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Rock-Oper "The Wall" auf dem Potsdamer Platz

Als am 2. Juli Pink Floyd beim Live 8 zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder in der Urbesetzung auftraten, war dies ein von den Fans lang herbeigesehnter Tag. Roger Waters, der Schöpfer von "The Wall" konnte mit seinem Konzert an der Berliner Mauer, heute vor 15 Jahren, die Fan-Erwartungen nur teilweise erfüllen.

Von Uwe Golz | 21.07.2005
    Es war ein Konzert der Superlative, ein Konzert für Generationen und ein Konzert für den guten Zweck. Roger Waters Idee zur Aufführung von "The Wall" am 21. Juli 1990 wurde eines der größten Spektakel der Rockgeschichte, aber auch ein künstlerischer Flopp der Seinesgleichen suchte.

    Elf Jahre waren seit der Weltpremiere von Pink Floyds "The Wall" am 30. November 1979 vergangen. Nur vier Mal hatten Pink Floyd diese Mammut-Show aufgeführt – ein letztes Mal 1981, dann trennten sich – 1986 - ihre Wege. 1982 wurde The Wall zwar noch mit Bob Geldof in der Rolle des Musikers Pink verfilmt, das sollte es dann aber nach dem Willen von Waters gewesen sein. Nie wieder wollte er – Schöpfer von "The Wall" - sein Werk aufführen. Zwei Dinge änderten seine Meinung: der Fall der Berliner Mauer und der Brite Leonard Cheshire.

    Cheshire war im Zweiten Weltkrieg Bomberpilot gewesen, mit Orden überhäuft erkannte er 1945 die Sinnlosigkeit aller Kriege:

    "Ich habe den Krieg überlebt und will am Aufbau einer besseren Welt helfen."

    1948 gründete er die "Cheshire Homes" für behinderte Menschen und 1989 den "World War Memorial Fund for Disaster Relief". Diese Stiftung wollte für jeden der 100 Millionen Kriegstoten in diesem Jahrhundert fünf Pfund sammeln, insgesamt 700 Millionen Euro: die Zinsen dieser Summe sollten Katastrophen-Opfern in aller Welt direkt und unbürokratisch helfen. Cheshire konnte Roger Waters für diese Aktion begeistern und so nahm das Unternehmen "The Wall – Berlin 1990" seinen Anfang.

    Das Waters den Potsdamer Platz, den historischen Puls Berlins, als Austragungsort für seine Wall wählte, war kein Zufall. Die Mauer, als ein Symbol von Unterdrückung und Autorität, ist das zentrale Thema in Waters Werk. Die Befreiung aus dieser Umklammerung seine Botschaft.

    Roger Waters, einer der großen Eigenbrötler der Rockmusik, verarbeitete dabei nicht nur autobiografische Elemente und die eigenen Ängste, er mischt sie mit der Angst vor politischen Machtfantasien.

    Für "The Wall - Berlin 1990" wurde die größte jemals errichtete Bühne gebaut: 168 Meter breit, 41 Meter tief und an ihrem höchsten Punkt 25 Meter hoch, ließ sie die Akteure am Ende wie Ameisen erscheinen. Vier Wochen dauerte der Aufbau im – damals noch - Niemandsland zwischen Ost und West. Mehr als 600 Menschen waren an diesem Spektakel beteiligt. Allein 300 Mitarbeiter kümmerten sich um die "Spezialeffekte" und 50 Arbeiter bauten im Laufe des Konzerts eine Mauer aus 2500 Styropor-Steinen.

    Die Kosten waren mit 15 Millionen Mark für ein Rock-Konzert ebenso gigantisch und das obwohl alle Mitwirkenden auf ihre Gage verzichteten. Als Gewinn blieben rund sechs Millionen Mark, die Waters der Cheshire-Katastrophen-Hilfe spendete.

    250.000 Menschen waren live auf dem Platz, das Fernsehen übertrug das Ereignis weltweit für rund eine Milliarde Menschen. Bryan Adams, Cyndi Lauper,Thomas Dolby, The Scorpions, James Galway, The Hooters und Sinéad O’Connor, um nur einige zu nennen, standen mit Waters und seiner Bleeding Heart Band auf der Bühne, doch zu hören waren sie auf dem riesigen Areal kaum, geschweige denn zu sehen. Trotz aller technischen Großtaten kam es immer wieder zu musikalischen Pannen. Doch als dann kurz vor Mitternacht der Ruf "Tear down the wall" über den Potsdamer Platz erschallte – feierten eine Milliarde Menschen auf der Welt gemeinsam den Einsturz der Berliner Mauer.