Montag, 06. Dezember 2021

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Rotlicht-Gymnastik am Maxim Gorki Theater in Berlin

In der Inszenierung Armin Petras von Gerhart Hauptmanns Novelle "Bahnwärter Thiel" gerät Schauspieler Peter Kurth in der Rolle des gewissenhaften Bahnwärters auf einen erotischen, sadomasochistischen Kampfplatz mit zwei Gegnerinnen. Der Regisseur degradiert seine Akteure zu Statisten, die allenfalls den Hauptmann-Text aufsagen sollen. Die Inszenierung ist eher eine Art szenische Performance und die Literaturadaption bleibt auch deshalb wenig überzeugend.

Von Eberhard Spreng | 18.11.2012

Schattenriss auf weißer Leinwand: Zwischen Zweigen und Blättern geben sich Braut und Bräutigam einen ziemlich keuschen Kuss und gleich darauf sinkt die feenhafte Braut zusammen, ihr Bauch schwillt an, bevor sie die Umrisse einer Kindergestalt aus ihrem Gewand zieht und ihrem Mann überreicht: ein dünnes Stück Papier, leicht zu zerreißen, leicht zu zerknüllen. In einem ins Märchenhafte gewandelten Bild erledigt Armin Petras die erste kurze Ehe des Bahnwärters Thiel mit einer allzu kränklichen Frau, bevor er mit Regine Zimmermann die robuste, kalte und dämonische Lene aufmarschieren lässt. Mit der Tänzerin Diane Gemsch steht allerdings auch noch deren Double auf der Bühne. So gerät Peter Kurth in der Rolle des gewissenhaften Bahnwärters auf einen erotischen, sadomasochistischen Kampfplatz mit zwei Gegnern.

Die Damen führen ihre Rotlicht-Gymnastik an zwei Stangen vor, werfen sich dem Bahnwärter an den Hals, wenn der für kurze Momente zu ahnen scheint, dass er und sein zurückgebliebener Sohn Tobias aus erster Ehe heillos ins Hintertreffen geraten, sie bewerfen ihn mit Gartenerde, sie beschmieren sich mit roter Farbe, und kreischen wie vom Teufel Besessene, während Peter Kurth fromm eine Arie aus Bachs "Ich habe genug" – Kantate singt.

Während Armin Petras seinem Bahnwärter noch naturalistische, psychologische Reste aus der Hauptmann-Novelle zugesteht, hat er die herrschsüchtige Kuhmagd Lene zu einer puren Chiffre erotischer Dämonik gemacht, wie man sie von amerikanischen Thrillern kennt. Das tragische Ende dieser "verhängnisvollen Affäre" ist so nicht in den Misshandlungen begründet, die Thiels zurückgebliebener Sohn in der neuen Familienkonstellation erleidet, sondern in Thiels sexueller Hörigkeit zu seiner neuen Frau. Die Liebe zum Sohn ist allenfalls zu spüren, wenn Peter Kurth verzückt Vogelstimmen nachahmt, seinem auf der Bühne nie anwesenden Sohn die Natur vermitteln will, wie er sie in der Umgebung seines einsamen Schrankenwärterhäuschen am Waldrand kennengelernt hat.

Einen wahren Bildersturm entfacht Petras auf der von einem wuchtigen Portal eingefassten Leinwand: mit Schattenrissen, alten Fotos, Filmausschnitten. Thiels ausschweifende Halluzinationen nimmt sich das Theater mit wachsender Inbrunst zu Herzen und degradiert gleichzeitig seine Akteure, die allenfalls den Hauptmann-Text aufsagen sollen, immer mehr zu Statisten: Mal scratcht und pitcht Peter Kurt Schuberts Lied vom "Heideröslein", während sich das doppelte Lenchen hinter der Bühne schon in ein Einhorn und andere tanzender Fabelwesen verwandelt hat, in Silhouetten und in einem Reigen von Schattenwesen, der zusätzlich von drei weiteren Akteuren bevölkert wird.

Dann, wenn vom fatalen Zugunfall die Rede ist, der Sohn Tobias das Leben kostet, kippt das Portal leicht auf die Seite und bebildert allzu platt, dass das Leben aus den Fugen geraten ist. Aber hier ist Petras’ Inszenierung längst nicht mehr mit dem Durchdringen eine Novelle befasst, die ihre Familientragödie mit merkwürdig lakonischem und distanziertem Ton erzählt, sondern hat sich in eine entfesselte Illustriermaschine verwandelt, deren Bilder sich verselbstständigt haben.

Obwohl Petras doch eigentlich ein Regisseur ist, der in seine Figuren zugleich den emotionalen Kern und das soziale Rollenkleid offen legen kann, löst er hier alles in einem Bildersturm auf, wie man ihn von szenischen Performances kennt. Eine Kamera ist über einem Leuchttisch montiert, auf dem Regine Zimmermann mit Zweigen, Blättern, Erde Bildmaterial für die Schattenriss-Projektion generiert, ihre Finger mit Streifen von blutroter Farbe überzieht. Eine Lene entblößt unter dieser Kamera in Großaufnahme ihre Brust, während die Andere auf der Bühne physisch den erotischen Kampf mit dem stämmigen Bahnwärter aufgenommen hat.

Diese Dopplung von Körper und Bild des Körpers hat man schon oft gesehen; hier wäre sie nur dann erhellend, wenn zwischen dieser Frau und der Vorstellung, die sich Thiel von ihr macht, ein dramatisches Spannungsverhältnis entstünde. Statt Thiels schizophrenes Leben zwischen der häuslichen Unterwerfung und der fantastischen Andacht der Bahnwärtereinsamkeit zum Leitfaden seiner Bilderproduktion zu machen, doppelt Petras die zum Sex-Klischee geronnene Kuhmagd. Aber mit einem Popanz kann man auf dem Theater keine spannenden Geschichten erzählen und so bleibt auch diese Literaturadaption wenig überzeugend.