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StartseiteFirmenporträtRobust auch ohne bohnern08.02.2013

Robust auch ohne bohnern

Deutschlands einziges Linoleum-Werk in Delmenhorst

Linoleum als Bodenbelag ist mit dem Siegeszug von PVC und Laminat etwas aus der Mode gekommen. Doch die strapazierfähigen Platten aus überwiegend nachwachsenden Rohstoffen gewinnen wieder mehr Freunde. Ein einziges Werk in Deutschland produziert sie noch: die Deutschen Linoleum-Werke in Delmenhorst.

Von Godehard Weyerer

Ein Mitarbeiter des Linoleum-Werkes Armstrong DLW AG in Delmenhorst kontrolliert den Zustand des frisch produzierten Fußbodenbelages. (picture alliance / dpa / Ingo Wagner)
Ein Mitarbeiter des Linoleum-Werkes Armstrong DLW AG in Delmenhorst kontrolliert den Zustand des frisch produzierten Fußbodenbelages. (picture alliance / dpa / Ingo Wagner)

Die dreigeschossige Fassade des schmucklosen Verwaltungsgebäudes schließt das 35 Hektar große Firmenareal zur Linoleumstraße ab. Seit 130 Jahren wird hier der Bodenbelag, nach dem die Straße benannt ist, hergestellt. Einige Hallen stammen noch aus den Gründerjahren - roter Backstein, gemauerte Schornsteine, schmale, verwinkelte Gassen. Der Verwaltungstrakt ist in den frühen 1970er-Jahren dazugekommen. Werkleiter Olaf Meik hat im zweiten Stock sein Büro. Im Flur hängen eingerahmt alte Linoleum-Muster - feine, orientalische Ornamente in dunkel-düsteren Farbtönen:

"Man hat gerade in den 20er-Jahren versucht, Orientteppiche zu imitieren. Sozusagen auch für den kleinen Mann den Eindruck zu vermitteln, man hat was Edles im Haus. Die sind manuell sehr aufwendig, das kann heute keiner mehr zahlen. Das passt nicht in eine industrielle Produktion, wie wir sie heute haben. Das war klassische Manufaktur."

Draußen auf dem Werksgelände steigt einem der typische Geruch in die Nase, den jeder kennt, der in der Schule schon einmal an einem Linoleum-Schnitt gearbeitet hat. Der Oxidationsprozess des Leinöls setzt die Ausdünstung frei, völlig harmlos und nicht gesundheitsschädigend, betont Werkleiter Meik. Die Bestandteile, aus denen Linoleum hergestellt wird, seien allesamt natürliche und nachwachsende Rohstoffe. Jute aus Indien, Bangladesh oder Pakistan, Harze aus Asien, das Leinenöl aus Kasachstan und Ukraine:

"Was wir aus Deutschland beziehen, sind Holzmehl und Kalke. Damals gab es in Delmenhorst noch das Jutewerk. Aus dieser Fabrik hatte man die Jute bekommen. Heute, wie gesagt, kriegen wir sie aus dem asiatischen Raum."

"Diese Masse wird dann zugesetzt mit entsprechenden Farben, aber am Ende wird diese Mischmasse an die sogenannte Kalanderlinie gebracht, wo die Mischmasse einfach gesagt platt gewalzt wird."

Die gemischte, klebrige Masse wird auf Jutefasern aufgetragen. Die zwei Meter breiten Bahnen laufen über temperierte Walzen. Werkleiter Olaf Meik steht am Ende der 50 Meter langen Produktionslinie. Das Linoleum in einem warmen, leicht marmorierten Gelbton wird nach der letzte Walze senkrecht nach oben geführt und verschwindet in einem Schlitz in der Decke:

"Eingesetzt wird das Linoleum in Schulen, Kindergärten, Krankenhäusern, Altenheimen, Sportstätten, Arztpraxen, weil es die Eigenschaft hat, dass es auch antibakteriell wirkt. Keiner weiß genau, warum, aber es ist Fakt, man hat dort weniger Keime, und durch die Oberflächenveredelung haben wir auch nicht das Problem, beim Vergießen von Blut oder anderen Flüssigkeiten, dass das in die Oberfläche eindringt, das kann man schön wegwischen."

Nicht von ungefähr ist Delmenhorst die einzige Stadt in Deutschland, in der es eine Linoleumstraße gibt. Gleich drei Fabriken lagen im Stadtgebiet. 1926 schlossen sie sich zu den Deutschen Linoleum-Werken, kurz DLW, zusammen. Heute ist Delmenhorst einzig noch verbliebener Produktionsstandort in Deutschland, weltweit gibt es noch zwei weitere, einer in den Niederlanden, der dritte in Italien. Das Linoleum-Werk in Delmenhorst beschäftigt heute 430 bis 450 Mitarbeiter, der Jahresumsatz beträgt rund 100 Millionen Euro. In den 1950er- und 60er-Jahren hatten Kunststoffböden wie PVC das Linoleum fast vollständig verdrängt. Ganze 150.000 Quadratmeter verließen damals noch das Werksgelände. Die Pflege des Linoleums war mit viel Arbeit verbunden - wienern, bohnern, schruppen, der Albtraum aller Hausfrauen und Reinigungskräfte:

"Das ist noch so das Denken der Großväter und Großmütter, die wirklich mit der Bohnerkeule gearbeitet haben. Wir haben die Oberflächen veredelt, in dem wir dort noch Lacke aufbringen. Damit ist das Thema Bohnern erledigt."

Bevor die Oberfläche des Linoleums versiegelt wird, muss die aufgetragene und gewalzte Masse nachtrocknen. Das geschieht im Reifehaus. Die zwei Meter breiten Linoleumbahnen werden unter der Hallendecke ins Reifehaus geführt und in Kammern bei konstanter Temperatur eingelagert.

"Wir verbrauchen hier sehr viel Energie, vor allen Dingen werden die Heizungen noch mit Dampf betrieben, so wie damals. Damit halten wir auch die Temperatur. Was wir ganz neu gemacht haben, ist ein Blockheizkraftwerk, wo wir sehr kostengünstig unseren eigenen Strom herstellen und unseren eigenen Dampf erzeugen."

Nach abgeschlossener Trocknung wird das Linoleum aufgewickelt und eingelagert. Linoleum, das im Gegensatz zum PVC keine schadstoffhaltigen Bestandteile aufweist hat, ist wieder im Kommen. Auch die Farbpalette ist attraktiver geworden. Früher gab es den Bodenbelag nur in dunklen Tönen - in Grau, Schwarz, Braun. Heute lassen sich alle Farben beimengen. Vor allem freundliche Farben sind gefragt, wie das warme Gelb, mit dem das Linoleum beschichtet ist, das in scheinbar endlosen Bahnen gerade über die Walzstraße im Delmenhorster Werk läuft.

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