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Ruhige Inseln im Ozean aus Ozon

Atmosphärenphysik. – Jedes Jahr im hiesigen Herbst beginnt sich über der Antarktis das größte Ozonloch der Welt zu bilden. Durch menschgemachte Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffe und andere Spurengase wird die Schicht in der Stratosphäre stark ausgedünnt, bis sich zum Herbst der Südhalbkugel hin die Bedingungen derart verändern, dass der Abbauprozess gestoppt wird und neues Ozon nachströmen kann. Offenbar gibt es jedoch Zonen von mehr oder weniger großer Dynamik in der irdischen Ozonschicht.

    In den atmosphärischen Regionen in 80 bis 100 Kilometern Höhe herrscht eine gewaltige Dynamik. Ihr hat die Erde es zu verdanken, dass sich die Ozonlöcher an Nord- und Südpol regelmäßig wieder schließen. Doch offenbar gibt es auch dort oben so etwas wie Inseln der Ruhe, in denen die Ozon-Konzentration praktisch nie schwankt. Michael Bittern, Atmosphärenphysiker am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Oberpfaffenhofen bei München: "Diese ruhigen Zonen liegen schräg wie Schläuche in der Atmosphäre. Sie sind von der Jahreszeit abhängig, dagegen von der geographischen Lage unabhängig. Auf der Südhemisphäre sieht es anders aus als auf der Nordhemisphäre." Bittners Team will eine dreidimensionale Karte der Ozonschicht erstellen und speist ein Computermodell von der Atmosphärendynamik mit Messdaten des europäischen Umweltsatelliten ERS-2.

    In dem Modell zeigt sich eine keineswegs gleichmäßig verteilte Ozonschicht. Bittner: "Für die Nordhemisphäre sieht man zum Beispiel im Februar - ganz egal, in welchem Jahr Sie schauen – in etwa 23 Kilometern Höhe in den mittleren geographischen Breiten einen solchen Schlauch." Bei 60 Grad geographischer Breite, also ungefähr auf der Höhe von Oslo, fanden die Forscher relativ konstante Ozonwerte, nord- und südwärts davon schwankten die Werte bereits wieder stark. Bittner vermutet, dass sich am 60 Breitengrad zwei gegenläufige Strömungen in der Ozonschicht aufheben. In den Atmosphärenschichten näher am Erdboden fließt das in den Tropen produzierte Ozon in Richtung der Pole, während in den höheren Schichten das Ozon von den Polen zum Äquator fließt.
    Autor (0'35): Im nachhinein ist Bittner nicht einmal überrascht, diese Ruhezone aufgespürt zu haben. Es muss sie einfach geben. Das liegt an der ungleichen Ozon-Verteilung über die Breitengrade der Erde.

    In niedrigen Höhen ist mehr Ozon am Äquator vorhanden als am Nordpol. Es gibt also ein Gefälle von Süden nach Norden. In großen Höhen ist es genau umgekehrt: Da befindet sich mehr Ozon am Pol und weniger am Äquator. Also liegt ein Nord-Süd-Gefälle vor. Dazwischen muss es eine Stratosphären-Schicht geben, in dem sich die beiden Trends aufheben, mit einem Plateau der Ozon-Konzentration Für die Ozonforscher haben diese Inseln der Ruhe eine ganz praktische Bedeutung. Bittner: "Wenn wir wissen, wo die ruhigen Zonen sind, dann können gezielt nach Klimasignalen suchen und nach relativ kurzer Zeit sagen, ob wir einen Ozontrend haben oder nicht."

    [Quelle: Volker Mrasek]