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StartseiteKalenderblattRigoroser Regisseur07.09.2009

Rigoroser Regisseur

Vor 100 Jahren wird der Filmemacher Elia Kazan geboren

Elia Kazan gehört zu den Ausnahmeregisseuren, die mit herausragenden Inszenierungen am Theater sowie mit echten Filmklassikern aufwarten können. Schnittstelle ist das von ihm gegründete Actor’s Studio, das unter der späteren Leitung von Lee Strasberg Weltgeltung erlangte.

Von Marli Feldvoß

Regisseur Elia Kazan brachte eine neue, sensible Filmsprache hervor.  (Stock.XCHNG / Pawel Zawistowski)
Regisseur Elia Kazan brachte eine neue, sensible Filmsprache hervor. (Stock.XCHNG / Pawel Zawistowski)

Ob Arthur Millers Stück "All My Sons" oder Tennessee Williams' "A Streetcar Named Desire": es war Elia Kazan, der ihnen einen festen Platz in der amerikanischen Theatergeschichte sicherte. Ende der 40er-, Anfang der 50er-Jahre wurde der renommierte Broadwayregisseur auch noch im Kino zur treibenden Kraft, die neue ästhetische Maßstäbe setzte. Er bevorzugte heikle soziale Themen, das Drehen an Originalschauplätzen, lange Einstellungen und experimentierte mit dem neuen Leinwandformat Cinemascope. Auf der Höhe seines Ruhms – in den 60ern – wurde er sein eigener Produzent und spielte Pionier in der neuen Ära der "Independents". Sein Erzählstil, Poesie in den Dingen des Alltags zu entdecken, brachte eine neue sensible Filmsprache hervor und lancierte Darsteller vom Schlage eines Marlon Brando. Mit ihm in der Hauptrolle gewann Kazans "On the Waterfront" 1955 insgesamt acht Oscars.

Filmausschnitt "On the Waterfront":

"You don't understand. I could have had class. I could have been a contender. I could have been somebody instead of a bum. That's what I am. Let's face it.”"

Das Eingeständnis des Ex-Boxers Terry Malloy, dass aus ihm nur ein "kaputter Versager" geworden sei, macht ihn zu einem typischen Kazan-Helden. In seinen Figuren - moralische Vorbilder, die sich gegen Autoritäten und gesellschaftliche Missstände aufbäumen und auf das Versprechen des amerikanischen pursuit of happiness vertrauen - schlägt Kazan stets den Bogen zur eigenen Geschichte.

Der am 7. September 1909 in Konstantinopel geborene Elia Kazanjoglous, Sohn eines anatolisch-griechischen Teppichhändlers, war vier Jahre alt, als seine Familie nach New York übersiedelte, ein klassisches Einwandererschicksal. Nach der Yale Drama School schloss sich Kazan 1933 dem New Yorker Group Theatre an, der innovativsten Theaterbewegung der amerikanischen Geschichte: Dort holte sich der ambitionierte Außenseiter als Schauspieler und Inspizient das Rüstzeug für seinen Aufstieg.

""Ich war kein außergewöhnlicher Schauspieler, eher Mittelmaß, aber ein Ausbund an Energie. Da platzte die ganze Wut heraus, wenn ich spielte. Im Leben hielt ich mich eher zurück, da konnte ich es mir nicht leisten, zornig zu sein. Ich war viel zu abhängig von anderen."

Der Schauspielerregisseur Elia Kazan wurde zum Wegbereiter vieler hochkarätiger Stars: Carroll Baker, Warren Beatty, James Dean, Julie Harris und Lee Remick. Sie kamen alle aus der Schauspielerschmiede des Actor's Studio, das Kazan 1947 gründete. The Method - die nach Stanislawski entwickelte Methode hat heute noch Weltgeltung.

Filmausschnitt "East of Eden" (Synchronfassung)

"Was weißt Du von Deiner Mutter?”
"Ich weiß, wo sie ist und was sie ist. Ich weiß auch, warum sie hier weggelaufen ist. Sie hat sich da rausgehalten bei Dir. Weil Du sie genauso wenig geliebt hast wie mich. Weil Du so gut und so anständig bist. Nie bist Du für sie oder für mich auch nur einen Strichbreit von Deinem Tugendpfad abgegangen. Du hast uns immer nur verziehen, aber nie wirklich geliebt."

"East of Eden". In seinem persönlichsten Film pocht Kazan wieder auf alle Tugenden, die er selbst über Bord warf, als er 1952 bei einer "freiwilligen" Aussage vor McCarthys Senatsausschuss unamerikanischer Aktivitäten Namen von Freunden preisgab, die wie er in den 30ern Kontakte zur Kommunistischen Partei hatten. Er gefährdete damit ihre Existenz. Der Stachel des naming names ist an ihm haften geblieben. Noch heute heißt es, er habe unliebsame Konkurrenten aus dem Weg räumen wollen.

"Keine Verteidigung, keine Entschuldigung, sondern die Beschreibung einer Erfahrung. Etwas Schreckliches an der intellektuellen Linken ist, dass sie für alles eine Antwort parat hat, die gleiche Antwort für alle. Karl Marx sagte etwas Wunderbares: 'Zweifle alles an, hege immer Zweifel. Frag nach, hake immer nach.'"

Kazan hat seine Ansichten bis zum Lebensende nicht geändert. Auch deshalb mischten sich in die späte, höchst umstrittene Oscarehrung 1999 für sein Lebenswerk sehr viele Misstöne. Kazan zog sich Ende der 70er von der Filmszene zurück, das Schreiben war ihm wichtiger geworden, auch ein Ruhestand als Familienmensch - so man das glauben will. Elia Kazan starb am 9. September 2003 in New York. Sein Werk bleibt unvergessen.

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