Sonntag, 03. Juli 2022

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Rock-Club CBGBs
Spielwiese für Band-Legenden

Im Süden Manhattans eröffnete vor 40 Jahren ein Club, der zum Geburtsort neuer Bands und Musikrichtungen wurde. Künstler wie die Ramones und Patti Smith nutzten die Bühne als Spielwiese.

Von Oliver Stangl | 10.12.2013

"Keep Your Dreams" - das New Yorker Duo Suicide mit einer Aufnahme von 1978, entstanden live im CBGBs.
An der Bowery, im Süden Manhattans - ausgerechnet dort, wo sich heutzutage ein Normalsterblicher keine 10 Quadratmeter mehr leisten kann - eröffnete vor 40 Jahren ein Club seine Türen, der zur Keimzelle von Punk und New Wave werden sollte: das CBGBs.
Die Ramones haben hier ihre Karriere begonnen, ebenso wie Patti Smith, die Talking Heads oder Blondie. 1978 spielten The Police auf dieser Bühne ihr erstes Amerika-Konzert.
33 Jahre lang war der Club von Hilly Kristal eine Institution in Sachen Undergroundkultur, und dafür weltberühmt. Einige sprechen davon, dass das CBGBs genau heute vor 40 Jahren eröffnet wurde. Andere hüllen sich in Schweigen. Sicher ist: Es war im Dezember 1973. Und es ist sicher, dass sein Besitzer Hilly Kristal ursprünglich ganz andere Pläne mit dem CBGBs hatte. Oliver Stangl erzählt die Geschichte des legendären Musik-Clubs an der Bowery.
An den Toiletten im CBGBs gab es keine Türen. Sie zu benutzen sei immer ein Ereignis gewesen, erinnert sich Marky Ramone, Schlagzeuger der Ramones. Hilly Kristal, der Gründer, gab seinem Club einen ziemlich kryptischen Namen: CBGB OMFUG. Eine Abkürzung für – Achtung: "Country BlueGrass Blues, and Other Music For Uplifting Gormandizers". Sinngemäß in etwa: Country, Bluegrass, Blues und mehr für Musik-Gourmets. Genau das - einen Club für Country, Bluegrass und Blues - hatte Hilly Kristal auch eigentlich im Sinn gehabt, damals vor 40 Jahren im Dezember 1973, doch dann kam alles anders als geplant, erzählt Hilly Kristal.
"Statt Country, Bluegrass und Blues passierte plötzlich das, was später als "Punkrock" bezeichnet wurde. Viele Bands, die eigentlich die unterschiedlichsten Arten von Musik machten: Patti Smith, die Ramones, Television, Talking Heads oder Mink DeVille. Aber die Presse bezeichnete sie alle als "die Punkszene". Und die wuchs zwischen 1974 und 1976."
Es zählten nur Ausdruck, Energie und eigene Haltung
Anfang der 70er entstand eine musikalische Gegenkultur. Sie setzte sich ab sowohl von den Hippies und ihren Improvisationseskapaden als auch vom glatt polierten West-Coast-Rock im Radio. Im damals noch heruntergekommenen Süden Manhattans fanden diese jungen Bands zwar bezahlbare Proberäume, doch es gab keine Bühne, auf der sie sich ausprobieren konnten. Hilly Kristal füllte genau diese Lücke - unter einer Bedingung: Die Bands mussten eigene Songs spielen, und sie mussten etwas zu sagen haben.
Technische Versiertheit war uninteressant. Was dagegen zählte, waren Ausdruck, Energie und eine eigene Haltung. Direkt auf der Bühne des CBGBs konnten Bands wie die Ramones und Television oder Künstlerinnen wie Patti Smith ihren Sound finden und wachsen, erinnert sich Lenny Kaye, Gitarrist bei Patti Smith.
"Fast zwei Monate lang spielten wir vier mal die Woche im CBGBs. So konnten wir herausfinden, worum es in unserer Musik eigentlich ging. Und alle unterstützten sich gegenseitig."
Doch nicht nur die Underground-Szene wuchs, auch die Aufmerksamkeit von außen. Patti Smith bekam als erste Künstlerin aus dem CBGBs einen Plattenvertrag. Die Ramones unterschrieben beim Label Sire Records, das anschließend auch die Talking Heads im CBGBs entdeckte, wie Seymour Stein von Sire Records erzählt.
"Es war ein fast frühlingshafter Novemberabend, und eigentlich war ich wegen der Ramones ins CBGBs gekommen. Ich stand vor dem Laden mit Lenny Kaye - dem Gitarristen der Patti Smith Group - und plötzlich drang diese Musik nach außen, die mich wie magisch anzog. Ich ging ihr nach, bis ich im Club stand - und war sofort wie gefesselt."
Ab Mitte der 70er wuchs aus dem Punk eine neue musikalische Welle, die sich deutlich tanzbarer präsentierte: New Wave, mit Bands wie den Talking Heads und natürlich: Blondie. In den 80ern wurde das CBGBs dann der Club für die Hardcore-Punk-Szene. Und es kam eine zweite Bühne dazu: direkt nebenan, in der "CB's Gallery“ - einem Ort für Folk, Jazz und experimentelle Musik. So blieb das CBGBs in Sachen Underground-Kultur auch über die Jahrtausendwende hinweg relevant, doch die Lower East Side wurde immer teurer. Stichwort: Gentrifizierung. 2005 sollte Hilly Kristal angebliche Mietrückstände in Höhe von 91.000 Dollar begleichen. Am 15. Oktober 2006 schloss das CBGBs nach rund 33 Jahren seine Türen. Auf der Bühne stand an diesem Abend Patti Smith.
In Las Vegas wollte Hilly Kristal das CBGBs neu eröffnen, doch aus diesen Plänen wurde nichts mehr: Im August 2007 starb Hilly Kristal mit 75 an Krebs. Aber sein Werk lebt weiter: Seit zwei Jahren gibt es das CBGB Musik- und Filmfestival in New York. Im September hatte ein Spielfilm über die Geschichte des Clubs Premiere. Beides – Festival und Film – tragen dazu bei, dass das CBGBs als kreativer Ort und Inspirationsquelle für unzählige Bands und Künstler bis heute nachhallt: auf den Punkt gebracht am letzten Abend des CBGBs, von dieser Besucherin, die sagt, so gut wie jede Band, die sie mag, sei von einer anderen Band beeinflusst worden, die im CBGBs angefangen hat.