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Richtungswahl auf Sizilien

Als erster Stimmungstest für die neue Regierung von Ministerpräsident Romano Prodi gelten die laufenden Kommunalwahlen in Italien. Besondere Aufmerksamkeit bekommt die Entscheidung über den Regionspräsidenten für Sizilien. Dort hat Rita Borsellino, Schwester des 1992 ermordeten Staatsanwaltes Paolo Borsellino, den Amtsinhaber herausgefordert, der unter dem Verdacht steht, die Mafia zu unterstützen. Karl Hoffmann berichtet von der süditalienischen Insel.

    Die Süditaliener sind, wie man weiß, heißblütig und leidenschaftlich. Lautstarke Diskussionen am Wahltag in Sizilien: Zum Glück klingt es schlimmer, als es ist. Bei einem feinen sizilianischen Sonntagsmahl im Freundeskreis kann es an solch einem wichtigen Tag schon mal hoch hergehen. Die Geister scheiden sich auf der größten Mittelmeerinsel, die ein Zehntel der italienischen Gesamtbevölkerung stellt. Die Frage lautet: Wird es in Palermo endlich eine neue Landesregierung geben, die die Insel vom Ruch der Mafia befreit?

    Großes Fest für Rita Borsellino, die Kandidatin der Mitte-Links-Koalition, die mehr als jeder andere die Anti-Mafia-Bewegung repräsentiert. Die Schwester des 1992 ermordeten Anti-Mafia-Richters Paolo Borsellino will ihrer leidgeprüften Insel eine bessere Zukunft ermöglichen.

    "Wie oft schon hat man die Sizilianer über den Tisch gezogen, hat man ihnen Gewalt angetan - einfach weil viele Grundbedürfnisse bis heute nicht befriedigt werden, weil den Sizilianern oft ihr gutes Recht verweigert wird und sie deshalb Angst vor der Zukunft haben."
    Wehende Fahnen und nicht weniger Emphase bei den politischen Gegnern: Das Mitte-Rechts-Bündnis hofft auf die Wiederwahl ihres Kandidaten Toto Cuffaro. Der habe mehr Erfahrung in der Politik als die Außenseiterin der Anti-Mafia-Bewegung, Rita Borsellino, meinen seine Anhänger

    "Für mich hat nur der scheidende Präsident Cuffaro die Fähigkeit, hier in Sizilien zu regieren. Frau Borsellino ist sicherlich eine aufrechte Person, aber zum Regieren ist sie wenig geeignet."

    Doch genau das ist der Haken bei der Sache: Noch nie hat es einen solch krassen Gegensatz bei Präsidentschaftskandidaten auf Sizilien gegeben: ein Vertreter der Anti-Mafia-Bewegung, noch dazu eine Frau auf der einen Seite, ein gerissener Politiker auf der anderen, der noch dazu unter Anklage steht, die Mafia zu unterstützen. Da kann selbst mancher Gottesmann nicht mehr an sich halten, meint Padre Nino Fasullo in Palermo:

    "Cuffaro steht unter Anklage. In einer christlichen Gesellschaft hätte er sich eigentlich unter keinen Umständen als Kandidat aufstellen lassen dürfen. Das heißt, dass bei uns das Christentum ziemliche Verfallerscheinungen zeigt."

    Aus der sonntäglichen Diskussion in der palermitanischen Familie kristallisieren sich mehrere letztlich doch übereinstimmende Meinungen heraus. Meint etwa Mario:

    "Die Politiker denken doch nur an sich selbst: Die haben keine wirkliche Kultur, kennen keine Moral, und ausgerechnet die erhalten jedes Mal die Wählerstimmen. Dagegen hilft nur eins: ein kultureller Neuanfang."

    Und das bedeutet: Aufräumen mit der organisierten Kriminalität, der Korruption unter den Politikern und einer langsamen und von Vetternwirtschaft geprägten Verwaltung und nicht zuletzt der Handel mit Wählerstimmen. Wie viele bei den gestrigen Wahlen manipuliert wurden, lässt sic nicht mal annähernd schätzen. Essengutscheine Einkaufsbons, Bargeld, Arbeitsplätze und Frührenten sind nur einige der Belohnungen dafür, dass man sein Kreuz an die richtige Stelle setzt. Schon alleine, weil sie diese Praxis verurteilt, gilt die Anti-Mafia-Kandidatin Rita Borsellino weithin als die wahrscheinliche Verliererin. Marios Freund Giuseppe trägt es mit Fassung:

    "Ich hole mal noch eine Flasche Wein, die ich in weiser Voraussicht aufgehoben habe."