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Rote LaterneEine etwas bemühte Chinoiserie

Christian Josts Oper "Rote Laterne" wurde im Züricher Opernhaus uraufgeführt: Nadja Loschkys Regie überzeugt, selbst für sperrigere Passagen findet Loschky meist adäquate Bilder und Ideen. Obwohl man sich die Sache gerne anhört und ansieht, bleiben am Ende Zweifel hinsichtlich des Gesamtkonzepts. Was soll uns dieser Stoff aus dem China der 1930er-Jahre heute sagen?

Von Jörn Florian Fuchs | 09.03.2015

Anna Goryachova als Yen-er in der Oper "Roter Laterne", inszeniert von Nadjy Loschky
Anna Goryachova als Yen-er in der Oper "Rote Laterne", inszeniert von Nadja Loschky. (Monika Rittershaus)
Ziemlich düster geht es zu auf der Bühne des Zürcher Opernhauses. Ein grauer Kasten mit Türen steht da, von oben fällt sanfter Regen, später Schnee. Diffuse, leblos wirkende Gestalten kauern an einem Brunnen. Eigenartiges geschieht: Frauen irren umher, sie tragen Kleider irgendwo zwischen Schlafanzug und Laufsteg (Ausstattung Reinhard von der Thannen).
Ein älterer Mann beobachtet das Geschehen, greift immer mal wieder ein, hält sich oft aber auch vornehm zurück. Es ist Master Chen, der mit vier Ehefrauen zusammenlebt. Die jüngste ist erst 19, sie heißt Song-Lian und erlebt einen wahren Albtraum. Am harmlosesten ist noch der Konkurrenzneid ihrer Kolleginnen. Nach und nach werden Tabubrüche und Traumata aufgedeckt, der Vater Song-Lians beging Selbstmord, Master Chens erstgeborener Sohn ist homosexuell, es gibt bösen Vodoo-Zauber und überhaupt viel Geisterhaftes.
Bei den grauen Herren am Brunnen handelt es sich nämlich um längst verstorbene Ahnen. Song-Lian wird ob all dieser Ereignisse irgendwann wahnsinnig.
Christian Jost schuf aus der Romanvorlage Wives and Concubines von Su Tong (die auch Grundlage einer berühmten Verfilmung wurde) einen zwischen Pathos und eher trockener Diktion schwankenden Operntext, der die Handlungsfäden passabel zusammenbindet. Allerdings bleiben ohne vorheriges Libretto-Studium manche Details etwas unklar. Vielleicht jedoch hatte Jost ein rituelles Musiktheater im Sinn, das gerade nicht ganz aufgehen soll.
Redundanzen in der Musik
Der Ritualcharakter der "Roten Laterne" wird in der Musik noch deutlicher, da hört man viele Redundanzen oder hastig vorwärtsdrängende Linien, die jedoch in ihren Spektren recht begrenzt bleiben. Zackige, unruhig atmende Rhythmen korrespondieren mit dynamischen Entwicklungen, die interessanterweise eher nach John Adams oder Kaija Saariaho tönen statt genuin asiatisches Material zu zitieren oder zu verarbeiten. Lediglich für May-Shan, die dritte Ehefrau Chens und ehemalige Peking-Opern-Sängerin, erfindet Jost ein ganz eigenes Klangkolorit, Claudia Boyle macht das ganz vorzüglich.
Exzellente Sängerbesetzung
Überhaupt ist die Sängerbesetzung in Zürich exzellent, Rod Gilfry verleiht Master Chen eine ebenso würdevolle wie gefährliche vokale Note, Shelley Jackson singt Song-Lian hinreißend emphatisch. Alain Altinoglu dirigiert präzise, energisch und mit sicherem Gefühl fürs Auf- oder Herunterdrehen der Temperatur.
Auch Nadja Loschkys Regie überzeugt, selbst für sperrigere Passagen findet Loschky meist adäquate Bilder und Ideen. Wenn die Handlung zu sehr ins Konfuse abgeleitet, sorgen etwa eine Prise Puppenspiel oder gezielt gesetzte Symbole wie ein Riesen-Buddha, auf dem Chen thront und den seine Lakaien putzen, für sanfte Brechungen. Obwohl man sich die Sache gerne anhört und ansieht, bleiben am Ende Zweifel hinsichtlich des Gesamtkonzepts. Was soll uns heute dieser Stoff aus dem China der 1930er Jahre sagen? Alles in allem ist diese vom Publikum heftig bejubelte Uraufführung ein Problemfall, ein Stück das – je nach Sichtweise – entweder zu viel oder zu wenig will.