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Rezension
Bigotte Rhetorik

Der Tübinger Sportwissenschaftler Helmut Digel versammelt in einem Buch seine Texte zum Anti-Doping-Kampf. Doch Digels erstes Kapitel, die Protokolle zur Arbeit der sogenannten "Dreierkommission" im Jahre 1976/77, geben Anlass zur Kritik.

Von Erik Eggers | 26.01.2014

„Verlorener Kampf“, heißt der Titel des neuen Buches von Helmut Digel. In diesem Band versammelt der Sportwissenschaftler aus Tübingen seine Beiträge zum Anti-Dopingkampf. Wenn Digel diesen Kampf nun aufgibt, klingt das resignativ, irgendwie aber auch heroisch. Bei Betrachtung seines ältesten Doping-Textes lässt sich Digels Rhetorik getrost als larmoyant und heuchlerisch bezeichnen.
Besagter Text resultiert aus den Gesprächen der sogenannten „Dreierkommission“ des Deutschen Sportbundes (DSB) im Jahre 1977, an denen Digel damals als Sekretär des Sportpädagogen Ommo Grupe teilnahm. Diese Kommission war eine Reaktion auf den Skandal um die „Kolbe-Spritze“ in Montreal 1976; sie sollte über die Dopingpraktiken im westdeutschen Spitzensport aufklären. Nun, über drei Jahrzehnte danach, publiziert Digel die Protokollnotizen jener vertraulichen Gespräche, an denen Sportler, Trainer, Funktionäre, politische Beamte, Ethiker und Pharmakologen teilnahmen.
„Während der Olympischen Spiele 1976 stellte sich heraus, dass Teile der Olympiamannschaft der BRD gedopt an den Start gegangen waren“, so beginnt dieser Text, Mediziner hätten Sportler mit „unerlaubten Methoden“ und „pharmakologischen Substanzen“ behandelt, um „olympische Erfolge mit Mitteln des Betrugs zu erzielen“. Rein formal stimmt das nicht. Kein einziger westdeutscher Sportler wurde in Montreal positiv getestet.
Die internen Runden von 1977 sind für den Historiker selbstverständlich eine herausragende Quelle. Diese Gespräche geben Auskunft über das tatsächliche Ausmaß des Dopingproblems. Straßenweltmeister Rudi Altig etwa berichtete, als Berufsradfahrer regelmäßig Anabolika konsumiert und auch als Bundestrainer empfohlen zu haben. Athleten bezichtigten die erfolgreichste Sprinterin dieser Spiele des Dopings. Der Bundestrainer der Gewichtheber berichtete über die Anabolikadosen in seiner Sportart und verwies dabei auf sportmedizinische Studien von Joseph Keul. Und der Biochemiker Manfred Donike betrachtete den Skandal als Medientheater. Der Dopingjäger sprach sich, wie es im Text heißt, „für ein grundsätzliches Verbot der Anabolikaabgabe bei Frauen und Jugendlichen bis zum Abschluss des Längenwachstums aus“ – Anabolikagaben an Männer waren demnach für Donike nicht verwerflich. Ein bemerkenswertes Urteil vor dem Hintergrund, dass Anabolika seit 1974 auf der Verbotsliste des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).
Das Kardinalproblem an Digels Texten ist, dass jegliche historische Einordnung fehlt. Ein Beispiel: Wer kennt denn diesen Herrn Felten, der 1977 laut Digel vorschlug, dem „Sportmediziner einen Spielraum zur medikamentösen Beeinflussung unter dem Gesichtspunkt der Substitution“ zu verschaffen, also letztlich, wenn auch verklausuliert, Anabolikagaben klar befürwortete? Nirgendwo steht, dass Felten gegenüber der Dreierkommission als Repräsentant des Bundesinnenministeriums sprach.
Der eigentliche Clou ist, dass Digel diese Notizen erst heute zugänglich macht. In den 1970er Jahren hätte er damit großen Mut bewiesen, die Öffentlichkeit aufgeklärt und zum Kampf gegen das Doping tatsächlich beigetragen. Gleichzeitig hätte er mit einer Publikation seine Karriere als Sportfunktionär und Drittmittel durch das Bundesinnenministerium riskiert. Damals hat er nicht aufgeklärt. Und damit seinen Teil dazu beigetragen, den Kampf zu verlieren.
Besprochenes Buch:
Helmut Digel, Verlorener Kampf. Über Betrug im Sport. Verlag Hofmann, Schorndorf 2013, 377 Seiten, 29,90 Euro.