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StartseiteDlf-MagazinThüringer Geburtshilfe für Bremen 20.06.2019

Rot-grün-rote KoalitionenThüringer Geburtshilfe für Bremen

Die Hansestadt bekommt voraussichtlich eine rot-grün-rote Koalition, die erste in Westdeutschland. Unterstützt wird sie dabei aus Erfurt: Der Chef der Thüringer Staatskanzlei Benjamin-Immanuel Hoff berät als R2G-Flüsterer die kleine Bremer Linkspartei. Worauf es ankommt, sagt er: dass die Koalitionspartner einander auch Erfolge gönnen.

Von Henry Bernhard

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 Immer lieber auffällig als grau: Benjamin-Immanuel Hoff (Die Linke) während einer Sitzung im Thüringer Landtag (ZB)
Immer lieber auffällig als grau: Benjamin-Immanuel Hoff (Die Linke) während einer Sitzung im Thüringer Landtag (ZB)
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Christina Vogt: "Hallo!?"

Benjamin-Immanuel Hoff: "Ja! Ich musste erst auf LAUT gestellt werden."

Christina Vogt: "Ah, OK."

Benjamin-Immanuel Hoff sitzt in Erfurt. Er telefoniert dieser Tage ständig mit Christina Vogt.

Benjamin-Immanuel Hoff: "Also, ich bin Montag ja nicht da. Ich komme erst wieder Dienstagfrüh. Da müssen wir uns einfach mal abstimmen."

Sie telefonieren, wenn er nicht ohnehin gerade in Bremen ist. Die Bremer Linkspartei hat noch keine Regierungserfahrung. Sie bildet die kleinste Fraktion in der entstehenden Rot-Grün-Roten Koalition. Benjamin-Immanuel Hoff begleitet mit seiner Erfahrung die Koalitionsverhandlungen.

"Eine andere Erzählung probieren"

Benjamin-Immanuel Hoff: "Hast du jetzt noch Punkte, die für unser Gespräch aus deiner Sicht relevant sind?"

Christina Vogt: "Ich glaube, was für mich relativ wichtig war, dass wir in der öffentlichen Kommunikation tatsächlich auch fachlich was liefern müssen und dass wir uns dann aber auch genau abstimmen, welche Person was sagt."

Benjamin-Immanuel Hoff: "Na, da würde ich folgenden Vorschlag machen: Ob wir jetzt eine weitere Wahlperiode lang kontinuierlich nur über das Thema Haushaltsnotlage reden oder ob man - und das ist eine Erfahrung, die wir in Thüringen auch gemacht haben -, ohne dass man es übertreibt, aber doch Schritt für Schritt andere Themen in den Vordergrund rückt und auch eine andere Erzählung probiert."

Wendig, hellwach, undogmatisch

Benjamin-Immanuel Hoff zog mit 19 in das Berliner Abgeordnetenhaus ein, wurde mit 30 Staatssekretär im Berliner Senat und mit 38 Chef der Staatskanzlei in Erfurt unter dem linken Ministerpräsidenten Bodo Ramelow. Dass die Dreierkoalition aus Linken, Sozialdemokraten und Grünen in Thüringen relativ geräusch- und skandalarm funktioniert, das schreiben nicht nur Freunde, sondern auch Gegner dem promovierten Sozialwissenschaftler Benjamin-Immanuel Hoff zu. Er ist schnell, wendig, hellwach und das Gegenteil von einem Dogmatiker. Vor die Wahl gestellt, einen grauen Anzug oder einen grünen zu tragen, wird er sich immer für die auffälligere Variante entscheiden. Benjamin-Immanuel Hoff:

"Das nehme ich als ein Kompliment und sage Danke. Na ja, ich will mal so sagen: Es würde mir bei den politischen Themen gefallen, wenn es weniger Modeerscheinungen gäbe; ansonsten konnte ich noch nie etwas damit anfangen, dass man eine politische Haltung vor allem dadurch ausdrückt, dass einem Mode unwichtig ist. So."

"Das weiß ich besser!"

Den Titel als Honorarprofessor trägt er mit Stolz. Über seine intellektuellen Fähigkeiten lässt er seine Umgebung ungern im Unklaren. Autor: "Sie wissen ja hier schon immer alles besser in Thüringen?" Benjamin-Immanuel Hoff: "Das bestreite ich! Das weiß ich besser!" In Thüringen leitet er die Staatskanzlei, hält dem Ministerpräsidenten den Rücken frei, ist nebenbei noch engagierter Kultur- und Europaminister. Als die Bildungsministerin für einige Monate ausfiel, hat er auch noch ihr Ministerium übernommen. Nun also auch noch Berater der Genossinnen und Genossen in Bremen. Benjamin-Immanuel Hoff:

"Ich glaube, dass das ein Stress ist, denn ich doch ein Stück weit unterschätzt habe. Also, in Thüringen die Arbeit in der Schlussphase des Landeshaushaltes, mit der Diskussion, die wir derzeit über die Schlösserstiftungsgründung führen, die Familie, die in Berlin wohnt und der man als Familienvater auch Rechnung tragen will. Und dann die Arbeit in Bremen. Insofern bin ich den Rot-Grün-Roten Parteien in Bremen ganz dankbar, dass sie gesagt haben, sie wollen in drei Wochen fertig sein - und nun haben wir die erste Woche schon rum. Und in zwei Wochen soll der Koalitionsvertrag stehen."

Morgens 5:28 Uhr in den Zug nach Bremen, dort in die Verhandlungen, dann über Berlin zurück und weiter nach Erfurt in die Staatskanzlei. Christina Vogt in Bremen ist dankbar. Sie sagt:

"Naja, was kann Herr Hoff mir helfen? Natürlich konnte er uns ganz viel helfen, weil er zum einen weiß, wie man sowas gestaltet - also von zeitlichen Abläufen her; wie konkret muss die Vorbereitung sein? Und auch: Wie können solche Kommissionen zusammengesetzt sein? Was macht man da? Das war für uns im Vorfeld schon sehr wichtig. Und ich kann sagen: Wir sind eigentlich schon vor der Wahl gut vorbereitet gewesen."

Auch der Chef ist einverstanden

Auch Bodo Ramelow, Benjamin-Immanuel Hoffs Chef in Erfurt, lässt ihn gern für ein paar Tage seine Arbeit in Thüringen vernachlässigen, zumal er weiß, dass die Bremer Linke anders als die pragmatischen und klassenkampf-fernen Landesverbände im Osten funktioniert. Bodo Ramelow:

"Im Moment ist es so, dass die Linke in Bremen sehr dankbar ist, dass wir von Anfang an schon über eine lange Periode mit ihnen darüber geredet haben, was wir hier machen, was also Alltagspolitik ist. Es ist schon ein Unterschied - und das musste ich ja selber lernen -, ob Du als Oppositionschef mal die kesse Lippe schnell hast und mal scharfe Formulierungen wählst, oder ob du über die lange Distanz Alltagspolitik gestaltest."

Koalitionen von drei Parteien statt zwei, das heißt: noch mehr Prioritäten, noch mehr Eitelkeiten, noch mehr "Herzenswünsche". Benjamin-Immanuel Hoff hatte schon vor viereinhalb Jahren in Thüringen seine Prioritäten, die er nun auch den Bremern vermittelt. Benjamin-Immanuel Hoff:

"Ich bin jemand, der tatsächlich tief verinnerlicht diese Philosophie repräsentiert, dass eine Koalition nicht dadurch funktioniert, dass einer die beiden anderen Partner oder den anderen Partner marginalisiert. Dieses Prinzip, dass man sich gegenseitig etwas gönnt, dass man es schafft, dass, wenn die Koalition manchmal auch in schwierigen Auseinandersetzungen und Aushandlungsprozessen eine Entscheidung getroffen hat, dann wirklich überzeugt, alle drei Partner sagen: 'Da stehen wir dahinter. Und das ist unser gemeinsames Projekt.' Und nicht: 'Das haben die Grünen durchgesetzt; dann sollen sie es, verdammt nochmal, auch durchsetzen!', sondern: 'Das haben wir gemacht.'"

"Die Krise ist der Normalfall"

In Thüringen habe das meist ganz gut geklappt, meint Benjamin-Immanuel Hoff. Und viele Regeln gälten ja überall. Benjamin-Immanuel Hoff:

"Ich glaube, dass in einer Koalition das 'In-den-Tisch-beißen' und sich zusammen freuen eine ausgewogene Mischung sind. Es gilt in der Koalition, im Regierungsgeschäft insgesamt: 'Die Krise ist der Normalfall.' Dass es gut läuft, ist der Ausnahmetatbestand. Und wenn du darauf kognitiv eingestellt bist, dann kommst du damit eigentlich ganz gut hin."

Christina Vogt von den Bremer Linken wird es sich zu Herzen nehmen. Christina Vogt: "Alles klar. Ja. Tschüss!"

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