Dienstag, 28. Juni 2022

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Rückblick auf die Natur

Wie ein Astronaut auf dem Mond hat der Historiker Rolf Peter Sieferle die scheinbar unberührte Landschaft im Braunkohletagebau bei Leipzig betreten, und doch stolperte er Schritt für Schritt über Zeichen menschlichen Lebens. Aus der Natur war vor Zeiten eine Industrielandschaft geworden, die Industrie liegt lange schon brach, und die Natur erobert sich ihr Terrain zurück. Auch wenn aus den großen, noch zu DDR-Zeiten gefaßten Plänen, hier eine synthetische Erholungslandschaft zu installieren, nichts geworden ist, wird im engen Fokus dieser Region deutlich, es existiert keine unberührte Natur. Die Natur unterliegt dem historischen Wandel, sie bildet längst nicht mehr den Gegenpol von Kultur und Zivilisation. Natur und Kultur sind im Zeitalter der lndustrialisierung verschmolzen zu einer "totalen Landschaft", wie der Autor sie nennt: zu einem Lebensraum, der sich in einem ständigen Transformationsprozeß befindet, der keine langfristig planbaren oder stabilen Zustände mehr hervorbringt.

Detlef Grumbach | 01.01.1980

Ausgehend von dieser These präsentiert der Mannheimer Professor in seinem "Rückblick auf die Natur" eine "umfassende Erzählung", in der er der mehr als zehntausendjährigen Geschichte der Menschheit und der Natur in ihren Wechselwirkungen nachgeht. Beginnend mit den Kulturen der Jäger- und Sammler über die Herausbildung stabiler, agrikultureller Gesellschaften hin zur industriellen Revolution und den Umbrüchen am Ende des Jahrtausends betrachtet er, wie der Mensch in die Natur eingegriffen hat: wie er sich zunächst, als Teil der Natur, nicht anders als andere Arten auch in ihr bewegt hat, wie er sich dann über die Natur erhoben und sie seinen Interessen untergeordnet hat, wie er sie schließlich mit der nicht anzuhaltenden Ausdehnung der Industrielandschaft überwindet und mit der Forderung nach Naturschutz - paradoxerweise - den endgültigen Sieg der Kultur über die Natur einräumt. Im Mittelpunkt steht dabei die Untersuchung der Energiesysteme. Sammler- und Jäger-Gesellschaften befanden sich in einem stabilen Gleichgewicht mit der Natur, haben ihr das entnommen, was die Sonnenenergie ihr in Form von Pflanzen und Nahrung bot und was sich naturwüchsig regenerierte. Bäuerliche Gesellschaften haben durch Rodung und Kultivierung gezielt in den Energiefluß eingegriffen, ohne ihn jedoch aus der Balance zu bringen. Zugleich haben sie dadurch den Lebensraum und die Evolutionsbedingungen von Flora, Fauna und Menschen verändert. Der Rückgriff auf fossile Brennstoffe setzte dann enorme, über Jahrtausende angesparte Energiereserven frei, ermöglichte die rasante Entwicklung der Industrialisierung, zerstörte aber auch unwiderbringlich das energetische Gleichgewicht. Damit war die Niederlage der Natur besiegelt. Daß die Entwicklung in dieser Intensität und in diesem Tempo nicht weitergehen kann, ist evident. Ein Zurück gibt es nicht. Stabile Zustände wie in früheren Gesellschaftsformationen werden ins Reich der Illusion verwiesen. An ihre Stelle ist getreten, was Sieferle die "totale Landschaft" nennt, das Ergebnis einer "Transformationsgesellschaft", deren einziges Strukturmerkmal die Dynamik ist, deren "schöpferische Leistung" - so wörtlich - "nicht in der Erzeugung stabiler Formen, sondern im Abriß liegt, in der Demontage und der Verflüssigung sämtlicher Bestände." Auf der Ebene der Lebensformen korrespondiert dieser Trend mit den Entwicklungen, die mit Begriffen wie "Globalisierung" und "lndividualisierung" diskutiert werden - ein Zusammenhang, der spannende weitergehende Fragen aufwirft.

Wer neue Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Natur- und Menschheitsgeschichten, konkrete Empfehlungen oder eine Parteinahme in der globalen ökologischen Debatte erwartet, wird von Sieferles Arbeit enttäuscht. Überraschungen bietet dagegen sein Herangehen an den Forschungsgegenstand, der Blick von der Empore herab auf einen Prozeß, in den der Mensch eingebunden und selbst nur ein Element der Interaktion ist, in den er eingreift, selbst verändert wird, Subjekt und Objekt zugleich ist. \/Vie schon der Begriff der "Erzählung" andeutet, verfolgt der Autor einen konstruktivistischen, systemischen Ansatz, der Wertungen verbietet und Ziele der Entwicklung leugnet. Ob es sich - aus Perspektive der Natur - um Zerstörung und Niedergang handelt oder - aus der Perspektive des Menschen - um Zivilisation und Höherentwicklung, kann bei dieser Betrachtung nicht entschieden werden. Ein Gewinn dieser Darstellung liegt zweifellos darin, daß mit dem Mythos "Natur" gebrochen vvird, daß romantisierende und ahistorische Vorstellungen von Naturschutz hinterfragt werden. Als problematisch erweist sich aber die Haltung, die sich hinter dem Ansatz des Konstruktivismus verbirgt. Beispielhaft wird dies deutlich, wenn Sieferle im Zusammenhang von den aktuellen Entwicklungen von einem "merkwürdigen Schauspiel" spricht, das wir beobachten. Hier geht es um die Standortbestimmung des Menschen in den globalen Prozessen, hier geht es um die aktuelle Frage nach Verantwortung. Sitzen wir wirklich im Zuschauerraum und beobachten fasziniert oder mit Schrecken eine Vorführung, befinden wir uns nicht auch in Haupt- und Nebenrollen auf der Bühne? Ist die Stelle des Regisseurs vakant? Wer sich mit der Haltung des Zuschauers, die Rolf Peter Sieferle nahelegt, nicht zufrieden geben will, wer notfalls wie Don Quichote gegen Windmühlen antreten und in die Entwicklung unserer Lebenswelt eingreifen will, findet in diesem Buch spannende und wirklich erzählte historische Grundlegungen. Von den theoretischen Prämissen und ihren Konsequenzen muß er sich jedoch lösen.