Rita Kuczyniski ist gelernte Philosophin und damit der Weisheit verpflichtet. Doch was sie mit ihrem Bändchen über die "Rache der Ostdeutschen" zu Papier gebracht hat, gereicht der einstigen Mitarbeiterin am Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR wahrlich nicht zur Ehre.
Ich denke, Geschichte wird alle zwölf Jahre neu interpretiert. Da gibt es Zyklen, die sind auch in der Historiographie bekannt, dass die Interpretation von der Gegenwart aus in die Vergangenheit neu veranschlagt wird und natürlich unter den Gesetzmäßigkeiten dessen, was man braucht. Alle zwölf Jahre setzt eine andere Interpretation ein.
Es ist schwer zu verstehen, dass eine Publizistin, die über Hegel promoviert hat, an US-amerikanischen Universitäten arbeitete und als ehemalige Schwiegertochter von Jürgen Kuczynski, dem Nestor der Wirtschaftsgeschichte der DDR, der edlen intellektuell-bourgeoisen Elite jenseits der Mauer zuzurechnen war, ein so verheerend banales Bändchen verantwortet. Es verbreitet gänzlich unreflektiert rückwärtsgewandte, DDR-nostalgische Statements von erstaunlicher Schlichtheit, so ganz nach dem Tenor:
Bei uns in der DDR war es einfach herzlicher. Da war nicht jeder des anderen Konkurrent. Wir haben uns nicht gegenseitig in den Dreck getreten. Das gab es hier und da auch mal, aber es war nicht das Gesellschaftsprinzip. Es war sozial einfach wärmer, selbst wenn es Spitzel gab. Es gab eben beides.
Das ist nicht etwa die Meinung der Autorin, sondern die letzte der von Rita Kuczynski protokollierten Aussagen in jenem Auftragswerk aus dem Parthas-Verlag. Dieser wollte der nicht eben originellen Frage auf den Grund gehen, warum die Partei des Demokratischen Sozialismus vor allem im Osten Berlins auch zwölf Jahre nach dem Ende der Diktatur eine so treue Anhängerschaft hat. Rita Kuczynski hat sich also aufgemacht und in ihrem Bekanntenkreis, aber auch im Dunstkreis der Partei 22 bekennende Berliner PDS-Wähler nach deren Lebenssituation und den Gründen für ihre Wahlentscheidung befragt. Zwanzig ihrer jeweils nur etwa zweistündigen Gespräche über das Dasein vor und nach der Wende hat die Autorin anonymisiert, in einen fiktiven, leider beliebigen Kontext gestellt und gekürzt wiedergegeben: Da tauchen als jüngste Interviewpartner Michaela und Maja auf, beide 21 Jahre alt, die eine Studentin, die andere Schulabgängerin, dann geht es durch alle Altersgruppen und verschiedene Berufszweige bis zur 78-jährigen pensionierten Lehrerin, die aus Bewunderung für Gregor Gysi der PDS ihre Stimme geben hat und erklärt:
Eine Diktatur war die DDR nicht... Ich habe ja in der Schule oft das Fach Staatsbürgerkunde zu vertreten gehabt. Da hab ich mir häufig die Verfassung der DDR unter den Arm geklemmt und den Schülern daraus vorgelesen. Dann haben die Kinder gesagt: Das steht alles in der Verfassung? Sie haben gestaunt, dass es ein Recht auf Glaubensfreiheit gab. Es gab keinen Rechtsstaat. Das ist wahr, und es gab kein Verfassungsgericht.
Als Vorbilder für ihre dilettantischen Interviews haben ihr Ben Witter und Maxie Wander gedient, bemerkt Rita Kuczynski in aller Unbescheidenheit. Der Vergleich mit beiden verbietet sich, wie an diesem Beispiel offenkundig wird: Zum einen, weil Kuczyniski sich auf einem ärmlichen sprachlichen Niveau bewegt, zum anderen, weil sie die Chance vergibt, individuelle Erfahrungen ihrer Gesprächspartner wirklich zu ergründen oder Positionen zu hinterfragen, weil sie Brüche und Widersprüche schlicht ignoriert. Die verfassungstreue DDR-Lehrerin hat als 78-Jährige vermutlich den Kampf der SED gegen die Junge Gemeinde in den 50er-Jahren miterlebt. Sie hätte auch über Schüler befragt werden müssen, die wegen ihres Bekenntnisses zum christlichen Glauben diffamiert wurden, sie hätte über den Umgang mit dem mutig zum Unterrichtsthema erkorenen Verfassungsgrundsatz reden können. Die Autorin ist leider von Neugier nicht getrieben und leistet so der Verdrängung wie auch der Legendenbildung Vorschub. Weder sei sie selbst Sympathisantin der PDS, noch Mitglied der Staatspartei von einst gewesen. Auch bekundet Rita Kuczynski, sie habe ihr eigenes Selbstmitleid über den Verlust der Privilegien, die sie als Teil der Intellektuellen-Elite der DDR genoss, längst überwunden und die Vorzüge der neuen Ordnung schätzen gelernt. Die 58-Jährige verbreitet also schlicht und unreflektiert Klischees über das im Rückblick ach so kuschelige Leben im ja doch nicht zufällig untergegangenen Arbeiter- und Bauernstaat. Beispiel: die 63-jährige Näherin, die Stefan Heyms Formulierung von der DDR "als dem kleineren Übel" zitiert:
Vom Westen bin ich enttäuscht, weil sie uns nicht für voll nehmen. Jeder Wessi denkt doch noch heute, er könne sich über uns erheben, nur weil er sich mit Seidentaschentüchern die Nase putzt. Dabei vergessen sie, dass wir die Klügeren sind. Im Gegensatz zu den Westlern kennen wir schließlich zwei Leben. Wir können vergleichen. Und eben das können die Wessis nicht. Sie kennen doch nur ihr System mit all dem Flitterkram. Daher wissen sie ja zumeist gar nicht, wovon wir reden. Die Wessis ticken anders. Wir haben da einfach mehr Lebenserfahrungen.
Aussagen wie diese hätten durchaus eine Bedeutung für die gesamtdeutsche Gesellschaft, zeigen sie doch das Bedürfnis vieler Ostdeutscher nach Anerkennung und Respekt in der vom Westen dominierten Nachwendewelt. Doch Rita Kuczynski arbeitet das nicht heraus. Sie fächert vielmehr naiv den ganzen hinlänglich bekannten Strauß von Kriterien einer spezifischen ostdeutschen Heimatlosigkeit auf. Beschreibungen eines diffusen Gefühls von Fremdheit und Benachteiligung sind nichts Neues, die PDS selbst schürt diese nach Kräften, denn schließlich profitiert sie davon. Ihre Dialektik folgt einem klar definierten Feindbild: Der geldgierige, profitsüchtige Westmensch, dem selbstverständlich die Schuld für die Vertreibung aus dem paradiesischen Osten angelastet wird. Rita Kuczinskis selektive Nacherzählungen der offensichtlich beliebig zusammengepuzzelten Gespräche sind erschütternd simpel. So simpel aber ist weder dem komplexen Phänomen der ostdeutschen Identität noch dem Erfolg der PDS beizukommen. Aber die Philosophin verfolgte ja in Wirklichkeit auch ein ganz anderes Anliegen:
Ich denke, wenn es einen Sinn gibt dieses Buches, dann den Dialog zwischen den Ostdeutschen und den Westdeutschen zusammenzubringen, aufzubrechen und eine Verständigung zu bringen, insofern ein aufklärerisches Anliegen, etwas unmodern...
Jacqueline Boysen über: Rita Kuczynski - "Die Rache der Ostdeutschen", erschienen im Parthas Verlag, Berlin, 144 Seiten, 14,50 Euro.
Ich denke, Geschichte wird alle zwölf Jahre neu interpretiert. Da gibt es Zyklen, die sind auch in der Historiographie bekannt, dass die Interpretation von der Gegenwart aus in die Vergangenheit neu veranschlagt wird und natürlich unter den Gesetzmäßigkeiten dessen, was man braucht. Alle zwölf Jahre setzt eine andere Interpretation ein.
Es ist schwer zu verstehen, dass eine Publizistin, die über Hegel promoviert hat, an US-amerikanischen Universitäten arbeitete und als ehemalige Schwiegertochter von Jürgen Kuczynski, dem Nestor der Wirtschaftsgeschichte der DDR, der edlen intellektuell-bourgeoisen Elite jenseits der Mauer zuzurechnen war, ein so verheerend banales Bändchen verantwortet. Es verbreitet gänzlich unreflektiert rückwärtsgewandte, DDR-nostalgische Statements von erstaunlicher Schlichtheit, so ganz nach dem Tenor:
Bei uns in der DDR war es einfach herzlicher. Da war nicht jeder des anderen Konkurrent. Wir haben uns nicht gegenseitig in den Dreck getreten. Das gab es hier und da auch mal, aber es war nicht das Gesellschaftsprinzip. Es war sozial einfach wärmer, selbst wenn es Spitzel gab. Es gab eben beides.
Das ist nicht etwa die Meinung der Autorin, sondern die letzte der von Rita Kuczynski protokollierten Aussagen in jenem Auftragswerk aus dem Parthas-Verlag. Dieser wollte der nicht eben originellen Frage auf den Grund gehen, warum die Partei des Demokratischen Sozialismus vor allem im Osten Berlins auch zwölf Jahre nach dem Ende der Diktatur eine so treue Anhängerschaft hat. Rita Kuczynski hat sich also aufgemacht und in ihrem Bekanntenkreis, aber auch im Dunstkreis der Partei 22 bekennende Berliner PDS-Wähler nach deren Lebenssituation und den Gründen für ihre Wahlentscheidung befragt. Zwanzig ihrer jeweils nur etwa zweistündigen Gespräche über das Dasein vor und nach der Wende hat die Autorin anonymisiert, in einen fiktiven, leider beliebigen Kontext gestellt und gekürzt wiedergegeben: Da tauchen als jüngste Interviewpartner Michaela und Maja auf, beide 21 Jahre alt, die eine Studentin, die andere Schulabgängerin, dann geht es durch alle Altersgruppen und verschiedene Berufszweige bis zur 78-jährigen pensionierten Lehrerin, die aus Bewunderung für Gregor Gysi der PDS ihre Stimme geben hat und erklärt:
Eine Diktatur war die DDR nicht... Ich habe ja in der Schule oft das Fach Staatsbürgerkunde zu vertreten gehabt. Da hab ich mir häufig die Verfassung der DDR unter den Arm geklemmt und den Schülern daraus vorgelesen. Dann haben die Kinder gesagt: Das steht alles in der Verfassung? Sie haben gestaunt, dass es ein Recht auf Glaubensfreiheit gab. Es gab keinen Rechtsstaat. Das ist wahr, und es gab kein Verfassungsgericht.
Als Vorbilder für ihre dilettantischen Interviews haben ihr Ben Witter und Maxie Wander gedient, bemerkt Rita Kuczynski in aller Unbescheidenheit. Der Vergleich mit beiden verbietet sich, wie an diesem Beispiel offenkundig wird: Zum einen, weil Kuczyniski sich auf einem ärmlichen sprachlichen Niveau bewegt, zum anderen, weil sie die Chance vergibt, individuelle Erfahrungen ihrer Gesprächspartner wirklich zu ergründen oder Positionen zu hinterfragen, weil sie Brüche und Widersprüche schlicht ignoriert. Die verfassungstreue DDR-Lehrerin hat als 78-Jährige vermutlich den Kampf der SED gegen die Junge Gemeinde in den 50er-Jahren miterlebt. Sie hätte auch über Schüler befragt werden müssen, die wegen ihres Bekenntnisses zum christlichen Glauben diffamiert wurden, sie hätte über den Umgang mit dem mutig zum Unterrichtsthema erkorenen Verfassungsgrundsatz reden können. Die Autorin ist leider von Neugier nicht getrieben und leistet so der Verdrängung wie auch der Legendenbildung Vorschub. Weder sei sie selbst Sympathisantin der PDS, noch Mitglied der Staatspartei von einst gewesen. Auch bekundet Rita Kuczynski, sie habe ihr eigenes Selbstmitleid über den Verlust der Privilegien, die sie als Teil der Intellektuellen-Elite der DDR genoss, längst überwunden und die Vorzüge der neuen Ordnung schätzen gelernt. Die 58-Jährige verbreitet also schlicht und unreflektiert Klischees über das im Rückblick ach so kuschelige Leben im ja doch nicht zufällig untergegangenen Arbeiter- und Bauernstaat. Beispiel: die 63-jährige Näherin, die Stefan Heyms Formulierung von der DDR "als dem kleineren Übel" zitiert:
Vom Westen bin ich enttäuscht, weil sie uns nicht für voll nehmen. Jeder Wessi denkt doch noch heute, er könne sich über uns erheben, nur weil er sich mit Seidentaschentüchern die Nase putzt. Dabei vergessen sie, dass wir die Klügeren sind. Im Gegensatz zu den Westlern kennen wir schließlich zwei Leben. Wir können vergleichen. Und eben das können die Wessis nicht. Sie kennen doch nur ihr System mit all dem Flitterkram. Daher wissen sie ja zumeist gar nicht, wovon wir reden. Die Wessis ticken anders. Wir haben da einfach mehr Lebenserfahrungen.
Aussagen wie diese hätten durchaus eine Bedeutung für die gesamtdeutsche Gesellschaft, zeigen sie doch das Bedürfnis vieler Ostdeutscher nach Anerkennung und Respekt in der vom Westen dominierten Nachwendewelt. Doch Rita Kuczynski arbeitet das nicht heraus. Sie fächert vielmehr naiv den ganzen hinlänglich bekannten Strauß von Kriterien einer spezifischen ostdeutschen Heimatlosigkeit auf. Beschreibungen eines diffusen Gefühls von Fremdheit und Benachteiligung sind nichts Neues, die PDS selbst schürt diese nach Kräften, denn schließlich profitiert sie davon. Ihre Dialektik folgt einem klar definierten Feindbild: Der geldgierige, profitsüchtige Westmensch, dem selbstverständlich die Schuld für die Vertreibung aus dem paradiesischen Osten angelastet wird. Rita Kuczinskis selektive Nacherzählungen der offensichtlich beliebig zusammengepuzzelten Gespräche sind erschütternd simpel. So simpel aber ist weder dem komplexen Phänomen der ostdeutschen Identität noch dem Erfolg der PDS beizukommen. Aber die Philosophin verfolgte ja in Wirklichkeit auch ein ganz anderes Anliegen:
Ich denke, wenn es einen Sinn gibt dieses Buches, dann den Dialog zwischen den Ostdeutschen und den Westdeutschen zusammenzubringen, aufzubrechen und eine Verständigung zu bringen, insofern ein aufklärerisches Anliegen, etwas unmodern...
Jacqueline Boysen über: Rita Kuczynski - "Die Rache der Ostdeutschen", erschienen im Parthas Verlag, Berlin, 144 Seiten, 14,50 Euro.