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Rio de JanerioLegendäres Maracanã-Stadion vor ungewisser Zukunft

Die Olympischen Spiele werden am Freitag im legendären Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro eröffnet. Doch das Sport-Monument könnte nach den Olympischen Spielen dauerhaft leerstehen, denn der Vertrag mit Brasiliens Fußball-Traditionsverein Flamengo Rio de Janeiro endet im Dezember dieses Jahres.

Von Carsten Upadek

Blick auf das Maranaca-Stadion in Rio de Janeiro. (dpa picture alliance/Nicole Becker)
Blick auf das Maracana-Stadion in Rio de Janeiro. (dpa picture alliance/Nicole Becker)

Das Maracanã – das einst größte Fußballstadion der Welt. Gastgeber von zwei WM-Finalen und Heim-Stadion von Brasiliens Fußball-Traditionsverein Flamengo Rio de Janeiro. Noch, sagt Flamengo-Geschäftsführer Fred Luz. Er droht damit, dass sein Klub bald nicht mehr im Maracana spielen könnte– und, dass das wichtigste Sport-Monument Brasiliens dann dauerhaft leer steht, zu einem so genannten Weißen Elefanten wird.

"Wenn der Staat Rio keine Lösung für das Maracanã findet, dann kann das Stadion ein weißer Elefant werden. Der Vertrag, den Flamengo heute mit dem Konsortium Maracanã hat, endet am 31. Dezember dieses Jahres. Wir respektieren diesen Vertrag, aber er vergütet Flamengo finanziell nicht ausreichend. Entweder sie offerieren bessere Konditionen, oder Flamengo wird das Stadion nicht mehr nutzen!"

Betreiberkonsortium will Stadion loswerden

Und nur Flamengo schafft es noch, das Maracanã zu füllen. Aber der Verein muss den Gewinn am Verkauf der Eintrittskarten zur Hälfte mit dem Maracanã-Betreiberkonsortium teilen. Der Klub ist mit dem Deal nicht zufrieden.

Das Betreiberkonsortium um Brasiliens größten Baukonzern Odebrecht auf der anderen Seite würde das Stadion allerdings am liebsten ganz loswerden, obwohl der Nutzungsvertrag mit dem Staat 35 Jahre läuft. Der Konzern muss sparen, denn er steckt bis zum Hals im teuren so genannten Lava-Jato-Korruptionsskandal, in den die Spitzen der brasilianischen Politik und Wirtschaft verstrickt sind. Auch das Maracanã spielt darin eine Rolle.

Mit dem Stadion macht das Konsortium jedes Jahr mehrere Millionen Euro Verlust. Deshalb verhandeln Odebrecht und Co. mit Rios Innen-Staatssekretär Leonardo Espindola. Der bestätigte dem DLF:

"Es gibt tatsächlich ein manifestiertes Interesse des Konzessionsnehmers aus dem Maracanã auszusteigen, aber das können sie rechtlich nicht machen."

Odebrecht und Co. beklagen, dass ihnen per Vertrag Mitte 2013 zugesichert wurde, ein Einkaufzentrum, einen Parkplatz und Restaurants bauen zu dürfen. Um Platz für die kommerzielle Ausbeutung zu schaffen, sollten eine ganze Reihe an Bauten im Umkreis des Stadions abgerissen werden. Darunter auch die Wassersportarena "Júlio Delamare" und das Leichtathletikstadion "Célios de Barros". Doch es gab heftige Proteste der Bevölkerung, die den Abriss verhinderten. Mitorganisiert wurden die Proteste vom "Volkskomitee WM und Olympia", dem der Geograf Demian Castro angehört.

"Célios de Barros ist das Maracanã des Athletismus, das wichtigste Leichtathletikstadion Brasiliens, große brasilianische Athleten sind hier ausgebildet worden und haben Rekorde gebrochen. Ähnliches gilt für die Schwimmsportarena. Sie zu zerstören, um ein Einkaufszentrum zu bauen, befriedigt allein das ökonomische Interesse eines einzelnen Unternehmens."

Die Proteste 2013 richteten sich vor allem gegen den damaligen Gouverneur. Der wurde nun, drei Jahre später, mehrfach von Ex-Spitzenfunktionären des Maracanã-Baukonsortiums in den Lava Jato-Ermittlungen beschuldigt, fünf Prozent der Umbaukosten als Schmiergeld verlangt zu haben: bei 330 Millionen Euro wären das 16,5 Millionen Euro.

"Das zeigt uns, warum das Bauprojekt so teuer war, warum so oft nachgebessert wurde", sagt Demian Castro vom Volkskomitee."Weil ein Teil des Geldes weitergeleitet wurde zur Finanzierung von Wahlkampfkampagnen."

Die Bauverträge interessieren seitdem auch Rios Landesrechnungshof. Anfang Juli blockierten die Kontrolleure ausstehende Zahlungen des Staates für andere Bauprojekte, der an der Maracanã-Reform beteiligten Baukonzerne um Odebrecht. Der Konzern teilte dem DLF schriftlich mit, man äußere sich nicht zu dem Thema.

"Es gibt zahlreiche Irregularitäten"

"Es gibt zahlreiche Irregularitäten", sagt Rechnungshofpräsident Jonas Lopes de Carvalho. "Dinge, die nie gemacht wurden, aber abgerechnet und bezahlt. Der Rechnungshof hat die Irregularitäten festgestellt und den Schaden berechnet, der dem Staat verursacht wurde."

Er kam auf umgerechnet knapp 55 Millionen Euro und sperrte Kredite in dieser Höhe für Odebrecht und Co. Der Konzern ging vor Gericht um per Eilantrag die Freigabe der Mittel zu beantragen – scheiterte aber am Dienstag dieser Woche. Odebrecht hat nun bis zur Woche nach den Olympischen Spielen Ende August Zeit, die Irregularitäten zu rechtfertigen.

"Ich hoffe sogar, dass sie unser Tribunal überzeugen können", so de Carvalho. "Als Bürger finde ich es schwer zu akzeptieren, dass 55 Millionen durch den Abfluss gespült wurden!"

Über die Zukunft des Maracanã soll hinter den Kulissen entschieden werden, während alle Welt auf die Olympischen Spiele schaut. Rios Bürgermeister hat sich Anfang Juli eingeschaltet und verkündet, das Maracanã vom Staat übernehmen zu wollen. Das ist ganz im Sinn von Flamengo-Geschäftsführer Fred Luz, der das Maracanã gern selbst verwalten- und so wieder rentabel machen will:

"Wenn die Flamengo-Fans auf das Maracanã schauen als ihr Stadion – und nicht das von Odebrecht – dann haben wir ganz andere Möglichkeiten der Kommerzialisierung."

Klingt erst einmal gut: Odebrecht will das Maracanã loswerden – die Stadt Rio und Flamengo wollen einspringen. Es gibt nur ein Problem: die Betreiber um Odebrecht bezahlen dem Staat für die Nutzung des Maracanã jährlich umgerechnet 1,5 Millionen Euro Kaution. Und sie sind verpflichtet, fast 165 Millionen Euro um das Stadion herum zu investieren. Geld, auf das der Staat nicht verzichten will. Doch ebenfalls eine Kaution für die Nutzung zu zahlen, davon will Flamengo nichts wissen, schließlich fülle man zumindest das Stadion: Damit das Maracanã kein Weißer Elefant wird, muss es dann schon zumindest ein Geschenk sein.

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