewissheit angesichts der Gegenwart Gottes. Etwa so würde es wohl auch Luther sagen."

"All Vermögen und mein Wissen ist nichts, ich befehle mich in Deine göttliche Gnade. … Lösch aus das Licht meiner Vernunft, dass ich blind werde und Du mich regierst, und ich so sehen möge.… Dann bin ich von neuem geboren."

Abermals liest man ganz ähnliche Gedanken bei Meister Eckhard. Und stets beschreibt der Mystiker dabei die "Neue Geburt", die ein Mensch erfährt, als "Geburt Gottes" in ihm.

"Willst Du diese Geburt finden, musst Du an den Anfang zurückkehren, in den Urgrund, von dem Du ausgegangen bist. Gedächtnis, Verstand und Wille musst Du lassen, und alles worin Du Dich selber suchst. Dann wirst Du diese Geburt finden, sonst aber wahrlich nicht."

Das Kind in der Krippe ist bis heute Symbol für eine tief greifende Erneuerung. Martin Luther nützt 1520 die Gelegenheit einer Weihnachtspredigt, um seinen Zuhörern die Bedeutung dieser "Geburt" für ihr eigenes Leben klar zu machen.

"Was würde es mir helfen, wenn dieses Kind tausendmal geboren wäre, ich aber nicht hören würde, dass es mein sein soll? … Sieh also zu, dass du dir seine Geburt zu Eigen machst, dass du sie übernehmest. Denn dieses Kind will einer leeren und gelassenen Seele das geben, dessen sie entbehrt. Es will, dass wir es in uns tragen."

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