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StartseiteForschung aktuellNeu entdeckte Art reitet fremde Ameisenkönigin17.01.2020

Rodeo-AmeisenNeu entdeckte Art reitet fremde Ameisenkönigin

Skurriler Zufallsfund in Texas: Ein amerikanischer Insektenforscher hat – mit Glück und einem scharfen Auge - gleich zwei neue Ameisenarten entdeckt. Beide klammern sich um die Taille fremder, sehr viel größerer Ameisenköniginnen - offenbar, um ihre Eier unter die ihrer "Reittiere" zu schmuggeln.

Von Joachim Budde

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"Rodeo-Ameise" auf dem Rücken der fremden Königin - Kopf und Mundwerkzeuge passen genau für einen sicheren Klammergriff Austin, Texas, USA. (Foto: Alexander L. Wild)
"Rodeo-Ameise" auf dem Rücken der fremden Königin - Kopf und Mundwerkzeuge passen genau für einen sicheren Klammergriff (Foto: Alexander L. Wild)
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Zur University of Texas in Austin gehört ein besonderes Stück Land:

"Das Brackenridge Field Lab umfasst rund 36 Hektar Felder und Wälder mitten in Austin. Die Ameisen dort sind so intensiv erforscht worden wie an kaum einem andern Ort der Welt, es gab hunderte Ameisen-Studien dort. Es ist ein magischer Ameisen-Ort."

Im Frühjahr vertrat sich Alex Wild dort die Beine. Das Gebäude mit der Insektensammlung, deren Kurator er ist, liegt direkt daneben. Der Entomologe drehte wie aus Gewohnheit einen Pflasterstein um und entdeckte eine kleine Ameisenkolonie. Soweit, so normal.

"Etwas kleines Rotes auf dem Rücken"

"Mitten drin sah ich eine Ameisenkönigin, auch das ist nicht ungewöhnlich. Als ich näher hinschaute, erkannte ich aber etwas kleines Rotes auf ihrem Rücken. Erst dachte ich: ein Käfer oder so."

Alex Wild brachte die Ameisenkönigin ins Labor, um sie unter der Lupe zu betrachten. Sie gehörte zu einer Art von Großkopf-Ameisen. Die Tiere heißen so, weil manche ihrer Arbeiterinnen besonders groß sind mit kräftigen Kauwerkzeugen. Deren Königin hatte Alex Wild also vor sich. Zu seiner Überraschung entdeckte er auf dem Rücken der Ameisenkönigin eine weitere rote Ameise:

"Ich schaute mir ihre Antennen an und erkannte, dass sie zum Genus Solenopsis gehört. Es war ein bizarres kleines Vieh, das sich da an den Rücken der Königin klammerte."

Art war bislang unbekannt

Alex Wild machte eine Reihe Fotos, zeigte sie Kollegen, aber keiner konnte ihm bei der Identifikation dieser Rodeo-Ameisen weiterhelfen, wie er sie nannte.

"Sie schaffen es, sich auf den viel größeren Wirtinnen zu halten. Sie klammert sich mit ihren Mundwerkzeugen um die schmale Taille der Großkopfameisenkönigin. Wenn man sich diese Werkzeuge genau ansieht: In der Mitte ist eine Öffnung ausgespart. Die Insekten können damit perfekt die Taille umfassen. Außerdem haben wir sie mitten in Texas gesammelt."

Alex Wild schickte Studenten auf Brackenridge Field, um nach weiteren Rodeo-Ameisen zu suchen. Sie durchstöberten Hunderte von Ameisenkolonien und schauten sich Dutzende Königinnen an.

Reiterinnen lassen ihre Brut von "Gastgebern" aufziehen

"Eines Tages entdeckte ein Student tatsächlich noch eine Reiterin. Es stellte sich aber heraus: In beiden Fällen waren es andere Arten von Großkopfameisen, und in beiden Fällen waren die Reiterinnen unterschiedliche Solenopsis-Arten."

Vermutlich leben die Reiterinnen parasitisch. Alex Wild glaubt, die Rodeo-Königinnen schmuggeln ihre Eier unter die der unfreiwilligen Gastgeber und lassen ihre Brut von denen großziehen. Unerkannt bleiben die Reiterinnen, weil sie den Großkopf-Königinnen sehr ähnlich sind, wie Alex Wild an einem Foto erläutert.

"Sehen Sie die Haare auf dem Rücken der Reiterin? Sie passen in Länge und Biegung sehr gut zu den Haaren auf dem Rücken der Wirts-Königin. Das sieht so aus, als wollte sie ihre Wirte auf diese Weise im Dunkel des Ameisennests irreführen, indem sie sich so anfühlt wie die heimische Königin."

Die andere Rodeo-Ameise hat genau wie ihre Wirtin eine kahle, glatte Oberfläche. Auch ihren Geruch dürften die Reiterinnen den Gastgeberinnen angepasst haben. Das gilt es noch zu erforschen. Doch dazu muss Alex Wild erst noch weitere Exemplare der Rodeo-Reiterinnen aufspüren.

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