Mittwoch, 28. September 2022

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Ruhrgebiet
Ein Fluss erwacht wieder zum Leben

Früher erkannte man die Emscher schon von Weitem am Geruch. Sie war eine Art Abwasserkanal für das Ruhrgebiet. Jetzt wird der Fluss mit Milliardenaufwand renaturiert.

Von Klaus Deuse | 05.02.2014

    Blick auf die Emscher
    Blick auf die Emscher (dpa / picture alliance / Horst Ossinger)
    "Das ist einer unserer Zwischenschächte. Die Bodenplatte wird hergestellt, anschließend wieder verfüllt. Wir sind da, glaub ich, dann anschließend bei zwölf Metern. Variiert etwas mit Aushub und so. Im Schnitt liegen wir ungefähr auf der gesamten Länge bei, ja zehn Metern. So als Mittel der Schächte."
    Und zwar zehn Meter unter der Erde, erklärt Frank Böhmer an einer Baustelle im Dortmunder Stadtteil Deusen. Gebaut wird der AKE, der Abwasserkanal Emscher. Nach den Worten von Dr. Jochen Stemplewski, dem Vorstandsvorsitzenden der Emschergenossenschaft, handelt es sich dabei um (…)
    "(…) eines der ganz großen wasserwirtschaftlichen Projekte auch in Europa. Nun haben wir kein Ranking der Abwasserkanäle weltweit. Aber solch ein Abwasserkanal wie unser AKE, über 50 Kilometer lang, mit diesen Dimensionen, der sucht auf der Welt einen Vergleichspartner."
    Als Willy Brandt 1961 davon sprach, dass der Himmel über dem Ruhrgebiet auch einmal wieder blau sein werde, stanken die Emscher und ihre Nebenläufe noch zum Himmel. Auf diesem Fluss lag eine historische Last. Jochen Stemplewski:
    "Die Emscher ist vor über 100 Jahren zum Hauptabwasserkanal des Ruhrgebietes umgebaut worden. Und nicht nur der Emscher Fluss. Alle Nebenbäche, 350 Kilometer. Fachleute sagen: offene Schmutzwasserläufe. Die Bevölkerung spricht von Köttelbecken."
    Den Bau eines unterirdischen Kanalsystems verhinderten über Jahrzehnte Absenkungen Erdreich durch den Steinkohlenbergbau. In der Emscher landeten nicht nur sämtliche Abwässer aus den Haushalten, sondern auch das Schmutzwasser der gesamten Schwerindustrie wurde eingeleitet. Dieser Fluss, in dessen Umfeld rund zweieinhalb Millionen Menschen leben, hatte es in sich.
    "Deshalb war ja der Emscher Hauptlauf und waren die Nebenbäche auch mit Stacheldrahtzäunen abgeschirmt. Und auch zum Schutz der Menschen, damit sie sich nicht etwas zuzogen oder gar hineinfielen, was ja auch nicht ungefährlich war."
    Ab 2017 soll wieder sauberes Wasser fließen
    Seit 1992, erinnert sich Jochen Stemplewski, läuft der Umbau der Emscher. Ein Mammutprojekt in einem besonders dicht besiedelten Gebiet.
    "Und seitdem arbeiten wir strukturiert dieses große Investitionsprogramm von einem Budget von rund 4,5 Milliarden Euro ab. Der erste Schritt waren neue Kläranlagen. Jetzt arbeiten wir an rund 400 Kilometer Abwasserkanälen, parallel zu den Flüssen und Bächen, um die von dem Abwasser zu befreien. Und der Schlusspunkt ist jetzt, sukzessive nachlaufend, die ökologische Verbesserung der Flüsse und Bäche. Und wir freuen uns schon über 250 Kilometer Kanäle und über mehr als 110 Kilometer renaturierte Flüsse und Bäche vorweisen zu können."
    Für dieses aufwendige Generationenprojekt hat die Europäische Investitionsbank über 900 Millionen Euro an zinsgünstigen Krediten mit einer Laufzeit von 45 Jahren zur Verfügung gestellt. Denn aus eigenen Mitteln können die Mitglieder der Emschergenossenschaft diese Aufgabe nicht stemmen.
    "Und das hilft uns, den Umbau bezahlbar zu halten. Denn das ist natürlich auch wichtig in einem Raum, wo Kommunen, wo Menschen ja unter vielen finanziellen Lasten durchaus stöhnen und ächzen."
    Ab 2017 sollen die Emscher und ihre Nebenläufe wieder sauberes Wasser führen, da das Abwasser dann in unterirdischen Kanälen verschwindet. Daran arbeitet Bauführer Lutz mit seiner Truppe auch in Dortmund.
    "Wir stehen hier also unmittelbar am Vortrieb, an einer sogenannten Doppelpressgruppe. Wir werden gleich mal rüber gehen und rein schauen. In zehn Meter Tiefe pressen wir hier 3000er Rohre vor. Die sehen sie hier, die Liegen neben dem Seilbagger. Eines dieser Rohre ist also 35 Tonnen schwer."
    Aber auch überirdisch wird die Flusslandschaft renaturiert. Mit ersten Erfolgen.
    "Übrigens überraschend, wie schnell sich Tiere und Pflanzen, die hier im Ruhrgebiet eigentlich als längst ausgestorben galten, diesen Lebensraum an der Emscher und den Nebengewässern wieder zurückerobern. Auch viele übrigens, die auf der Roten Liste der bedrohten Arten stehen. Die Emscher wird auch wieder Teil von zunehmender Biodiversität mitten im Ruhrgebiet."
    Die Emscher selbst ist rund 80 Kilometer lang. Einschließlich aller zufließenden Nebenläufe und Bäche beträgt die Gesamtlänge dieser Fußlandschaft an die 350 Kilometer.