Resümee des US-Korrespondenten"Da lügt ein Präsident, das war eine völlig neue Erfahrung"

Nach fünf Jahren als US-Korrespondent des Deutschlandradios zieht Thilo Kößler ein persönliches Resümee: Dass ein US-Präsident offen lüge, sei etwas völlig Neues gewesen. Es habe gedauert, bis Journalisten offensiv damit umgegangen seien. Auch für viele Hörer sei das sicher sehr unangenehm gewesen.

Von Thilo Kößler | 15.02.2021

US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus
Der Umgang mit Donald Trumps (Twitter-) Verhalten war für Korrespondenten wie Thilo Kößler eine Lernprozess (AFP/ Saul Loeb)
Fünf Jahre hat Thilo Kößler für das Deutschlandradio aus den USA berichtet über Krisen, die Präsidentschaft von Donald Trump, die wachsenden Spannungen in der amerikanischen Gesellschaft. Kößler ist viel in dem Land unterwegs gewesen, das mittlerweile tief gespalten ist. Jetzt kehrt er zurück nach Deutschland.
Thilo Kößler - Dlf Korrespondent in Washington, USA
Thilo Kößler - Dlf Korrespondent in Washington, USA (Marion Meakam)
Thilo Kößler begann nach einem Geschichtsstudium seine Rundfunk-Laufbahn 1978 als Reporter im Studio Nürnberg des Bayerischen Rundfunks. 1987 wechselte er als Zeitfunk-Redakteur zum SDR nach Stuttgart und war von 1990 bis 1996 ARD-Hörfunk-Korrespondent für den Nahen Osten am Standort Kairo. Seit 1998 arbeitete er als Redakteur im Deutschlandfunk, zunächst im Zeitfunk, dann als Leiter der Europaredaktion. Ab 2007 war er Leiter der Abteilung "Hintergrund". Seit Juni 2016 ist er USA-Korrespondent von Deutschlandradio mit Sitz in Washington.

Wie hat sich die USA in fünf Jahren Berichterstattung verändert?

Das Phänomen der politischen Spaltung war nicht neu: Das hat das Land schon vorher gekannt, das ist kein Trump-Phänomen gewesen. Aber Donald Trump hat den Keil noch tiefer in die Geschellschaft getrieben - durch seinen politischen Stil, aber auch durch seine Agenda der Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsgruppen, durch seine rassistische Programmatik. Er hat Immigranten ausgegrenzt, er hat Afroamerikaner ausgegrenzt. Diese haben sein Motto "Make America great again" als "Make America White Again" verstanden.
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Rassismus in den USA - "Trump ist nicht in der Lage,die Wirklichkeit zu erkennen"
Trump nehme nicht zur Kenntnis, dass die Spaltung der Gesellschaft in den USA während seiner Amtszeit zustande gekommen sei, kritisierte die Politologin Joyce Mushaben im Dlf.
Trump hat Bürgerrechte beschnitten, das Wahlrecht restriktiv ausgelegt und er hat den Hass der Parteien aufeinander geschürt. Demokraten und Republikaner können fast nicht mehr miteinander reden. Die beiden Impeachments haben dazu beigetragen. Noch nie in der amerikanischen Geschichte war ein US-Präsident zwei Amtsenthebungsverfahren ausgesetzt. Joe Biden wird alle Mühe haben, die daraus entstandenen Gräben zuzuschütten.
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Das zweite Amtsenthebungsverfahren gegenüber dem ehemaligen Präsidenten Donald Trump sei für die politische Hygiene des demokratischen Amerikas wichtig gewesen, sagte der Poltikwissenschaftler Christian Hacke. Allerdings sei dadurch auch der Mythos um Trump gestärkt worden. Derzeit stünden die Aussichten nicht auf Befriedung, sondern weiterhin auf Konfrontation. US-Präsident Joe Biden und die Demokraten müssten sich nun vom arroganten Liberalismus der Neureichen abkehren und zu einer Partei der kleinen Leute werden.

Wie gingen Korrespondenten mit Trumps Twitter-Verhalten um?

Das war ein Lernprozess. Zunächst haben sich die Korrespondenten auf die Tweets des US-Präsidenten Trump gestürzt. Wir haben sie weiterverbreitet, bis wir gemerkt haben, dass das seine Absicht war. Er instrumentalisiert uns damit, umgeht die klassischen Medien und schafft sich seine eigene Öffentlichkeit.
Schließlich zeichnete sich immer deutlicher ab: Donald Trump verbreitet über Twitter Lügen. Er denunziert Menschen, er bringt sie in Misskredit. Es hat gedauert, bis wir damit offensiv umgegangen sind und die Lügen als solche bezeichnet haben. Dafür gab es zunächst viel Kritik. Aber natürlich mussten wir seine Aussagen einordnen, werten, gewichten. Das ist Teil unseres beruflichen Ethos und unserer journalistischen Sorgfaltspflicht. Aber das war schockierend. Zunächst einmal für mich selbst. Da lügt ein Präsident, das ist eine völlig neue Erfahrung, aus diesem Schrecken der Erkenntnis die entsprechende Konsequenz zu ziehen. Das war auch für viele Hörer unangenehm und völlig ungewohnt.
Blick in den Briefing Room im Weißen Haus.
Neuer Dialog zwischen Regierung und Medien
Mit dem Wechsel im Weißen Haus dürfte sich auch für die US-Medien einiges ändern. Öffentliche Angriffe wird es von Joe Biden wohl nicht geben. Dennoch erwartet der Journalist Christoph von Marschall in einigen Fragen Kontinuität.

Wie haben Sie die Corona-Pandemie erlebt?

Corona ist wie ein wildes Tier über dieses Land hergefallen und es wurde sofort zum Politikum. Donald Trump hat die Pandemie verharmlost. Er hat das verheimlicht, das vertuscht. Er hat nichts getan, um die Verbreitung einzudämmen. Er hat keine Regeln aufgestellt. Die ersten halbherzigen Lockdowns hat er schnell wieder aufgehoben.
Trump hat noch nicht einmal das Tragen von Masken empfohlen. Schlimmer noch: Die Maske wurde eigentlich zum politischen Statement. Wer Maske trug, war ein Demokrat. Viele Republikaner haben keine Masken tragen, weil Trump keine Masken getragen hat.
Schnell war die Erkenntnis da: Wenn der Staat dich nicht schützt, wenn es keinerlei Vorsichtsmaßnahmen gibt, wenn es keine Regeln oder Vorschriften gibt, die von allen verbindlich eingehalten werden, dann muss man sich eben selber schützen.
Viele Kolleginnen und Kollegen sind immer noch zu den Wahlveranstaltungen gegangen und etliche haben sich infiziert. Jedes Mal nach einer Trump-Show konnte man die Spur der Infektion nachvollziehen. Ich habe daraus Konsequenzen gezogen: Interviews gibt es nur per Skype oder mit einem langen Mikrofon, ich habe Menschenansammlungen gemieden. Es ist einfach nach wie vor richtig, richtig gefährlich in diesem Land.
Ein Mann steht mit Maske am 24.10.2020 an einer Wahl-Station im Madison Square Garden in New York City
Trump und die Coronakrise
Viele bescheinigen US-Präsident Donald Trump eine verheerende Bilanz, die sich besonders in der Coronakrise zeigt. Die Pandemie trifft auf ein marodes Gesundheitswesen, das schon unter Normalumständen überfordert ist.

Wie viel Gestaltungsspielraum hat der neue Präsident Joe Biden für Veränderungen?

Er hat genauso viel Gestaltungsspielraum, wie es die Mehrheitsverhältnisse vorgeben. Im Senat sind das 50 zu 50 Stimmen plus eins - die Stimme der Vizepräsident Kamala Harris. Dieser Gestaltungsspielraum ist nicht groß, Joe Biden ist auf die Zusammenarbeit mit den Republikanern angewiesen.
Trotzdem ist das eine ganz große Chance für Joe Biden. Denn es ist absolut selten, dass es einer Partei gelingt, das Weiße Haus zu erobern, die Mehrheit im Repräsentantenhaus und die Mehrheit im Senat. Das heißt, Joe Biden muss jetzt versuchen, bis zu den Zwischenwahlen im November 2022 den Reformstau anzugehen. Er muss jetzt die Reform des Einwanderungsgesetzes auf den Weg bringen die Gesundheitsreform, die Justizreform.
Das ist der einzige Weg, um Populisten und Trumpisten den Wind aus den Segeln zu nehmen. Er muss jetzt konkrete Politik machen, die den Menschen hilft, sie entlastet, die ihnen zugutekommt. Nur so kann er versuchen, wirklich Brücken zu schlagen.
Vor der Amtseinführung von Joe Biden als US-Präsident sind in der US-Hauptstadt viele Soldaten zusammengezogen worden 
Ein Präsident vor einem gespaltenen Land
Mit seinem Corona-Krisenmanagement will der neue US-Präsident Joe Biden ein politisch tief gespaltenes Land einen. Das könnte ihm gelingen – Anzeichen dafür gibt es.

Überwiegt bei Ihnen Sorge oder Zuversicht für die amerikanische Demokratie?

Ich habe noch diesen Tag in Erinnerung, als die beiden Administrationen nach der Wahl und der Inauguration endlich die Arbeit aufgenommen haben. Das war, als würde ein Aufatmen durch Washington gehen. Auf einmal gab es einen Präsidenten, der nicht mehr über seine eigenen Erfolge sprach, sondern über Inhalte, über Programmatik, über Prioritäten. Auf einmal gab es einen Außenminister mit einer klaren Peilung und dem Versprechen, zum multilateralen Weltbild zurückzukehren. Auf einmal gab es eine neue Pressesprecherin, die die Arbeit der Medien für wichtig hält, die sich der Wahrheit verpflichtet fühlt, die aufrichtig Fragen beantwortet.
Nach dem Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 gibt es gibt es das Gefühl, dass die Demokratie war verdammt gefährdet war, aber sie am Ende gesiegt hat. Insofern gehe ich eigentlich eher mit einer optimistischen Stimmung zurück nach Deutschland - nach den vier Jahren Donald Trump, die in weiten Strecken wirklich deprimierend waren.
Sigmar Gabriel (SPD), Vorsitzender der Atlantik-Brücke e.V.
Ex-Außenminister Gabriel (SPD) sieht "eine Riesengefährdung der Institutionen"
Nach dem Sturm auf das Kapitol gehöre in den USA die Bedrohung von Verfassungsorganen zum politisch Möglichen, warnte Ex-Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) im Dlf.

Was können sich die Deutschen von den Amerikanern abschauen?

Ich habe immer diese ungeheure Flexibilität bewundert: Amerikaner stellen sich wahnsinnig schnell auf neue Situationen ein, auf Ortswechsel, auf Arbeitsplatzwechsel. Ich werde, diese unglaubliche Freundlichkeit und Höflichkeit sehr vermissen. Viele Amerikaner sind Kommunikationskünstler. Sie können einem das Gefühl geben, dass sie schon immer auf einen gewartet haben. Diese Kultur des Respekts, der Wertschätzung, der Offenheit, die würde ich uns Deutschen in weiten Teilen sehr wünschen.