Der Raum ist von gleißendem Weiß, segeltuchleicht und dynamisch verjüngt er sich von oben, unten und den beiden Seiten nach hinten, dorthin, wo gleichsam das Meer hängt, aufgemalt auf ein Sichtviereck. Die Sonne strahlt einzig durch Seeschlitze auf dieses Ozeandeck in der Mittagswende, eine Mittagswende, in der sich auch die vier Figuren befinden, auf dem Zenit ihres Lebens und auf dem Weg ins ferne China zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Amalric: Die volle Kraft der Sonne, die volle Kraft meines Lebens. Es ist gut, dass man dem Tod ins Antlitz sehen kann, und ich habe die Kraft, ihm Trotz zu bieten.
Mesa: Mittag am Himmel, Mittag am Scheitelpunkt unseres Lebens. Und nun sind wir hier vereint, umkreisen das gleiche alter unserer Vergänglichkeit.
Doch bevor sich die Kurve ins Alter senkt, so scheint es, wollen diese vier ihr Leben noch einmal ausloten, auch wenn sie zumindest in der Inszenierung von Jossi Wieler in den Münchner Kammerspielen den Halt längst verloren haben, sich im Rhythmus des Meeres an die weißen Wände lehnen, sich abstützen müssen, sich manchmal auch rekeln, als lägen sie nebeneinander dort an der Wand. Paul Claudel erzählt von einer Menage à quatre, drei Männer um eine Frau. Da ist zunächst der glück- und vor allem geldsuchende Ehemann: uninteressant, weil er dieser Frau zuviel Freiheit lässt. Der Zweite ist da schon interessanter in seinem fraglos zupackenden Pragmatismus. Und da ist der Dritte: ein ebenso durchgeistigter wie unberührter Gottsucher, der eigentlich aussteigen wollte aus der menschlichen Gemeinschaft und der nun in den verwirrenden Zustand gerät, sich in eine Frau zu verlieben. In ihm porträtierte sich Paul Claudel, der ebenfalls gottsuchende und als Diplomat weltreisende selbst. Die Frau wird zwischen diesen drei Männern hin und herpendeln, haltlos taumelnd vor dem Hintergrund der chinesischen Boxeraufstände, die nichts geringeres zum Ziel hatten, als die Fremden, die kolonialen Eindringlinge abzuschlachten.
Paul Claudels Stück "Mittagswende" kommt daher wie eine melodramatische Kolportage. Liebe in Zeiten der Gefahr, Liebe als Verrat und Ehebruch. Doch eigentlich wollte der Autor im wahrsten Sinne des Wortes hoch hinaus, wie in fast allen seinen Stücken, hinaus in die Metaphysik: hier ist es die absolute und in ihrer Konsequenz todessüchtige Liebe zwischen dem Gottsucher Mesa und Yse, der Frau, die in letzter Konsequenz zu Gott selbst führen soll. Eros ist gleichsam die Fahrkarte in den Himmel, das kann weder die Schuld des Ehebruchs noch die des Gattenmords verhindern, der zwar nicht aktiv begangen so doch herbeigeführt und in Kauf genommenen wird.
Warum sich der Regisseur Jossi Wieler nun ausgerechnet für dieses Stück entschied, ist sicherlich vor allem aus dem Kontext heraus zu erklären, dass Claudels "Mittagswende" an den Münchner Kammerspielen eine Art Trilogie zum Abschluß bringt, die sich bewußt sperrig-widerständige Stücke wählte, um aus ihnen Neurosen und Leidenskämpfe bürgerlicher Gegenwärtigkeit zu destillieren. Das begann vor gut zwei Jahren mit der Alkestis von Euripides, diesem Spiel von der Aufopferung in der Liebe, dem Wieler im mahagonigetäfelten Ambiente einer Hotellounge berückend gegenwärtige Familiendekadenz abgewann, das schrieb sich fort mit Leonare Carringtons merkwürdigem "Fest des Lamms" und nun also: Mittagswende von Paul Claudel. Widerständigkeit also als dramaturgisches Movens: Jossi Wieler hat das Himmelaufwärtsstreben des Stückes in der ihm eigenen ebenso leisen wie überaus genauen, psychologischen Textbefragung geerdet. Diese Produktion wird sicherlich nicht den Beginn einer Claudel-Renaissance einläuten und zeigt dennoch auf eine betörende Weise, dass das Werk dieses Autors, das auf den ersten Blick so vergangen wirkt, ganz nah heran geholt werden kann. Denn was Wieler, sein Team und seine exquisiten Schauspieler betonen, ist zunächst einmal und vor allem diese Liebe, in der es ein "zu sehr" gibt, in der das Verlangen in Verzweiflung mündet und deren Konsequenz die Zerstörung ist. Ohne den metaphysischen Kontext gänzlich auszuradieren ist es diese verzehrende und letztlich tödliche Selbstaufgabe, die im Mittelpunkt steht und die das Interesse weckt, nicht zuletzt, weil Jossi Wieler wieder einmal seine Regiekunst dazu benutzt hat, seine Figuren vor allem zwischen den Worten erstehen zu lassen und sie damit zugleich ganz nah an ein Publikum und an eine Gegenwart heranzuholen.
Amalric: Die volle Kraft der Sonne, die volle Kraft meines Lebens. Es ist gut, dass man dem Tod ins Antlitz sehen kann, und ich habe die Kraft, ihm Trotz zu bieten.
Mesa: Mittag am Himmel, Mittag am Scheitelpunkt unseres Lebens. Und nun sind wir hier vereint, umkreisen das gleiche alter unserer Vergänglichkeit.
Doch bevor sich die Kurve ins Alter senkt, so scheint es, wollen diese vier ihr Leben noch einmal ausloten, auch wenn sie zumindest in der Inszenierung von Jossi Wieler in den Münchner Kammerspielen den Halt längst verloren haben, sich im Rhythmus des Meeres an die weißen Wände lehnen, sich abstützen müssen, sich manchmal auch rekeln, als lägen sie nebeneinander dort an der Wand. Paul Claudel erzählt von einer Menage à quatre, drei Männer um eine Frau. Da ist zunächst der glück- und vor allem geldsuchende Ehemann: uninteressant, weil er dieser Frau zuviel Freiheit lässt. Der Zweite ist da schon interessanter in seinem fraglos zupackenden Pragmatismus. Und da ist der Dritte: ein ebenso durchgeistigter wie unberührter Gottsucher, der eigentlich aussteigen wollte aus der menschlichen Gemeinschaft und der nun in den verwirrenden Zustand gerät, sich in eine Frau zu verlieben. In ihm porträtierte sich Paul Claudel, der ebenfalls gottsuchende und als Diplomat weltreisende selbst. Die Frau wird zwischen diesen drei Männern hin und herpendeln, haltlos taumelnd vor dem Hintergrund der chinesischen Boxeraufstände, die nichts geringeres zum Ziel hatten, als die Fremden, die kolonialen Eindringlinge abzuschlachten.
Paul Claudels Stück "Mittagswende" kommt daher wie eine melodramatische Kolportage. Liebe in Zeiten der Gefahr, Liebe als Verrat und Ehebruch. Doch eigentlich wollte der Autor im wahrsten Sinne des Wortes hoch hinaus, wie in fast allen seinen Stücken, hinaus in die Metaphysik: hier ist es die absolute und in ihrer Konsequenz todessüchtige Liebe zwischen dem Gottsucher Mesa und Yse, der Frau, die in letzter Konsequenz zu Gott selbst führen soll. Eros ist gleichsam die Fahrkarte in den Himmel, das kann weder die Schuld des Ehebruchs noch die des Gattenmords verhindern, der zwar nicht aktiv begangen so doch herbeigeführt und in Kauf genommenen wird.
Warum sich der Regisseur Jossi Wieler nun ausgerechnet für dieses Stück entschied, ist sicherlich vor allem aus dem Kontext heraus zu erklären, dass Claudels "Mittagswende" an den Münchner Kammerspielen eine Art Trilogie zum Abschluß bringt, die sich bewußt sperrig-widerständige Stücke wählte, um aus ihnen Neurosen und Leidenskämpfe bürgerlicher Gegenwärtigkeit zu destillieren. Das begann vor gut zwei Jahren mit der Alkestis von Euripides, diesem Spiel von der Aufopferung in der Liebe, dem Wieler im mahagonigetäfelten Ambiente einer Hotellounge berückend gegenwärtige Familiendekadenz abgewann, das schrieb sich fort mit Leonare Carringtons merkwürdigem "Fest des Lamms" und nun also: Mittagswende von Paul Claudel. Widerständigkeit also als dramaturgisches Movens: Jossi Wieler hat das Himmelaufwärtsstreben des Stückes in der ihm eigenen ebenso leisen wie überaus genauen, psychologischen Textbefragung geerdet. Diese Produktion wird sicherlich nicht den Beginn einer Claudel-Renaissance einläuten und zeigt dennoch auf eine betörende Weise, dass das Werk dieses Autors, das auf den ersten Blick so vergangen wirkt, ganz nah heran geholt werden kann. Denn was Wieler, sein Team und seine exquisiten Schauspieler betonen, ist zunächst einmal und vor allem diese Liebe, in der es ein "zu sehr" gibt, in der das Verlangen in Verzweiflung mündet und deren Konsequenz die Zerstörung ist. Ohne den metaphysischen Kontext gänzlich auszuradieren ist es diese verzehrende und letztlich tödliche Selbstaufgabe, die im Mittelpunkt steht und die das Interesse weckt, nicht zuletzt, weil Jossi Wieler wieder einmal seine Regiekunst dazu benutzt hat, seine Figuren vor allem zwischen den Worten erstehen zu lassen und sie damit zugleich ganz nah an ein Publikum und an eine Gegenwart heranzuholen.