Archiv


Robert Wilsons ''The Temptation of St. Anthony'' und Johan Simons ''Sentimenti'' bei der Ruhrtriennale

Das Saxophon wischt einen Auftakt in die riesige Weite der Jahrhunderthalle. Raum und Zeit sind groß – und die Menschen ziemlich klein in diesem Revier. Auf einem Plateau aus Brikett, gut 600 Quadratmeter groß, legen sie ihre typischen Ruhrgebietsexistenzen bloß. Und, in recht dekorativen Arrangements, die sentimentalen Gefühlswerte großer Verdi-Hits – vom "Va, pensiero", dem Gefangenenchor aus dem Nabucco, über das "Madre, non dormi?" aus dem Troubadour bis zur Krönung jener Fülle des Wohllauts, dem allen Todesgeruch übertönenden Final-Duett aus der Aida. Der Kontrast ist denkwürdig.

Frieder Reininghaus berichtet |
    Angekündigt war die "Kreation", bei der sich Intendant Gérard Mortier selbst als Dramaturg einschaltete, mit dem niederländischen Titel Sentimenten (da all die Ausführenden aus dem benachbarten Eindhoven kamen); doch dann wurde das Kind, der italienischen Arien wegen, Sentimenti getauft (klingt ja auch etwas weltläufiger und eleganter). Die Produktion erweist sich als Liebeserklärung an das Ruhr-Revier. Gestützt auf Ralf Rothmanns Roman "Milch und Kohle" über eine Jugend in den 60er Jahren: eine Szenen-Folge über die Banalität des Alltags zwischen der Liebe des unter Tag schuftenden Vaters zum Kanarienvogel und der bei Tag und vor allem zur Samstag-Nacht lebenslustigen Mutter, die sich in der "Affäre" mit dem Gastarbeiter Gino entlädt.

    Das Schmiermittel des Abends bilden die teilweise wie aus guter alter Schallplattenzeit daherschrammenden Verdi-Happen – diese gulaschartig zubereitete Musik, die aus den Bugstücken, Hüften und Finalschinken der Opern herausgeschnitten und effektiv eingesetzt wurden. Dagmar Peckova, die Stimme der Mutter, und der Tenor Hector Sandoval verlängern und vergrößern die Gefühle der kleinen Leute mit großer Musik.

    Die guten Absichten des Festspiel-Leiters Mortier sind nicht zu verkennen: er zeigt nun, da abgefahrenere Modelle so wenig fruchteten, sein Herz für das Ruhr-Revier und seine kleinen Leute: stark sentimental grundierte Heimatkunst, die mit einem Schuss holländischer Distanz allerdings ihren eigentümlichen Charme entwickelt.

    In eine Neue Heimat anderer Art lockt Robert Wilson mit "The Temptation of St. Anthony". Er führt auf einen "Stationenweg" – zu Tableaus, die sich nun vor allem mit der Musik von Bernice Johnson Reagon erfüllen. Eine Sechser-Combo sowie vierzehn schwarze Sängerinnen und Sänger kultivieren eine in afroamerikanischer Tradition stehende Ton-Kunst, mit der es die Komponistin, Songwriterin und Produzentin schon zu Emmy-Auszeichnungen und Grammy-Nominierungen brachte.

    In mildem bläulichen Licht umreißen die neoromanischen Gewölbe-Andeutungen der ehemaligen Gebläsehalle im Norden Duisburgs eine in historischer Ferne entschwundene Welt: mit der klappbaren Papp-Palme über dem Eremiten-Stuhl schließen sie vielleicht ein wenig auch den Kunst-Orient Gustave Flauberts ein. Jedenfalls die Glaubenswelt des ägyptischen Heiligen, der mit seiner Einsiedler-Kolonie im 4. Jahrhundert ein Modell des christlichen Mönchtums entwickelt haben soll. Doch um eine religionsgeschichtliche Rekonstruktion geht es Robert Wilsons neuer Produktion in keiner Weise. Es geht um das Zelebrieren existentieller Situationen: Glaubenszweifel und Durchhaltevermögen, Versuchung durch leckeres Essen und köstlichen Wein, mehr oder minder attraktive Frauen und einen wirklich schönen Adonis. Die wahre Versuchung präsentiert sich in Gestalt des Lieblingsschülers Hilarion und der Frage: Kann in der Abgeschiedenheit gottgefälliges Leben erlangt werden oder muss sich der wahre Glaubenssucher nicht ins Getümmel wenigstens der Glaubensstreitigkeiten stürzen? Antonius und Hilarion stellen sich den Herausforderungen, ziehen hinaus, treffen auf Anhänger von Naturreligionen, einen Brahmanen, Götzendiener und verschiedene christliche Konfessionen. Verklärt kehrt der Heilige an seinen Ausgangsort zurück – die Inbrunst der Musik hat ihn durch Räume und Zeiten getragen.

    Wilsons kontemplatives Theater, das stets Momente des Dilettantischen kultivierte, verträgt sich mit dem Sound der New Yorker Laienspiel-Truppe um Bernice Johnson Reagon nicht schlecht, mit dieser notorisch dur-getönten Erweckungskunst. Da bleibt nur fassungsloses Staunen vor solchem gewerblichem Glaubensoptimismus, der längst mit der Werbebranche eins wurde: Heimatkunst des Global Village.

    Link: mehr ...

    1411.html