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Runder, satter Streicherklang

"Das letzte gefüllte Stück Positivität, das geschrieben ward". So äußerte sich Theodor W. Adorno über das Finale der "Großen C-dur-Sinfonie" von Franz Schubert. Die kommt jetzt beim Schweizer Label Tudor neu heraus; in einer Aufnahme des Bayerischen Rundfunks hört man die Bamberger Symphoniker unter Leitung ihres Chefdirigenten Jonathan Nott.

Von Ludwig Rink |
  • Franz Schubert - 1. Satz: Anfang (Ausschnitt) aus: Sinfonie Nr. 9 "Die Große"

    Diese 8., nach anderen Zählungen 9. Sinfonie, ist der Schlusspunkt eines Schubert-Projektes der Bamberger Symphoniker, das nicht nur die Gesamtaufnahme der Sinfonien Schuberts umfasst, sondern auch eine überaus hörenswerte Sammlung kreativer Auseinandersetzung zeitgenössischer Komponisten mit Franz Schuberts Musik bietet. Solche sinnvolle Gegenüberstellung von Altem und Neuen ist eine der Spezialitäten von Jonathan Nott, der seit inzwischen sieben Jahren als Chefdirigent die Geschicke der Bamberger wesentlich mitbestimmt. Gewachsen aus Prager Musikern, die nach dem 2. Weltkrieg nach Bamberg kamen und dort mit anderen Flüchtlingen aus dem Osten dieses Orchester gründeten, erhielten die Bamberger wegen ihrer hohen musikalischen Qualität, aber auch aus politischen Gründen jahrzehntelang Zuschüsse aus Bundesmitteln. Nach der Wende stellte der Bund diese Mittel zunehmend infrage.

    Inzwischen hat das Land Bayern seine Verantwortung gegenüber diesem überregional bedeutenden Orchester erkannt und die Bamberger Symphoniker zur "Bayerischen Staatsphilharmonie" gemacht. Als ebenso wichtig wie diese Absicherung der finanziellen Basis stellt sich in der Rückschau aber auch die im Jahre 2000 erfolgte Berufung von Jonathan Nott zum Chefdirigenten heraus: mit dem heute 45-Jährigen begann auch musikalisch eine neue Ära in der Geschichte des Orchesters, die eng mit Persönlichkeiten wie den beiden langjährigen Chefdirigenten Joseph Keilberth und Horst Stein verknüpft ist, aber auch mit Namen wie Rudolf Kempe, Hans Knappertbusch, Clemens Kraus, Erich Leinsdorf, Eugen Jochum, Georg Solti, Herbert Blomstedt oder Ingo Metzmacher.

    Jonathan Nott studierte in Cambridge Flöte, in Manchester Gesang und in London Dirigieren. Seine Laufbahn als Dirigent begann 1988 beim Opernfestival in Battignano. Inzwischen hat er mit vielen renommierten Orchestern im In- und Ausland gearbeitet. Er betreute Uraufführungen von Brian Ferneyhough, Wolfgang Rihm oder Helmut Lachenmann und stand häufig bei den Spezialensembles für Neue Musik am Pult, beim Ensemble Modern, der London Sinfonietta, dem Ensemble Recherche Freiburg. Neben den "Bambergern" betreute er als musikalischer Direktor auch das Ensemble Intercontemporain, eine hoch motivierte Spezialistengruppe für Neue Musik in Paris, wo er auch heute noch erster Gastdirigent ist. Und genau diese Kombination aus klassischem Repertoire auf der einen und großem Engagement für die zeitgenössische Musik auf der anderen Seite macht diesen Dirigenten für das Bamberger Orchester und inzwischen auch für das Publikum so interessant. Von Anfang an sorgte Jonathan Nott für Gegenüberstellungen in den Programmen, seien es Kombinationen von Ligeti und Mahler, Nono und Mozart oder Takemitsu und Rachmaninow.

    Befürchtungen, er könne über all dem Neuen den speziellen Bamberger Orchestersound aus dem Blick verlieren, haben sich nicht bewahrheitet - die vorliegende Schubert-CD ist ein weiterer Beweis: runder, satter Streicherklang, die auch bei Solostellen immer klangschönen Holzbläser, das sauber intonierende, nie gewalttätige Blech. Was Robert Schumann seinerzeit als Kompositionskritik über Schuberts große C-dur-Sinfonie geschrieben hat, könnte stellenweise auch eine Beschreibung sein, wie die Bamberger das Werk in der vorliegenden Aufnahme zu Klingen bringen: "Hier ist", schreibt Schumann, "außer meisterlicher musikalischer Technik ... ., noch Leben in allen Fasern, Kolorit bis in die feinste Abstufung, Bedeutung überall, schärfster Ausdruck des einzelnen, und über das Ganze endlich eine Romantik ausgegossen, wie man sie schon anderswo an Franz Schubert kennt."

  • Franz Schubert - 1. Satz (Ausschnitt) aus: Sinfonie Nr. 9 "Die Große"

    Schuberts "Große" wurde vermutlich im Jahr nach Schuberts Tod einmal in kleinerem Kreis bei einem der Wiener Concerts spirituels aufgeführt. Sie richtig bekannt gemacht zu haben, bleibt wohl trotzdem das Verdienst Robert Schumanns, der 10 Jahre später bei Schuberts Bruder Ferdinand den Nachlass sichtete und unter anderem auch auf diese Perle stieß. Ob Schumanns schwärmerischer, positiv gemeinter Ausspruch von der "himmlischen Länge" dieses Werkes diesem nun in der Folge mehr genützt als geschadet hat, lässt sich schwer entscheiden. Jonathan Nott und seine Bamberger Symphoniker scheinen jedenfalls das Epische dieses Werkes in vollen Zügen auszukosten. So spielen sie nicht nur alle Wiederholungen des ersten Satzes, sondern erlauben sich auch vor allem im dritten und vierten Satz ein ausgesprochen zurückgenommenes Tempo, so dass ihre Aufnahme der gesamten Sinfonie mit insgesamt 62 Minuten zu den längsten auf dem Markt zählt. Zum Vergleich: Leonard Bernstein und Giuseppe Sinopoli waren 12 Minuten schneller, Günter Wand, Bruno Walter und Otto Klemperer absolvierten das Werk in etwa 52 Minuten. Die Dirigenten aus der Ecke der Historischen Aufführungspraxis (Harnoncourt, Brüggen, Norrington, Minkowski), anderswo oft für gehetzte Tempi gescholten, brauchen hier bei Schubert übrigens alle so um die 58 Minuten. Diese Langsamkeit der neuen Aufnahme mit den Bambergern kommt an vielen Stellen der Durchhörbarkeit zugute, ermöglicht den Blick auf die Details, fast schon wie durch ein Vergrößerungsglas; andererseits gibt es aber auch Abschnitte, deren musikalische Komplexität geringer, deren musikalische Botschaft banaler ist, und hier, zum Beispiel im Scherzo, hätte ich mir ein schnelleres Tempo gewünscht.

  • Franz Schubert - 3. Satz (Ausschnitt) aus: Sinfonie Nr. 9 "Die Große"

    Schuberts "Große Sinfonie" wirkt insgesamt zuversichtlich und optimistisch. Sie entstand unter dem Eindruck einer größeren Reise, die Schubert mit einem Freund zu den oberösterreichischen Seen und Bergen unternahm. Das Schwärmen über diese "himmlischen" Landschaften findet sich in Briefen und eben auch in der Sinfonie. Doch bei allem sommerlich-fröhlichen Jubilieren lugt sozusagen auch immer mal wieder der Sensenmann herein. Die Posaunen, hier erstmals in einer Sinfonie äußerst eigenständig eingesetzt, melden sich schon im idyllischen ersten Satz an mehreren Stellen mit der schauerlichen Botschaft von der Vergänglichkeit allen Lebens. Und dann der 2. Satz, ein Marsch, schön überdeckt von einer gegen den Marschrhythmus arbeitenden Melodiebildung, später voller Seeligkeit, der aber schließlich dann doch in einen äußerst bedrohlichen dissonanten Höhepunkt mündet, wie man ihn viel später erst in Bruckner- oder Mahler-Sinfonien findet. Nach diesem Höhepunkt mit aggressiven Kriegssignalen von Hörnern und Trompeten scheinen sich die Streicher kaum noch hervorzutrauen. Mit angstnassen Fingern zupfen sie an ihren Saiten.

  • Franz Schubert - 2. Satz (Ausschnitt) aus: Sinfonie Nr. 9 "Die Große"

    Die Bamberger Symphoniker und ihr Chef Jonathan Nott gestalten Seeligkeit, überbordende Freude, Angst vor dem Abgrund oder trotzigen Lebenswillen mit gleicher Liebe zum Detail. Dabei betonen sie eher das Epische als das Dramatische dieser Sinfonie und stellen damit das eigentlich Moderne, Zukunftweisende an dieser Partitur heraus. Auch das hatte seinerzeit schon Schumann bemerkt, diese "völlige Unabhängigkeit, in der die Sinfonie zu denen Beethovens steht", die ja vor allem von der Dramatik leben. Die wahrlich epische Ausbreitung der sinfonischen Form erleben wir dann erst wieder viel später, bei Anton Bruckner und Gustav Mahler. Hier noch der Schluss des vierten Satzes von Schuberts Großer C-dur-Sinfonie, ein bisschen vom - so Adorno - "letzten gefüllten Stück symphonischer Positivität, das geschrieben ward."

  • Franz Schubert - 4. Satz: Schluss (Ausschnitt) aus: Sinfonie Nr. 9 "Die Große"

    Titel: Franz Schubert: Sinfonie Nr. 9 "Die Große"
    Orchester: Bamberger Symphoniker
    Leitung: Jonathan Nott
    Label: Tudor Recording AG, Zürich
    Labelcode: LC 02365
    Bestellnr.: 7144