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StartseiteKultur heuteHumor als Leitmotiv09.02.2016

Retrospektive für Fischli und WeissHumor als Leitmotiv

Das Schweizer Künstlerduo David Fischli und Peter Weiss hat mit Videos und Skulpturen, Installationen und Bildern Klamauk und Philosophie zusammengebracht. Der Tod von David Weiss im Jahr 2012 setzte der erfolgreichen Zusammenarbeit ein jähes Ende. Knapp vier Jahre später widmet ihnen das New Yorker Guggenheim-Museum eine umfangreiche Retrospektive.

Von Sasha Verna

Die Künstler Peter Fischli (l) und David Weiss im Jahr 2008. (picture alliance / dpa / Jens Ressing)
Die Künstler Peter Fischli (l) und David Weiss im Jahr 2008. (picture alliance / dpa / Jens Ressing)

"Hallo? Ach du bist’s.
Hör mal, was hier steht: zunehmende Gewalt in der Kunstwelt, Bandenkrieg, Prügeleien! Verdächtigt wird N. G. aus R., dessen Werke zu astronomischen Summen gehandelt werden und dessen aufwendiger Lebensstil schon viele arme Leute geärgert hat.
Was soll dieser Unsinn?
Aber verstehst Du nicht?
Was?
Da scheint was los zu sein, Action, Kultur, Geld!
Also gut, abgemacht."

Wenige Sekunden später befinden sich Ratte und Bär, alias Peter Fischli und David Weiss, auf der Spur eines mysteriösen Mörders im Glitz und Glamour Hollywoods. "Der geringste Widerstand", so der Titel der 30-minütigen Krimiparodie, stammt aus dem Jahr 1980 und ist eines von acht Videos in der Retrospektive des New Yorker Guggenheim Museums. Es ist der früheste Film, den das Schweizer Künstlerduo gemeinsam gedreht hat, und der erste Auftritt der beiden im Kostüm ihrer tierischen Alter Egos, Ratte und Bär. 

Dokumentation sämtlicher Sehenswürdigkeiten der Welt 

Plüschtiere, Karneval, multimedial: Fischli/Weiss wurde gelegentlich vorgeworfen, wie eine Gag-Werkstatt serienmäßig Humoresken ohne Kohärenz zu produzieren. Deshalb haben Nancy Spector und ihr Co-Kurator Nat Trotman die Rückschau statt chronologisch nach Leitmotiven organisiert. Und als eines der Leitmotive erweist sich natürlich der Humor selber. 

Eine der bekanntesten Arbeiten, "Plötzlich diese Übersicht", besteht aus hunderten von kleinen Lehmskulpturen mit lustigen Titeln. Dargestellt sind entscheidende Momente der Menschheitsgeschichte, zum Beispiel Herr und Frau Einstein im Bett nach der Zeugung ihres Sohnes Albert. Auf einem benachbarten Sockel sind gleichermaßen amateurhaft modelliert sieben Aliens, die Stonehenge bewundern. Und wieder anderswo hat James Dean gerade sein Auto gegen den Baum gefahren. Fischli/Weiss folgen bei ihrer Auswahl eher ihrem eigenen historischen Empfinden als akademischen Lehrmeinungen. Daher fällt erwartungsgemäß subjektiv aus, was sie als geschichtsträchtig erachten. 

Von ähnlich enzyklopädischem Furor beseelt ist "Sichtbare Welt", ein Projekt das Fischli und Weiss 1986 begannen und das erst mit David Weiss’ Tod 2012 endete. Auf tausenden von Fotos sollen sämtliche Sehenswürdigkeiten der Welt dokumentiert werden und alles, was die Künstler für sehenswürdig halten. Dazu zählen der Eiffelturm ebenso wie blühende Geranien auf einem Balkon. Dass Mammutunterfangen wie dieses von Anfang an zum Scheitern verurteilt sind, gehört mit zum Lachprogramm. 

Viele Nachahmer in der Werbebranche

Das Replikat ist ein weiteres Markenzeichen des Paares. Doch während Marcel Duchamps Pissoir brauchbar gewesen wäre, hätte man es aus dem Museum geholt, sind die Readymades, die Fischli/Weiss präsentieren, nur scheinbar welche und völlig unbrauchbar. Pinsel, Farbdosen, Schokoriegel - die zu Stillleben angeordneten Künstlerutensilien in der betreffenden Installation bestehen aus Kunstharz. Sie sind ihrer alltäglichen Funktion nicht bloß enthoben, sie hatten gar nie eine. 

Fischli/Weiss haben viele Nachahmer in der Werbebranche gefunden. Das überrascht nicht. Ihre Arbeiten verfügen über genau die richtige Dosis Subversion, um ein Produkt begehrenswert für ein ironisch abgeklärtes Publikum zu machen. Ihr Werk verlockt, indem es eine kritische Instanz behauptet und sie zugleich karikiert. Betrachter erhalten dadurch das befriedigende Gefühl, den Witz kapiert zu haben. Man kann derlei in große Kunst umdeuten. In der selektiven Gesamtheit dieser Retrospektive wirken metaphorische Überhöhungen allerdings eher verfehlt. Gegen die kauzige Kreativität von Ideenbüros ist schließlich nichts einzuwenden. Und Fischli/Weiss haben eines der besten betrieben. Denn: 

"Da scheint was los zu sein, Action, Kultur, Geld!"

Ratte und Bär wussten schon, wo der Hase im Pfeffer liegt.

Guggenheim Museum, New York: How to Work Better. Bis 27. April.

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