Dienstag, 28. Juni 2022

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Römisches Reich
Imperium der Götter

Der Polytheismus war ein Durcheinander konkurrierender Gottheiten und brachte zumindest im Römischen Reich zustande, was wir heute wieder schätzen: eine Hybrid-Kultur. In einer Ausstellung dokumentiert das Badische Landesmuseum die Vielfalt des religiösen Lebens damals.

Von Christian Gampert | 16.11.2013

Der römische Polytheismus war im Grunde ein großer, entlastender ideologischer Luxus. Für jede Angelegenheit des öffentlichen Lebens gab es schöne Rituale und Zuständigkeiten, auf dem Kapitol die Staatsgötter Juno, Jupiter und Minerva, denen man Tiere opferte, und wenn man etwas Privates zu wünschen hatte, goss man dem Hausgott Lar ein Glas Wein ins Herdfeuer.
Vor dem Feldzug schaute man die Eingeweide von Schweinen an oder ließ Hühner picken, und wenn sie nicht so fraßen, wie es für eine günstige Prophezeiung nötig war, schmiss sie der Feldherr ins Wasser und ließ sie saufen, das galt dann auch.
Alles war also irgendwie von oben geregelt, andererseits auch von unten manipulierbar; spezialisierte Götter nahmen Gaben gnädig an, woraus für den Opfernden aber keinerlei Verpflichtungen für Alltag und Lebensführung erwuchsen. Ein Gott stand als gedankliches Konstrukt neben dem anderen: "Marktplatz der Götter" nennt das die Ausstellung, was bedeutet, dass es Toleranz, aber auch Konkurrenz gab und man bei Bedarf anderen Göttern huldigte.
Und derer gab es ja genug, auch importierte. Das imperialistische Römische Reich als "gelungenes Modell für die kulturelle Integration" des heutigen Europa zu preisen, wie das Badische Landesmuseum es tut, klingt ein bißchen schräg. Andererseits war die Reibung mit anderen Kulturen und fremden Göttern für Rom ungemein produktiv, sagt Kuratorin Susanne Erbelding.
"Allerdings werden diese in der Fremde im Osten des Imperiums lokalisierten Götter und Kulte nicht einfach nur importiert (oder exportiert), sondern sie werden von den Römern zu neuen Hybriden, zu Mischformen transformiert. Das heißt, man entwickelt Göttergestalten, die fremde Inspiration, fremde Anregungen aufgreifen, aber in Wirklichkeit mehr eigene Ingredienzien haben, als sie fremde Zutaten aufweisen. Das Fremde ist meistens nur eine Art exotisches Gewand."
Nach der Präsentation der Staatsgötter neben einem Heiligtum aus Lichtsäulen (Achtung, Ausstellungs-Architektur!) führt uns die Schau sofort zu den Mysterien, den Geheimkulten. Dort hat die Toleranz schnell ein Ende, denn die Bacchus-Jünger wurden im 2. Jahrhundert als Bedrohung der Macht gesehen, ihr ausschweifendes Treiben durch das in Blech gestanzte und hier gezeigte Bacchanalien-Dekret verboten.
Aber vor allem um die fremden Götter bildeten sich geheime Glaubensgemeinschaften: der aus Persien importierte Mithras ist ein typischer Sonnengott, sein Signet ist das Bild einer Stier-Tötung, Blut und Sperma des Stieres verleihen Potenz. Dieses Wandgemälde fand sich in kleinen Heiligtümern, und ein Mithräum, ein Mithras-Tempel aus Santa Maria Capua Vetere in Italien ist in der Ausstellung beeindruckend nachgebaut und ausgemalt. Was dort stattfand, war nicht immer schön: Der nur für Männer zugängliche Mithras-Kult arbeitete zur Initiation mit Schein-Tötungen – ein jüngst gefundenes Kult-Schwert aus einem Heiligtum bei Riegel am Kaiserstuhl gibt davon Zeugnis.
"Man muss also eine Initiation, eine Aufnahmeprüfung über sich ergehen lassen, und das andere Moment ist: Man hat eine Verpflichtung zum Stillschweigen. Es gilt bezüglich des Kultgeheimnisses ein absolutes Schweigegebot."
Die ägyptische Isis und die aus dem kleinasiatischen Raum kommende Göttermutter Kybele, hier nur unter dem Namen "Magna Mater" geführt, bedienen die Bedürfnisse nach Schutz, Nahrung und Fruchtbarkeit, der in Syrien erfundene Jupiter Dolichenus etablierte sich als Schutzgott des Staates auch in Rom. Zu all diesen Göttern gibt es beeindruckende Exponate, zum Teil aus neueren Grabungen: Kultgeschirr, liturgische Geräte, Weihereliefs. Strukturell tauchen in all diesen Kulten natürlich ähnliche Motive auf, die sich zum Teil auch ins Christentum fortsetzen.
Warum schließlich eine orientalische, monotheistische Religion in Rom obsiegt, das Christentum mit dem einen Gott, wird in der Ausstellung nur zart angedeutet. Aber das Christentum machte einfach das attraktivste Angebot: persönliche Beziehung zu Gott, eine klare, alltagstaugliche Ethik, eine deutliche Jenseitserwartung als Hoffnungs-Element. Als Schriftreligion hatte das Christentum einen weiteren Vorteil. Modelle frühchristlicher Hauskirchen beglaubigen ebenso wie Sarkophagplatten mit Petrus-Motiven das Leben der aufstrebenden neuen Gemeinschaft. Aber bevor das Christentum Staatsreligion wurde, musste es nicht nur Verfolgung, sondern auch Spott ertragen.
Die Ausstellung zeigt einen Wandputz mit Ritzzeichnung aus dem 2. Jahrhundert - dort sieht man den Gekreuzigten mit einem Eselskopf. Die blasphemische Karikatur ist allerdings die früheste Darstellung der Kreuzigung Christi überhaupt.