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StartseiteCampus & KarriereVerdeckte Ermittler im Hörsaal05.10.2015

Rumänische HochschulenVerdeckte Ermittler im Hörsaal

Diplome, gute Noten, manchmal auch Doktortitel gegen Bares oder Sex: Korruption ist an den Hochschulen in Rumänien nach wie vor weit verbreitet. Als Studenten getarnte Polizisten sollen nun dafür sorgen, den Missständen an den Unis ein Ende zu setzen. Erste Erfolge gibt es schon.

Von Thomas Wagner

Studierende in einem Hörsaal.  (picture alliance / dpa / Fredrik von Erichsen)
Der Sitznachbar ein Spion? In Rumänien ermitteln verdeckte Polizisten gegen Korruption. (picture alliance / dpa / Fredrik von Erichsen)
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"Ich war so überbracht über das Geschehen. Denn es war ein Ermittler unter den Studenten. Ich habe nicht gewusst, dass einer der Studenten der Ermittler ist. Es war eine Frau. Niemand hat es gewusst."

Stan Marian ist Vorsitzender der Studentenvertretung an der Eftimie-Murgu-Universität im rumänischen Resita - und kann es kaum fassen: Eine als Studierende getarnte junge Sonderermittlerin der rumänischen Polizei bot einem Professor Geld für gute Noten im Diplom an - und nicht nur das: Der Professor machte ein klares Angebot: Die vermeintliche Studentin sollte

"....für Sex eine gute Note bekommen. Er ist mir peinlich, dass ich das sage. Aber: So war es."

Kurz darauf: Das berüchtigte Sondereinsatzkommando Vlad Tepes der rumänischen Gendarmerie, benannt übrigens nach der historischen Dracula-Figur, braust mit Blaulicht auf den Campus. Gemeinsam mit Spezialisten der Generaldirektion "Antikorruption" der rumänischen Polizei stürmen maskierte Sicherheitskräfte das Uni-Gebäude, nehmen drei Professoren und Dozenten fest, darunter auch den Senatspräsidenten. Der war kurioserweise vor der rumänischen Revolution Offizier bei der berüchtigten Geheimpolizei Securitate und arbeitet seitdem unbehelligt an der Uni.
Drei weitere Hochschullehrer werden unter Hausarrest gestellt. Beweisgrundlage: die Protokolle mehrerer als Studierende getarnte verdeckte Ermittler. Und das Ganze geschah, weiß Studierendenvertreter Stan Marian, so ähnlich auch an anderen Universitäten im Land.

"Ich weiß von Fällen an der Uni in Bukarest, an der Uni in Iasi und an der Uni in Craiova mit verdeckten Ermittlern. Es gab den selben Punkt: Sie waren korrupt. Sie haben Geld genommen. An der Uni Craiova haben sie sogar Gold genommen."

Alles schonmal dagewesen

Das Phänomen der Korruption an rumänischen Universitäten sei viel größer, als es auf den ersten Blick den Anschein hat - sagt Professor Nicolae Taran. Er ist emeritierter Professor für Wirtschaftswissenschaften an der West-Universität Timisoara - und gilt als Kenner des rumänischen Bildungssystems. Dass nun sogar verdeckte Ermittler an den Unis eingesetzt werden, ringt ihm ein Lächeln ab: Alles schon mal dagewesen.

Bereits in Zeiten der kommunistischen Ceausescu-Diktatur, erzählt Nicolae Taran, seien regelmäßig Mitarbeiter der Geheimpolizei Securitate als getarnte Studierende an die Unis geschickt wurden. Sie nahmen an den Einganstests teil - und notierten dabei ganz genau, wer abschrieb oder auf andere Art "schummelte." Dass dieses Relikt aus kommunistischer Zeit nun wieder auflebt, sehen viele Studierende kritisch:

Das ist doch so, als wenn bei uns, an der Uni, ein Stück Kommunismus wieder lebendig wird, so Paula-Maria Bunea; sie studiert in Resita Management. Die Vorstellung, im Hörsaal Bank an Bank mit einem Spitzel zu sitzen, gefällt ihr gar nicht. Das sieht auch Verwaltungsstudentin Mariana Greapca so:

"Ich habe ein ganzes Jahr lang mit einer Kommilitonin studiert, die in Wirklichkeit gar keine Kommilitonin war, sondern ein Spion."

Dein bester Studienfreund - ist auch er ein Spitzel? fragen sich viele Studierende. Die Polizei hält dagegen: Nur durch den Einsatz der 'verdeckten Ermittler' sei man den korrupten Professoren überhaupt erst auf die Schliche gekommen. Professor Nicolae Zaran findet dieses Argument reichlich absurd.

Das Ganze ist nicht mehr als ein Propagandatrick, glaubt er Hochschulexperte aus Temeswar: Der Staat demonstriere nichts anders als öffentlichkeitswirksamen Aktionismus. Wäre ihm wirklich an der Sache gelegen, ginge es auch einfacher - und unspektakulärer:

Ein krankes System

Ist ein Professor wirklich korrupt, spreche sich das relativ schnell herum, so Fachmann Nicolae Taran. Er glaubt, dass die jüngsten spektakulären Einsätze mit verdeckten Ermittlern die wahren Probleme des rumänischen Hochschulwesens verdecken sollen: So werden Unis und Lehrstühle nicht nach Qualität von Forschung und Lehre, sondern ausschließlich nach der Anzahl der Studierenden bezahlt.
Außerdem habe sich die Zahl der rumänischen Unis in den letzten 25 Jahren vervielfacht. Hochschulen wurden zwischenzeitlich in jedem Landkreis eröffnet. Sie gelten, so Taran, auch als Prestigeobjekte für Lokalpolitiker. Der Nachteil: Die große Zahl der Unis erschwere nachhaltiges Qualitätsmanagement und begünstige die Korruption.

Folgen des Skandals

Möglicherweise wird es allerdings bald eine Uni weniger geben: Der Eftimie-Murgu-Universität in Resita droht als Folge des Korruptionsskandals der Verlust der Eigenständigkeit, möglicherweise sogar die Schließung. Dieser Tage will das rumänische Bildungsministerium darüber entscheiden. Deshalb lehnt die Hochschulleitung jede Stellungnahme ab. Stan Marian von der Studierenvertretung hofft, das es doch nicht gar so schlimm kommt:

"Für uns ist es sehr wichtig, das die Uni weitergeht."

Dann aber, so die Erwartung vieler Studierender, ohne 'verdeckte Ermittler' in ihren Reihen.

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