Dienstag, 07. Dezember 2021

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Rumänische ErzieherinnenBildungs-Exodus von Ost nach West

In Deutschland mangelt es an Erziehern. Einige Städte wählen außergewöhnliche Wege, um das notwendige Betreuungspersonal zu rekrutieren. Die Stadt Stuttgart warb rund 20 deutschsprachige Erzieherinnen aus Rumänien an - die dort künftig fehlen würden.

09.05.2014

Kinderspielzeug hängt an einem Rahmen. Im Hintergrund spielt eine Erzieherin mit zwei kleinen Kindern
In Deutschland fehlt es an Erziehern. (dpa / Julian Stratenschulte)
Wenn gut ein Dutzend Vier- und Fünfjährige das Lied vom Minimonster auf Deutsch singen, ist das in diesem Fall ziemlich ungewöhnlich: Die kleinen Knirpse leben im Westen Rumäniens. In der Stadt Temeswar besuchen den deutschen Kindergarten "Kinderwelt". Wer bereits als Kleinkind Deutsch lernt, hat bessere spätere Chancen in Schule. Studium und Beruf. Davon sind viele Eltern überzeugt. Das Problem ist nur: Von den 18 Erzieherinnen haben sich drei beim Jugendamt der Stadt Stuttgart um eine Stelle beworben.
"Es geht um Erfahrung, um Geld. Es kommt darauf an. Jeder, was er braucht."
Sagte Martina, Mitte 20, eine der Erzieherinnen in der "Kinderwelt". Ihre Kollegin Alina hat bereits einen Arbeitsvertrag unterschrieben und fängt im September in einer Stuttgarter Kinderbetreuung an:
"Für mich ist das eine Opportunität, meine deutsche Sprache zu verbessern, die Pädagogik zu sehen, zu lernen. Ich bin neugierig, was dort ist."
So vielfältig die Motive für die rumänischen Erzieherinnen auch sein mögen, nach Deutschland zu gehen - für die deutschen Kindergärten in Rumänien, in denen sie arbeiten, bedeutet ihr Weggang einen großen Aderlass.
"Wir waren natürlich erst einmal ein bisschen geschockt, weil wir seit Jahren ein Kindergarten sind, der gut funktioniert."
Geraldine Zipple leitet den deutschsprachigen Kindergarten in Temeswar - und ist alles andere als glücklich über die Abwerbungsversuche des Jugendamtes Stuttgart.
Deutschsprachige Erzieherinnen sind Mangelware
"Was uns vor allem berührt hat, dass Mitarbeiter, die seit sieben, acht oder neun Jahren bei uns tätig sind, plötzlich bereit waren, da mitzumachen und sich zu bewerben."
Deutschsprachige Erzieherinnen seien schließlich in Rumänien sehr schwer zu finden. Und schon alleine vom Gehalt her könne sie mit den Angeboten aus Stuttgart nicht mithalten, klagt Geraldine Zipple:
"Sicherlich sind die Löhne und Gehälter, die wir unseren Erziehern und Helfern anbieten, nicht so attraktiv sein. Das muss man schon zugeben."
Und so stehen dann Monatsgehältern zwischen 300 und 400 Euro in Rumänien Einstiegsgehältern von 1400 Euro aufwärts in Stuttgart entgegen: Schon alleine deswegen sei der Bildungs-Exodus von Ost nach West vorprogrammiert, fürchtet Geraldine Zipple. Gut 1200 Kilometer entfernt, nämlich im Jugendamt der Stuttgart, finden diese Argumente durchaus Gehör:
"Das Problem, dass wir gut ausgebildete Personen aus einem Land nach Stuttgart holen, wo auch das Land selbst diese gut ausgebildete Personen gut brauchen können, war uns von Anfang an klar."
So der stellvertretende Amtsleiter Heinrich Korn. Allerdings sei seine Behörde durch die gesetzliche Verpflichtung, Kleinkindern garantierte Betreuungsplätze zur Verfügung zu stellen, selbst in Zugzwang:
"Gleichzeitig haben wir eine freizügige EU mittlerweile. Und da gehört Rumänien dazu. Und diese Freizügigkeit besteht eben auch darin, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer innerhalb der EU in einem anderen Land arbeiten gehen können und arbeiten gehen sollen."
Existenzielle Bedrohung für Kindergärten in Rumänien
Erzieherinnen mit inbegriffen. Dass das Anwerben von Erziehungspersonal in Rumänien zur existenziellen Bedrohung ganzer Kindergärten vor Ort werden könnte, hat Heinrich Korn allerdings schon überrascht. Denn nicht nur die "Kinderwelt" in Temeswar meldete Bedenken an, sondern beispielsweise auch die Sozialbürgermeisterin im zentralrumänischen Sibiu. Deshalb wird Stuttgart vorerst keine weiteren Anwerbungskampagnen in Rumänien mehr auf den Weg bringen:
"In der Praxis sehe ich es genauso, dass es nicht sein kann, dass es zum Ausbluten einzelner Kindergärten führt."
Allerdings. Nicht nur die rumänischen Kindergärten bluten aus, sondern auch die vielen deutschsprachigen Schulen, die es im Land gibt: Viele Deutschlehrer arbeiten lieber in gut bezahlten Übersetzerjobs bei deutschen Firmen oder gehen gleich ganz nach Deutschland. Geraldine Zipple
"Selbst unser Nikolaus-Lenau-Lyzeum hätte genügend Vorschulklassen und erste Klassen ab September. Was fehlt, sind die deutschsprachigen Lehrer."
Im Stuttgarter Jugendamt überlegen sich die Fachleute immerhin, ob sie in Zukunft nicht auch Erzieherinnen und Erzieher zu einem Praktikum in die deutschsprachigen Kindergärten Rumäniens schicken können. Dem könnte auch Geraldine Zipple von der Temeswarer "Kinderwelt" etwas abgewinnen. Sie befürchtet allerdings, dass sich dadurch das personelle Ausbluten deutschsprachiger Kindergärten und Schulen in Rumänien nicht verhindern lässt:
"Jetzt im Moment sucht Stuttgart. Ich bin mir sicher: Städte wie München, Berlin oder Köln werden sicherlich dieses Modellprojekt aufnehmen und fortsetzen: Was passiert danach?"