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Republik Srpska
Ethnische Spannungen und wirtschaftliche Probleme

Korruption, schwache Wirtschaft, ethnische Konflikte: Banja Luka, Hauptstadt der Republik Srpska, steht für Gebiete, in denen nach dem Krieg noch Spannungen herrschen zwischen Muslimen, Kroaten und Serben. Ohne neue Verfassung wird die Instabilität zwischen den Völkern wohl bleiben.

Von Sabine Adler | 29.05.2018

Eine Gruppe von Männern steht vor Vor dem Denkmal für die "Verteidiger der Republika Srpska" in der Nähe der Brücke. Drei der Männer schwenken Fahnen.
Vor dem Denkmal für die "Verteidiger der Republika Srpska": ehemalige Kämpfer feiern sich. Das Stimmung unter Serben, Kroaten und Muslimen ist oft noch gespannt, wirtschaftliche Probleme sind aber weit größer. (Deutschlandradio / Dirk Auer)
Gepflegte, dreistöckige Gebäude säumen die Hauptstraße der Kleinstadt. Die Cafés sind voll, selbst am Morgen löffeln die Gäste schon Eiscreme zum Espresso. An der Gabelung, wo es in die Fußgängerzone geht, befindet sich eine Uhr auf der es immer zehn nach neun ist. Um diese Zeit ist sie stehengeblieben, vor fast 50 Jahren. In der Nacht vom 26. auf den 27. Oktober 1969 während eines Erdbebens, das die Stärke 6,4 auf der Richterskala hatte. Genau vor der Standuhr brach die Erde, stellte sich der Asphalt senkrecht auf, wurden viele Häuser zerstört und rund 20 Einwohner getötet.
Kaputte Uhr auf eingeknicktem Pfosten
Wahrzeichen: vom Erdbeben zerstörte Uhr. Ein Mahnmal gegen den Krieg gibt es nicht. (Sabine Adler)
Schikane, Vertreibung oder Flucht
Während die Uhr mit ihrem im Zickzack geknickten Ständer an dieses Naturdesaster mahnt, erinnert nichts an eine ganz andere, menschengemachte Katastrophe: Den 7. Mai 1993. Banja Luka war von den Kampfhandlungen des Bosnienkrieges verschont geblieben, doch die nicht-serbischen Bewohner wurden schikaniert, in Lager gesperrt und vertrieben oder sie flohen selbst. Bis zu jenem Tag vor genau 25 Jahren wurden alle 16 Moscheen der Stadt zerstört, die letzten drei in einer Nacht.
"Das war für mich wie das Ende der Welt", sagt Beharic Mirsad. Der Maschinenbau-Ingenieur hat bis dahin sein Leben in Banja Luka verbracht, nach jener Nacht wusste er, dass er in der Stadt nicht mehr erwünscht war.
"Das war am 7. Mai 1993 um zwei Uhr in der Nacht. Und sie haben gleichzeitig Sprengstoff in diese Moschee gebracht, in die Ferhadija-Moschee, und in eine da oben, einhundert Meter weiter, in die Arnaudija, und noch eine über dem Fluss Vrbas. Das waren insgesamt sechs Tonnen TNT. Das war um zwei Uhr, eine riesige Explosion. Teile von der Moschee waren überall in der Stadt."
Eine Moschee verschwindet
Dass Beharic Mirsad noch einmal in Banja Luka im Hof einer Moschee auf den Gottesdienst warten würde, so wie jetzt, hätte er damals nicht für möglich gehalten. Denn nicht nur die Moscheen sollten nach dem Willen der Serben verschwinden, auch das, was von ihnen übrig war: sämtliche Trümmer.
"Und dann sie haben mit LKW und Baggern das ganze Material genommen von allen drei und in See und Fluss geschmissen, dass das niemand mehr findet, wissen Sie."
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Mittagsgebet in der Ferhadija Moschee (Sabine Adler)
Die Rückkehr nach dem Bosnienkrieg ist Beharic Mirsad schwergefallen, aber er musste einfach kommen, denn er hatte in Banja Luka eine Aufgabe zu erfüllen.
"Die Ferhadija-Moschee war Unesco-Erbe. Kulturerbe. Und Unesco hat gesagt, sie soll finden mindestens 60 Prozent des Original-Materials und wir haben überall in ganz Bosnien gesucht und wir haben 60 Prozent gefunden. Im Sava-Fluss, das ist an der Grenze zu Kroatien. Und einen Teilhaben wir der Stadt Jelena gefunden, das ist 300 Kilometer von hier entfernt."
Provokationen rund um die Ferhadija-Moschee
15 Jahre dauerte der Wiederaufbau. Dass die Ferhadija-Moschee heute wieder als Wahrzeichen von Banja Luka gilt, ist auch das Verdienst eines Kriegsversehrten, der auf einer Bank auf das Mittagsgebet wartet. Er will seinen Namen nicht nennen, sagt aber, dass er mitgeholfen habe, so gut er eben konnte mit seiner Handprothese. Ein Jahr vor der Wiedereröffnung kam er zurück in seine Heimatstadt.
"Als Muslim musste ich im Krieg Banja Luka verlassen, kam in die Armee von Bosnien-Herzegowina und wurde verwundet."
Bei der Grundsteinlegung hatte es derart massive Proteste gegeben, dass die Feier abgebrochen werden musste, und auch bei der Wiedereinweihung der Ferhadija-Moschee am 7. Mai 2001 waren die Feindseligkeiten zwischen den muslimischen Bosniern, den Serben und Kroaten in Banja Luka noch immer nicht beigelegt. Die Muslime, ihre internationalen Gäste und Diplomaten wurden attackiert. Inzwischen ist es ruhiger, aber nur etwas.
"Kommen immer Leute, die mit Flaschen schlagen, die zum Beten kommen, die provozieren."
Republik Srpska als Failed State
Ähnlich skeptisch klingen Gordana Sobrenic und Natasa Petcovic, beide Anfang 40, die eine Betriebswirtin, die andere Bankangestellte. Beide verstehen die Angst Europas vor der Instabilität des Balkans. In allen Ländern des ehemaligen Jugoslawien herrschte Krieg, die ethnischen Spannungen halten mehr oder minder sichtbar an, aber die Frauen sehen Fortschritte. Früher hätten die Menschen aufeinander geschossen, jetzt würden sie zusammen Kaffee trinken.
"Wir sind nicht verantwortlich für den Krieg. Alle - Serben, Kroaten und Bosnier - haben ihre Wunden."
"Wir sprechen nicht über den Krieg, wir können nichts mehr daran ändern."
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Schachspieler im Zentrum von Banja Luka (Sabine Adler)
Banja Luka ist die Hauptstadt der Republik Srpska, einer serbischen Enklave, die zu Bosnien-Herzegowina gehört. Die ökonomischen Probleme sind weit größer als die ethnischen Spannungen, ist der Politikwissenschaftler Milos Solaja überzeugt. Der Professor lehrt an der Universität in Banja Luka. In seinen Augen stehen Bosnien-Herzegowina und die dazugehörige Republik Srpska kurz vor dem Scheitern.
"Das ist so. Deswegen wird es seine sehr lange Zeit der Instabilität geben. Keiner gibt zu, dass wir es mit einem Failed State, mit einem gescheiterten Staat zu tun haben. Aber vor allem müssen wir analysieren, was der Grund für dieses Staatsversagen ist. Meiner Meinung nach liegt es an der fehlenden Verfassung, die nie zwischen den drei Völkern ausgearbeitet wurde."
"Unabhängigkeit oder Anschluss an Serbien"
Die Verfassung wurde 1995 im Abkommen von Dayton niedergelegt und war Teil des Friedensvertrages, den die EU und die USA den verfeindeten Parteien vorgeschlagen hatten. Würde man die Menschen heute fragen, sprächen sich die meisten für eine Trennung der Nationalitäten aus und gäben denen recht, die schon immer dafür plädiert und deshalb Krieg geführt haben.
"Die Mehrheit in der Republik Srpska wäre vermutlich für eine Abtrennung von Bosnien-Herzegowina und für die Unabhängigkeit oder den Anschluss an Serbien, aber eher für die Unabhängigkeit. Die Bosnier hätten gern den bosnischen Zentralstaat und die Kroaten träumen von Unabhängigkeit oder den Zusammenschluss mit Kroatien. Ohne eine Vereinbarung zwischen den drei Völkern darüber, wie sie zusammenleben wollen, wird es eine ständige Instabilität geben - eine soziale, politische und wirtschaftliche Instabilität."
Die internationale Gemeinschaft wäre gut beraten, Bosnien-Herzegowina bei der Überarbeitung der Verfassung zu helfen, bevor sich die neuen Spannungen wieder gewaltsam entladen.