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StartseiteKultur heuteFantasiewesen in der Welt des Waldes28.02.2015

"Ronja Räubertochter" an der Rheinoper DuisburgFantasiewesen in der Welt des Waldes

Jörn Arnecke inszeniert den beliebten Kinderroman "Ronja Räubertochter" von Astrid Lindgren als Familienoper in Duisburg - und zeigt damit deutlich, was eine Familienoper sein kann.

Von Elisabeth Maifeld

Tobendes Donnergrollen und heftige Gewitterblitze. Schaurig hätte die Eröffnungsszenerie der Geburt von Ronja, der Räubertochter, vertont werden können. Doch aus der Ferne, beinahe lyrisch beginnt das erste von neun szenischen Bildern der Familienoper von Jörn Arnecke. Nach und nach setzt der Komponist Impulse. Er arbeitet mit klangfarblichen und melodiösen Zuordnungen: Die Interpretation vom Räubersohn Birk ist eher zart. Er wird charakterisiert durch das Timbre der Holzbläser. Sein Gegenpart ist die wilde Ronja, die eher durch ein musikalisches Motiv wiedererkennbar wird. Jörn Arnecke:

"Aber zu direkt wollte ich es nicht machen, weil ich auch glaube: Vieles läuft über Atmosphäre, die sich doch vielschichtig mitteilt und nicht nur über eine einfache Setzung."

Naturklänge sind wie geschaffen dafür, auskomponiert zu werden. Dies gelingt Arnecke durchaus. In der ausgereiften Darstellung der Waldidylle zeigen sich auch impressionistische Klangideen. Doch das, was wirklich aufhorchen lässt, ist die kompositorische Stringenz. Durchdacht spielt er mit harmonischen Strukturen und entwickelt melodische Spannungsbögen. Aperiodische Rhythmen treiben vorwärts, lassen aber Raum für Überraschungen.

Neue Musik als Klangerweiterung. Nicht unerheblich für die Gesamtdramaturgie ist auch, genauso wie im Roman, das zentrale Wolfslied, ein Wiegenlied.

"Mir ist klar, dass das für viele ein wichtiger Moment ist im Stück. Das soll auch gesungen werden in einer melodiösen Weise. Wie tonal soll so etwas sein? Ich habe da, glaube ich, einen Weg gefunden, eine Melodie zu schaffen, die schon nachsingbar ist, aber die trotzdem auch nicht simpel ist und die eher ein bisschen altertümlich-modal ist und weniger simpel Dur-tonal."

Gesummt oder instrumental, an anderer Stelle von Ronja angestimmt, verweist das Wolfslied auf die Anfangsszene. Die Mutter Lovis wiegt dort zur selben Melodie ihr Kind. Doch im weiteren Verlauf lässt das Libretto die komplexe Eltern-Tochter-Beziehung des Romans fast außen vor. Der rasche Wechsel der Handlungsorte, von der Burg der Räuberbande hinein in die naturalistische Waldszenerie, wird durch die Dreh– und Hebebühne möglich.

Fantasiewesen bevölkern die Lebenswelt des Waldes. So stolpert Ronja in den Bau der Rumpelwichte. Tatjana Ivschina, verantwortlich für Bühne und Kostüm, nutzt präzise eingesetzt große Requisiten. Da ist etwa ein übergroßer Fuß von Ronja im Wichtelbau, genau dann, wenn sich ein düsteres Fantasiewesen, die sogenannte Wilddrude nähert. Gefährlich schwebt sie von hoch oben herbei. Gekleidet ist sie in ein Meter langes pechschwarzes Gewand. Die Kostüme der Räuber haben wenig von zotteligen Grobianen im Schafspelz: Modern kommen sie daher, mit Schuhwerk und einem Mix aus Lederhose und Wollpullover. Durch Tanzszenen bekommen sie sogar stellenweise etwas Leichtes.

Die Sänger beherrschen ihre Partien gut. Steht die gesangliche Darstellung im Vordergrund, passiert es schnell, dass die Textverständlichkeit leidet. Das ist etwa im Duett des Jugendpaares Ronja und Birk der Fall.

In den zahlreichen Sprechpassagen ist der Text aber verständlich. Das trägt maßgeblich zum Erfolg der Kinderoper bei. Von überfrachteter Musik ist hier keine Spur.

Dirigent Lukas Beikirchen verwebt die Duisburger Philharmoniker, die Chöre, die Sänger und auch die Sprecherstimme zu einem homogenen Klangbild. Störend wirken vereinzelt die elektronischen Zuspielungen von Geräuschen wie Babygeschrei oder Geschirrgeklapper. Anders verhält es sich mit dem über Lautsprecher eingespielten Frauenchor, der die Lockrufe der Unterirdischen wiedergibt. Mit diesem Kunstgriff wird das Gespenstische hervorgehoben.

Regisseur Johannes Schmid intensiviert die Spannung mit filmischen Mitteln. Gerade dort, wo die Musik noch einmal an Dynamik gewinnt, greift er in die Trickkiste. Der abschließende Kampf um den Posten des Anführers beider Räubersippen endet überraschend in einer Slow-Motion-Szene. Ausholende Gesten zerfließen in einzelne Zeitframes. Als Konsequenz reißt die Musik förmlich ab: Entschleunigung für das große Schlussporträt der Versöhnung aller am Ende. Mit dieser Ronja Räubertochter wird deutlich, was eine Familienoper sein kann.

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