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Rote Linien und Gewalt

Die USA ziehen ihre Soldaten aus dem Irak ab. Doch der Alltag irakischer Journalisten ist nach wie vor geprägt von Roten Linien und Gewalt. Seit dem Sturz von Machthaber Saddam Hussein wurden mehr als 230 Medienschaffende im Land getötet.

Von Luise Sammann |
    Kamaran Najm aus Bagdad ist ein Kämpfer. "Meine Waffe habe ich immer dabei", sagt der Dreißigjährige - und hält die Kamera hoch, die um seinen Hals hängt. Gemeinsam mit einem Freund hat Karaman "Metrography" gegründet, die erste Fotoagentur des Iraks. Seine Bilder erreichen Menschen in der ganzen Welt. Was die Betrachter in Europa oder Amerika nicht wissen, ist, wie gefährlich Karamans Arbeit auch acht Jahre nach Ende der irakischen Diktatur ist.

    "Ich habe zwei Monate lang die Sicherheitskräfte der Regierung unterrichtet, weil sie oft nicht verstanden haben, dass wir Außenstehende sind. Wenn wir bei Demos fotografiert haben, haben sie uns genauso verprügelt wie die Demonstranten. Das Problem ist, dass wir ein Gerät in der Hand halten, das Kamera heißt. Die Leute im Irak sind daran nicht gewöhnt. Früher waren hier Kameras vor allem dazu da, andere Menschen auszuspionieren. Es ist schwer für uns, klar zu machen, dass wir sauber sind."

    Vertrauen ist etwas, wovon viele der Medienschaffenden im Irak nur träumen, bestätigt Dana Asaad. Der 37-Jährige arbeitet für eine unabhängige Zeitung im kurdischen Norden des Landes. Auch er kennt die Gefahr, die Verdächtigungen, die Drohungen. Wegen unangenehmer Berichte wurde er schon von Unbekannten entführt, flüchtete für eine Zeit ins Exil nach Frankreich, erhält fast täglich Morddrohungen.

    "Es gibt viele rote Linien - und die zu übertreten kann gefährlich werden! Es ist zum Beispiel ein Tabu, über die Familien zu schreiben, die an der Macht sind. Oder Korruption! Du kannst ganz allgemein sagen: Diese Partei oder die Regierung als solche ist korrupt. Aber es ist schwer konkreter zu werden, Namen zu nennen. Schließlich haben die alle Waffen, ihre eigenen Milizen und so weiter."

    Immer wieder verschwinden Journalisten im Land oder werden plötzlich tot aufgefunden. Irgendjemand, sagt Dana, fühlt sich immer von den Medien angegriffen. Und selbst vorsichtige Journalisten haben es schwer.

    "In Europa oder Amerika habt ihr Zugang zu Informationen, die Menschen haben ein Recht bestimmte Dinge zu wissen. Aber hier muss man um jede noch so kleine Info kämpfen. In den Parteien zum Beispiel geben sie eine Anweisung aus: Sprecht nicht mit unabhängigen Medien! Und so kommen wir nicht mal an Basisinformationen."

    Informationen, erklärt Dana, bekommt oft nur die sogenannte Schattenpresse im Irak - Medien, die den Parteien nach dem Mund reden, keine kritischen Fragen stellen. Immer wieder müssen vor allem unabhängige Journalisten deswegen auf unsichere, inoffizielle Quellen zurückgreifen - zulasten der Qualität ihrer Berichte ...

    Für journalistische Qualität im Irak zu sorgen, das ist die Lebensaufgabe von Professor Dr. Hasheem. Der kleine Mann mit der Hornbrille auf der Nase leitet die journalistische Fakultät der Universität Bagdad. Drei Jahre saß er unter Saddam Hussein wegen seiner kritischen Berichte im Gefängnis. Und auch wenn heute mehr Freiheit herrscht, hat die jahrzehntelange Diktatur ihre Spuren hinterlassen, klagt der Professor. Selbst Lehrpersonal zu finden, das Medienfreiheit nicht nur aus der Theorie kennt, ist nach jahrzehntelanger Zensur und Unterdrückung schwer.

    "Wir sind gerade erst aus einem diktatorischen System herausgetreten, in dem es keinerlei Freiheiten gab. Und deswegen existieren bei uns noch nicht mal das Wissen und die Erfahrung, wie solche Freiheiten überhaupt funktionieren!"

    Erschossene Fernsehmoderatoren, entführte Reporter, gefolterte Kameramänner. Seit Jahren gilt der Irak als besonders gefährlicher Arbeitsplatz für Journalisten. Nur für Müllmänner und Polizisten, heißt es, sei das Berufsrisiko noch größer. Das hat sich auch acht Jahre nach dem Sturz des Saddam-Regims kaum geändert. Von wirklicher Medienfreiheit, betont Fotojournalist Karaman Najm deswegen, ist der Irak noch weit entfernt.

    "Ja, vielleicht waren einige Dinge auf dem Weg der Besserung. Aber jetzt rechnen wir damit, das sich alles wieder verschlimmern wird. Jetzt, wo die USA Ende Dezember ihre Truppen abziehen. In einigen Städten kann man es schon sehen, die Gewalt wird wieder mehr."