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StartseiteKultur heuteRobinson als Mittelstandssöhnchen21.04.2012

Robinson als Mittelstandssöhnchen

Jan Bosse inszeniert "Robinson" nach Daniel Defoe im Wiener Burgtheater

Jan Bosse decouvriert "Robinson" als zumeist unreflektierte Urgeschichte unserer noch immer geltenden überaus zweifelhaften Ideologie, die sich eingenistet hat zwischen Kolonialgestus, Herrenmenschentum und Wachstumsorientierung.

Von Sven Ricklefs

"Robinson" im Wiener Burgtheater (Stock.XCHNG / Michael Gordon)
"Robinson" im Wiener Burgtheater (Stock.XCHNG / Michael Gordon)

Zunächst kann man sich ernsthaft fragen, was soll uns das, was, das wir auf einer Tribüne auf der Bühne des Wiener Burgtheaters sitzen, die bis in den Zuschauersaal reicht und was, das uns da zwei Schauspieler in eben diesem Zuschauersaal aus der ersten der verbliebenen Reihe heraus den Robinson vormachen.

Dass man demonstrativ die Perspektiven wechselt und die Bühne in den Zuschauerraum verlegt ist als Idee so neu nicht und auch sonst hält sich der Erkenntnisgewinn zunächst in Grenzen.

Natürlich erzählt der großartige Joachim Meyerhoff bravourös, wie er das schon bei seinen fantastisch ausgeschmückten autobiografischen Projekten unter dem Titel "Alle Toten fliegen hoch" unter Beweis gestellt hat und so erstehen die erste Seefahrt des in die Weite drängenden Kaufmannssohns Crusoe, die erste Seekrankheit, der erste Sonnenuntergang auf hoher See, der erste Schiffbruch, die Jahre in der Sklaverei, die Flucht, die Rettung ... .im eiligen Zeitraffer und in einer so drängenden und überaus vergnüglichen Plastizität, dass die Frage nach dem warum wir da nun auf das Plüschmeer des Wiener Burgtheaters schauen sollen, dass diese Frage schnell vergessen ist. Zudem gibt der neben Meyerhoff sitzende Ignaz Kirchner mit seinem kleinen herrlich verquetschten Miesepetergesicht als Vater Crusoe unter der historisch korrekten Lockenpracht dann doch die erste Fährte:

"Du gehörst nun einmal dem Mittelstand, dem gehobenen Bürgertum an, den ich aufgrund meiner Erfahrung als den besten Stand anerkannt habe, da er am ehesten das Glück der Menschen garantiert. Das Glück diesem Stand anzugehören kannst Du schon daran erkennen, dass sie uns alle darum beneiden."

Robinson, der Abenteurer, der Seefahrer. Robinson der Schiffbrüchige, der einsame Surviver, der Inselkönig. Robinson der Plantagenbesitzer, der Sklavenhändler, der immer nach Neuer, Schöner, Höher strebende puritanische Gottesfürchtige und Urkapitalist, ... dieser Robinson nun als Mittelstandssöhnchen hier in der ersten Reihe Parkett des Wiener Burgtheaters. Und genau hier, im Meer der Parkettreihen erwacht der einsam an den Inselstrand geschwemmte Robinson auch wieder, nackt und ungeschützt, was der durch Geburt und Erziehung kultivierte Neue Wilde allerdings schnell zu ändern weiß. Waren ihm Strandgut und Kokoswedel wohl im Original die Quelle für Hausbau und Lendenschurz, so sind es ihm nun Stuhllehnen und Brokatbordüren, die er sich aus den Prunklogen des Burgtheaters reißt, um sie wahlweise aufzutürmen oder sich um die Hüften zu kordeln.

Ja der Mensch ist erfindungsreich und weiß sich seine Umgebung nutzbar zu machen. Später, Joachim Meyerhoff hat als eine Art Otto-Waalkes-Wiedergänger auf Erkundungstour sich die langen Inseljahre und uns die Theaterzeit auf das kurzweiligste vertrieben, im Ziegenfelloutfit, mit fliegender Mähne und mit Bartlängenvariationen, später kommt dann doch der berühmte Gefährte Freitag hinzu.

Ignaz Kirchner hat sein Wildenkostüm im Samsonite-Rollköfferchen dabei und schminkt sich die Wildenfratze schnell mal ins Gesicht, bevor er als buckelnder Untermensch das Kulturtheatervokabular seines Herrn nachplappern muss, das da heißt: "Klapppolsterreihe" oder "Stuhllehne mit "Nußbaumapplikation"oder: "Hat das eine Pause?" Und wenn der Wilde doch mal wieder Menschenfleisch knabbert, gibt’s eine besondere Strafe:

"Freitag, das ist tabu!"
"Tabu?"
"Ja, tabu, Hände ab."
"Tabu."
"Tabu."
"Tabu."
"Das tust du nie wieder."
"Tabu."
"Nie wieder."
"Tabu."
"Ich bring dich um, wenn du das noch mal machst. Los jetzt, ab nach hinten. Ab letzte Reihe."
"Nein bitte."
"Doch. Stehplätze."
"Nein bitte."
"Los. Du Schwein."

Jan Bosse hat mit seiner überaus amüsanten theatralen Fingerübung, die auf eine Idee von Joachim Meyerhoff zurückgeht, gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: zunächst decouvriert er im Nebenbei Daniel Defoes über die Jahrhunderte so beliebten Roman als das was er ist: Als zumeist unreflektierte Urgeschichte unserer noch immer geltenden überaus zweifelhaften Ideologie, die sich eingenistet hat zwischen Kolonialgestus, Herrenmenschentum und Wachstumsorientierung. Und zugleich bespiegelt Bosse auf höchst intelligente Weise den Kulturbürger im samtroten Klappsessel. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes zum Totlachen.

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