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Rhetorik"Eine Rede muss im Reden entstehen"

Bei einer Rede vor Publikum kann man in viele Fettnäpfchen treten. Was hilft, ist gute Vorbereitung, sagt der Redenschreiber Vazrik Bazil. Eine Rede sollte nicht am Schreibtisch entworfen werden, sondern beim Sprechen. Und wenn man mal den roten Faden verliert, sollte man sich nicht aus der Fassung bringen lassen.

Vazrik Bazil im Gespräch mit Kate Maleike | 03.03.2014

Kate Maleike: Eine Ansprache vor Mitarbeitern, eine Dankesrede für einen Oscar oder eine Büttenrede im Karneval - egal zu welchem Anlass eine Rede gehalten wird, die Regeln dazu sind immer ähnlich. Ob es Applaus gibt und Lob oder nur eingenickte Stuhlreihen, das hat der Redner entscheidend selbst mit in der Hand. Eine gute Vorbereitung ist eben auch hier die halbe Miete - und natürlich auch ein guter Inhalt. Und der Rest lässt sich lernen und üben, sagt Dr. Vazrik Bazil. Er ist Redetrainer, mit Erfahrung im Bundestag und in Unternehmen, und er ist Präsident des Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache. Herr Bazil, was sind denn jetzt die wichtigsten Faustregeln für eine gute Rede?
Vazrik Bazil: Das sind erstens, dass der Redner zwar vor dem Publikum steht, aber vor allem zu dem Publikum reden muss, dass der Redner nicht sehr lang spricht, nicht mit Adam und Eva die Rede beginnt, auf den Punkt kommt, auch sprachlich verständlich spricht und eine bildhafte Sprache verwendet.
Maleike: Welche Fettnäpfchen würden Sie unbedingt vermeiden?
Bazil: Zu viele Zahlen, zu viele Daten, zu viele Fakten. Das verwirrt, das Publikum wird nichts von dem Vortrag behalten, und das ist natürlich ein großer Fehler. Fehler ist aber auch, wenn man in der Anrede die Namen falsch ausspricht oder gar Personen vergisst oder gar Funktionen verwechselt, das ist auch nicht sehr angenehm, und natürlich, wenn man sehr, sehr lange spricht, das ist auch ein Fettnäpfchen. Zwischen 15 bis 25 Minuten, denke ich, ist das die angemessene Zeit.
"Nichts ersetzt den Ersteindruck"
Maleike: Der Anfang ist sicherlich ziemlich wichtig, weil da öffnet man ja die Ohren und den Geist, und man erweckt sozusagen das Interesse. Das heißt, der Redner muss sich besonders Gedanken über den Anfang machen.
Bazil: Über den Anfang und über den Schluss, denn nichts ersetzt den Ersteindruck und nichts kann den Letzteindruck aufheben. Insofern: Beide Teile, der Anfang und der Schluss, sind wichtig für eine Rede.
Maleike: Das klingt ja alles recht leicht, Herr Bazil, aber es gibt auch viele - muss man ja sagen - grottig schlechte Reden, also wo sich das Publikum schon nach fünf Minuten zur Seite wendet oder einnickt oder sonstige Dinge macht. Wie, würden Sie sagen, ist im Moment der Zustand der Rede in Deutschland, was hören Sie?
Bazil: Also der Zustand der Rede hat sich enorm verbessert. Ich habe in Unternehmen, auch in der Politik, im Bundestag und in Ministerien hervorragende Rednerinnen und Redner erlebt, und wir auch als Verband versuchen wir immer, die Qualität der Rede zu pflegen und die Redekultur in Deutschland zu fördern.
Maleike: Hänger, wenn man den Faden verloren hat, was macht man da am besten?
Bazil: Ja, dann ist es nett, wenn man das auch zugibt öffentlich, also verbalisiert und sagt, meine Damen und Herren, ich habe gerade den Faden verloren. Und wenn man das ein paar Sätze spricht, auch über diese Tatsache, dass man den Faden verliert, kann man den Faden wieder in der Regel aufgreifen.
Maleike: Wir haben auch einige Menschen in Hamburg gefragt, was sie denn lernen wollen und welche Fragen sie an einen Trainer hätten. Und hier kommt die erste Frage an Sie:
"Ich würde gerne wissen, wie die Angst vorm freien Sprechen vor einem Publikum bekämpft werden kann, wie man damit umgeht, wenn man einen Blackout bekommt, und ob es irgendwelche Techniken gibt betreffend Atmung oder Konzentration bei der Stimmregulierung."
Vorbereitung: Rede muss im Reden entstehen
Maleike: Also die Angst vorm Reden, die haben sicherlich viele und die kennen auch viele. Wie kann man die bekämpfen? Vielleicht vorher mal alles durchsprechen mit Freunden, oder was raten Sie da?
Bazil: Bei der Vorbereitung ist es wichtig, dass man eine Rede nicht am Schreibtisch entwirft, sondern dass die Rede im Reden entsteht. Das heißt, man muss vor sich hinmurmeln, auch bei der Vorbereitung. Ich bin dagegen, dass man sich an den Computer setzt und einfach den Redetext reintippt und dann vielleicht die einige oder andere Passagen dann auswendig lernt. Es ist für mich wichtig, dass der Redner unter der Dusche oder beim Spazierengehen die Rede einfach vor sich hinmurmelt und auch vielleicht im Arbeitszimmer laut spricht und so die Rede erst vorbereitet. Und dann kann man die Rede aufschreiben und nicht umgekehrt. Und wenn man diese Übung macht, dann hat man die eigene Stimme schon gehört, laut, und das gibt Sicherheit auch beim Auftritt vor dem realen Publikum.
Maleike: Und so ein bisschen Aufgeregtheit kann sich ja auch positiv auswirken. Die Hörerin fragte ja auch nach Stimmregulierung, also nur alles laut zu machen, jeden zweiten Punkt zu betonen, ist wahrscheinlich auch nicht das richtige Mittel.
Bazil: Das ist nicht das Richtige, die Grundregel der Rhetorik lautet Abwechslung. Abwechslung erfreut, und Abwechslung heißt, laut, leise, langsam, schnell, und das ist auch eine Frage der Übung. Die Frauen haben einen Nachteil gegenüber den Männern, weil sie sehr leicht zu einer hohen Stimmlage neigen, und das ist nicht gut. Sie müssen auch versuchen, langsam und tief zu sprechen, dann strahlen sie Kompetenz und Autorität aus.
Maleike: Dann kommen wir zu unserer nächsten Frage, die ein Hörer an Sie hat:
"Meine Frage ist: Wenn man ein relativ umfangreiches inhaltliches Projekt hat, wie kann man es schaffen, einen roten Faden sozusagen zu entwickeln, an dem man sich abarbeitet, dass man eine klare, verständliche Struktur beibehält im Redefluss?"
Maleike: Struktur bringen in die Rede, das ist vermutlich das Schwierigste.
Bazil: Das ist sicherlich nicht nur schwierig, sondern auch sehr wichtig, gerade bei Vorträgen, und da gibt es unterschiedliche Methoden. Man kann zeitlich die Rede aufbauen, also gestern war es so, heute ist es so, morgen wird es so sein. Man kann das auch dialogisch aufbauen, das heißt also, Meinungen angeben, die Gründe dafür, die Gründe dagegen und dann die Zusammenfassung mit Widerlegung oder auch Zustimmung. Das ist eine andere Möglichkeit, eine Struktur aufzubauen. Wichtig ist allerdings, dass man während der Vorbereitung sich klarmacht, welchen Satz sollte das Publikum im Kopf behalten.
"Der Schluss muss sitzen"
Maleike: Sie haben anfangs gesagt, dass es ganz wichtig ist, sich natürlich über den Anfang der Rede Gedanken zu machen, über den eigenen Auftritt, über die Präsenz, die man dann hat, aber viel wichtiger noch über den Abgang. Was ist da zu beachten?
Bazil: Der Abgang kann wieder den Anfang aufgreifen, das ist immer eine sehr elegante Lösung. So hat man sozusagen das Thema abgerundet, im wörtlichen Sinne. Man könnte auch den Abgang als eine Art Zusammenfassung verstehen, dass man am Schluss das Ganze zusammenfasst und in ein paar - zwei, drei prägnanten Sätzen, die Botschaft nochmals verpackt und praktisch memorabel macht, dass die Leute sich daran auch in den nächsten Tagen erinnern. Man könnte auch mit einer Frage die Rede abschließen, sodass die Leute über die Frage dann nachdenkend den Raum verlassen. Also es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, aber der Schluss muss sitzen.
Maleike: Was macht eine gute Rede aus und wie kann man dafür trainieren? Vazrik Bazil, der Präsident des Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache, hat hier in "Campus & Karriere" einige Kniffe verraten. Ganz herzlichen Dank für das Gespräch!
Bazil: Bitte schön!
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.