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Reportage: Blutarmut

Die 43-jährige Simone Müller-Gutsche fühlte sich plötzlich schlapp. Sie schob es auf den Winter. Doch nach zwei Monaten zeigte sich bei einer Blutuntersuchung, dass sie ernsthaft krank ist. Die Diagnose: myeloische Leukämie.

Von Martin Winkelheide | 30.04.2013

    "Mein Name ist Simone Müller-Gutsche, ich bin 43 Jahre alt, wohne am linken Niederrhein, bin Mutter von zwei kleinen Kindern, verheiratet und ehemalige Unternehmensberaterin."

    Universitätsklinik Düsseldorf. Simone Müller-Gutsche ist zu einer Nachuntersuchung gekommen. Im Moment geht es ihr gut. Ende letzten Jahres sah das ganz anders aus.

    "Es war im letzten November, November 2012, dass ich mich gegen Ende November schlapp gefühlt habe. Und am Anfang denkt man noch: O.K. es geht in den Herbst rein, in den Winter rein, die Tage werden kürzer und dann fühlt man sich halt ein bisschen schlapp. Man macht also erst einmal die Hausmittelchen, Ingwertee, lange schlafen. Das hat sich dann aber fortgezogen, dass also erste Infekte hinzukamen, dann eine sehr starke Bronchitis, die wurde auch mit Antibiotikum behandelt. Und ich fühlte mich im Laufe des Dezembers einfach nur immer und immer schlapper. Anfang Januar kam dann noch hinzu, dass im Rahmen der Menstruation eine sehr, sehr starke Blutung auftrat, wo ich also massig Blut verloren habe, und daraufhin bin ich dann zu meiner Hausärztin, die hat einen Hämoglobin-Wert von nur noch 5,2 festgestellt,…"

    ... Sie hat gemerkt, da gibt es zu wenige rote Blutzellen, …

    "Richtig, also der Normwert ist zehn bis 15 und ich war bei 5,2 angelangt.
    Daraufhin bin ich dann direkt ins Krankenhaus gefahren. Die haben abends noch ein großes Blutbild gefahren."

    Schnell war klar: Die Blutarmut war nicht das eigentliche Problem. Simone Müller-Gutsche litt unter einer bösartigen Erkrankung des Blutsystems. Unter einer akuten myeloischen Leukämie.
    In ihrem Knochenmark vermehrten sich unreife Blutzellen massiv. Und sie störten die Reifung von gesunden roten Blutzellen, weißen Blutzellen und Blutplättchen. Es folgte eine Chemotherapie, mit dem Ziel, möglichst alle Krebszellen zu eliminieren.

    "Da gibt es zwei drei Tage, wo man sich echt nur noch die Decke über den Kopf ziehen möchte, und man möchte spielen 'Ich bin nicht da'. Aber um halt die lebenswichtigen Funktionen aufrechtzuerhalten, wird man regelmäßig mit Erythrozyten und mit Thrombozyten versorgt, also mit den roten Blutkörperchen und mit den Blutplättchen. Rote Blutkörperchen, klar, damit man sich fit fühlt, damit man überhaupt rumlaufen kann. Und die Thrombozyten sind natürlich sehr wichtig für einen Teil der Blutgerinnung, dass sich Wunden schnell schließen. Damit man nicht, sobald man aneckt, einen blauen Fleck bekommt, wenn man sich schneidet oder wenn Blut abgenommen wird, dass diese Wunden sofort wieder geschlossen werden und nicht noch stundenlang nachbluten."

    In knapp zwei Wochen wird Simone Müller-Gutsche eine Knochenmark-Transplantation bekommen. Die gespendeten Blutstammzellen werden ein ganz neues blutbildendes System bei ihr aufbauen. Die Transplantation soll auch verhindern, dass es eines Tages zu einem Krankheitsrückfall kommt.

    "Ich freu mich einfach nur darauf, dass mein Leben weiter geht, dass ich meine Kinder aufwachsen sehen werde, dass ich so wie geplant mit meinem Mann alt werde, und dass ich einfach noch mein Leben hab. Ich bin jedem, der sich bei DKMS oder bei sonstigen Organisationen als Stammzellenspender registriert hat unendlich dankbar. Ich bin den ganzen Blutspendern unendlich dankbar. Denn ohne Blutspenden, ohne diese tollen Tüten – wahlweise in Gelb oder in Rot -, die in den letzten Monaten wirklich regelmäßig bei mir am Port angeschlossen worden sind, würde ich heute schon nicht mehr sein."