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StartseiteCorso"Die Realität ist schlimmer"23.08.2019

Roberto Saviano und die "Paranza""Die Realität ist schlimmer"

Die Romanverfilmung "Paranza - Der Clan der Kinder" über Neapels Teenager-Gangs kommt ins Kino. "Followerzahlen, Geld und Aussehen sind das Wichtigste für sie", sagte Autor Roberto Saviano im Dlf. Dafür würden sie auch töten. Er selbst lebt wegen Morddrohungen der Mafia seit 13 Jahren mit Personenschutz.

Roberto Saviano im Corsogespräch mit Sigrid Fischer

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Saviano erhält seit Oktober 2016 Personenschutz, weil der Morddrohungen von der Camorra erhielt. (picture alliance / dpa / Cesare Abbate)
Der italienische Journalist und Schriftsteller Roberto Saviano präsentiert im Sanita Theater in Neapel seinen ersten Roman "La paranza dei bambini" (etwa: "Fischzug der Kinder"). (picture alliance / dpa / Cesare Abbate)
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"Gomorrha" heißt das bekannteste und erfolgreichste Buch von Roberto Saviano, über die kriminellen Geschäfte der Camorra und die Mafiaverflechtungen seiner Heimatstadt Neapel. Film und Serie folgten und er lebt seit der Veröffentlichung mit staatlichem Personenschutz, denn er bekommt Morddrohungen. Innenminister Salvini hat die Notwendigkeit seines Schutzes jüngst infrage gestellt. Aber der studierte Philosoph schreibt weiter. Bevor auf dem Filmfest Venedig übernächste Woche "Zero Zero Zero" nach seiner Vorlage gezeigt wird, läuft bei uns seit gestern im Kino "Paranza – Der Clan der Kinder". Eine fiktive Geschichte, die sehr nah an der Realität jugendlicher Clans in Neapels Straßen spielt, die für das schnelle Geld mit Drogen handeln und töten.

Sigrid Fischer: Was zeigt uns Ihr Film? Dass Jugendliche kapiert haben, wie Kapitalismus funktioniert?

Roberto Saviano: Sie verstehen ganz instinktiv, worum es im Leben geht: dass nur Geld zählt, entweder hat man genug davon oder man ist der Dumme. Drei Dinge sind für diese Jugendlichen wichtig: das Bargeld in ihrer Tasche, die Zahl der Follower in den sozialen Medien, ihr Aussehen.

Fischer: Das gilt wohl für viele Jugendliche in dem Alter, aber nicht alle gehen diesen Weg, nicht alle werden zwangsläufig kriminell und zu Mördern.

Saviano: Was ich am Beispiel der Jugendlichen-Banden zeigen wollte ist, dass sie letztlich das gleiche suchen, wie alle ihre Altersgenossen. Ich wollte meinen Lesern und Zuschauern nahelegen, dass es bei ihren Kindern nicht anders ist.  Weil wir alle diese niederträchtige Welt geschaffen haben, in der solche Werte gelten. Und wenn die mit der Waffe in der Hand verteidigt werden, dann hat das diese dramatischen Folgen. Was nicht heißt, dass es ohne Waffe in der Hand weniger gefährlich wäre, diese Werte hochzuhalten. Das Problem ist der Werteverfall in der westlichen Welt, dass Grundrechte, dass soziale Sicherheit nichts mehr gelten. Und das kann man nicht mit Geld kaufen. Aber die junge Generation scheint zu glauben, dass man mit Geld alles kaufen kann.  

Savianos Buch im Versteck von El Chapo

Fischer: Ihr Thema, Roberto Saviano, ist die organisierte Kriminalität, die Camorra. Was kann die Kunst, was können Bücher und Filme im Kampf gegen die Mafia bewirken?

Saviano: Ich habe zum Glück erleben dürfen, wie stark meine Arbeit auf die Realität wirkt, das kommt ja selten vor. Mein Buch "Gomorrha" hat enorm viel Licht in einen Bereich geworfen, über den man bis dahin nicht viel wusste. Was Konsequenzen für mein persönliches Leben hatte. Zum Beispiel wurde mein Buch "Zero Zero Zero - Wie Kokain die Welt beherrscht" im Versteck von El Chapo gefunden. Das heißt, sie wollen schon gerne wissen, was über sie geschrieben wird. Ich weiß nicht, ob Kunst etwas bewirken kann, ich weiß nur, dass sie Licht ins Dunkel bringen und etwas bewusst machen kann, und so Druck auf die Politik ausübt, zu handeln. Als ich noch als Journalist Artikel über die Clans geschrieben habe, hat mir niemand geglaubt, es brauchte erst ein Gerichtsurteil als Beweis. Was ich sagen kann ist, dass die Mafia sich im Dunkeln ausbreitet, und im Hellen gestoppt werden kann.  

Fischer: Seit 2006 leben Sie mit Polizeischutz, Sie werden von der Mafia bedroht, seit Ihr Roman "Gomorrha" erschienen ist. Wie behalten Sie trotzdem Kontakt zum normalen Leben? Woher wissen Sie, wie die Jugendlichen auf der Straße ticken?

Saviano: Was sich verändert hat, ist mein Blickwinkel auf die Clans. Jetzt sehe ich die Mitglieder im Gefängnis oder im Gerichtssaal. Das klingt vielleicht paradox, aber so dringe ich noch tiefer zu ihnen vor, ich kriege besser mit, wie sie denken und fühlen. Oft kontaktieren mich Anwälte, so bekomme ich Einblick in einige Fälle. Aber natürlich vermisse ich es, durch Neapels Straßen zu spazieren, aber das geht nicht mehr. Trotzdem bin ich ihnen näher als früher, und deshalb wollte ich mit dem Roman in ihre Köpfe und Herzen schauen, und die Geschichte auf dieser Basis entwickeln.  

In Neapel herrscht Krieg

Fischer: "Der Clan der Kinder" ist keine Sachbuch-, sondern eine Romanverfilmung. Wieviel Realität und wieviel "Spielfilm" sehe ich denn da? Also wenn ich nach Neapel fahre, treffe ich dann auf diese Fünfzehnjährigen mit Maschinengewehr auf ihren Mopeds?

Saviano: Alles entspricht den Tatsachen. Ich habe noch vieles weggelassen. Wenn wir sie zum Beispiel auf einen Balkon schießen sehen, dann ballern sie sich in Wirklichkeit durch die ganze Straße. Die Realität ist noch schlimmer. Tatsächlich herrscht da ein Krieg. Den sieht man nicht immer, Neapel ist eine sehr schöne Stadt, das passiert nur in bestimmten Momenten, zum Beispiel wenn ein Clan gerade an Macht gewinnt. Neapel ist in letzter Zeit sehr touristisch geworden, und die Camorra will den Touristen keine Probleme machen. Dieser Krieg verläuft in Phasen, anders als etwa in Guatemala oder Caracas, wo er ununterbrochen tobt. In Neapel nicht. Aber wenn es eine Fehde gibt, dann ist Krieg.

Fischer: Warum hat Ihr Buch "Gomorrha" die Camorra eigentlich so verunsichert, dass sie Sie töten will? Was haben Sie damit ausgelöst?

Saviano: Nicht ich war das Problem, sondern meine Leser und die Tatsache, dass das Buch ihnen die Augen geöffnet hat. Wenn die erste Instanz im wichtigsten Mafiaprozess 10 Jahre dauert, und die zweite fünf, dann erzeugt das eine große Medienaufmerksamkeit und viel Engagement bei Polizei, Politik und Bürgern. Und als derjenige, der den Fokus auf diese Organisation gerichtet hat, wird man zum Symbol und zwischen zwei Seiten erdrückt: da ist einerseits das Todesurteil, auf der anderen Seite denken viele, das sei erfunden, die Gefahr sei vorbei, denn ich lebe ja noch. Diese Position teilt Innenminister Salvini. Das ist natürlich eine perverse Logik, weil es bedeutet: erst wenn Du stirbst, hast Du die Wahrheit gesagt. Mit Deinem Blut musst Du beweisen, dass Du kein Lügner bist.

Salvini trägt Uniform

Fischer: Welchen Einfluss hat denn die Regierung aus "Fünf Sterne" und "Lega" auf die Mafiaaktivitäten? Ändert sich etwas im Vergleich zu vorher – zum Guten oder zum Schlechten?

Saviano: Die aktuelle Regierung unternimmt nichts gegen die Mafia. Matteo Salvini wurde in Kalabrien gewählt, unfassbar, zwanzig Jahre lang hat er gegen den Süden Politik gemacht, jetzt wird er da gewählt. Und die Lega-Leute in Kalabrien stehen der ‘Ndrangheta nahe. Und es ist bewiesen, dass da Gelder an die Partei geflossen sind – über einen Broker der Familie De Stefano. Das ist die gleiche Strategie, die Duarte auf den Philippinen fährt oder Hugo Chavez, sie tun so, also ob sie etwas unternehmen würden, indem sie mal einen Drogendealer festnehmen oder ein illegales Gebäude zerstören. Aber tatsächlich ändert sich nichts. Matteo Salvini trägt jeden Tag eine Polizeiuniform, das ist der bemerkenswerteste autoritäre Akt, den es in Europa seit langem gegeben hat. Uniformen werden nur in Regimen getragen, aber nie in Demokratien, außer zu offiziellen Anlässen wie einem Truppenbesuch oder zum Schützenfest.

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