Sonntag, 05. Dezember 2021

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Rundfunkorchester in Deutschland„Systemrelevante Besonderheit“

Die Erhöhung des Rundfunkbeitrages könnte an der CDU in Sachsen-Anhalt scheitern. Würde der Beitrag nicht erhöht, stünden auch die Rundfunkensembles zur Disposition. Dirigent Marek Janowski hält diese Klangkörper für den „Grundsockel für die Weiterentwicklung der zeitgenössischen Musik“.

Marek Janowski im Gespräch mit Christoph Vratz | 07.12.2020

Ein älterer Herr mit schütterem, grauem Haar im Frack ist von der Seite zu sehen. In der rechten Hand hält er einen Takstock, mit der linken Hand gibt er dem Orchester einen Einsatz. Im Hintergrund sieht man verschwommen das Publikum.
„Das sachsen-anhaltinische Problem ist ein weit über den Rundfunkbeitrag hinausgehendes Politikum“, sagt Dirigent Marek Janowski. (Oliver Killig)
Christoph Vratz: Der NDR Chor, eines der renommiertesten Aushängeschilder deutscher Chorkultur, solle privatisiert werden. So waberte es gerüchteweise vor einigen Monaten durch die Presselandschaft. Die Meldung allein wäre ja schon einen Aufschrei wert – und es hagelte auch tatsächlich öffentlichen Protest. Doch dann, in den letzten Wochen, ist es eher ruhig geworden um diese Geschichte, weil der Chor nicht auftreten darf: coronabedingt, aber vielleicht auch, weil viel von der Entscheidung abhängt, ob der Rundfunkbeitrag demnächst erhöht wird oder nicht.
Sachsen-Anhalt hat sich hier sehr weit aus dem Fenster gelehnt. Denn eine Erhöhung der Beiträge nach vielen Jahren könnte am Votum eines einzigen Bundeslandes scheitern. Und dann befürchten viele – wahrscheinlich zu Recht – eine riesige Sparwelle, die aber keine Welle mehr wäre, sondern ein Tsunami in unserer öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehlandschaft. Marek Janowski, inzwischen Chefdirigent der Dresdner Philharmonie, kennt als langjähriger Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters in Berlin und zuvor des Orchestre Philharmonique de Radio France die Strukturen von Rundfunk-Klangkörpern europaweit in- und auswendig. Aber inzwischen hat er auch den nötigen Abstand für einen Blick von außen.
Herr Janowski, ich begrüße Sie am Telefon in Berlin, guten Tag.

Marek Janowski: Guten Tag.
Vratz: Wenn Sie Intendant einer Rundfunkanstalt wären und diese Erhöhung nicht käme: Woran würden Sie sparen?
Janowski: Das ist natürlich ein sehr, sehr vielschichtiges Thema, und Sie werden nicht von mir erwarten, dass ich aus der Sicht eines dort ansässigen Musikchefs dem Intendanten nahelegen würde, sich zunächst einmal in anderen Bereichen umzugucken, wo er sparen kann. Ich halte das sachsen-anhaltinische Problem, das in dieser Woche wahrscheinlich ungeheuer hochkochen wird, eher für ein weit über diesen Rundfunkbeitrag hinausgehendes Politikum in dieser Region. Nach dem Ende der Pandemie wird nicht geguckt, was man sich musik-kulturell leisten könnte oder sollte, sondern was noch möglich ist.
Und da wird natürlich wieder mal die Frage generell aufkommen: Müssen Rundfunkhäuser, die ja im Wesentlichen aus ihrer erst Berufung heraus Informationsmedien sind, Sinfonieorchester haben?
Wenn ich Intendant wäre und vorher Chefdirigent irgendeines Orchesters, würde ich natürlich sagen: Ja, selbstverständlich!
Aber wenn man einen etwas distanzierteren Blick auf das, was Rundfunk und damit verbundene Orchester angeht, hat, dann muss man mit einer solchen Argumentation doch ein bisschen vorsichtiger umgehen. Aber das kann ich hier ganz klar sagen: Will man die Weiterentwicklung der zeitgenössischen Musik, braucht es Rundfunk-Sinfonieorchester. Wenn man sich vorstellen würde, das gäbe es in Deutschland nicht mehr, muss man sich ernsthafte Gedanken darüber machen, wie es in der Entwicklung der zeitgenössischen Musik weitergehen wird.
„Ich würde immer um diese Vielfalt kämpfen“
Vratz: Das hieße aber auch, dass man die Funktion der Rundfunkorchester auf diese Funktion sehr reduziert. Wäre das zu kurz gegriffen?
Janowski: Das ist leider nicht zu kurz gegriffen. Ich habe das in Berlin nicht erlebt, aber ich war ja immerhin 16 Jahre lang der Chef des Orchestre Philharmonique von Radio France. Und die Boulez-Mafia der französischen Musikpolitik hat immer versucht, mein Orchester in diese Ausschließlichkeits-Ecke zu drängen. Das ist für die Qualität eines Orchesters sehr, sehr gefährlich. Ich habe das immer erfolgreich verhindert. Dazu braucht aber ein Orchester eine große qualitative Autorität, an der dann sogenannte Schreibtisch-Musik-Denker nicht wagen herum zu knabbern.
Das wird allerdings – wieder spreche ich von Corona und der Zeit danach – wieder stärker werden. Ich denke mal auch bei der BBC in England und bei den deutschen Rundfunkorchestern. Man muss versuchen, sich mit aller Macht dagegen zu stemmen. Wie weit das möglich ist bei einer ARD-Intendantenriege, deren Interesse an musikalischer Hochkultur mehrheitlich doch eher überschaubar ist...
Das ist jetzt keine kritische Aussage gewesen. Es ist einfach eine ganz sachliche.
Vratz: Nun haben Sie mit England und Frankreich zwei Länder erwähnt, in denen die Zahl der Rundfunkorchester aufgrund einer ganz anderen Struktur ja deutlich geringer ist. Insofern haben wir es hier in Deutschland ja noch relativ gut. Aber ist diese Vielfalt in Deutschland nicht gleichzeitig auch ein Damokles-Schwert?
Janowski: Herr Vratz, ich habe versucht, mich um genau dieses Thema herumzuschwindeln. Aber jetzt haben sie mich dabei doch erwischt. Und ich sage ganz ehrlich: Ich würde als Betroffener natürlich für diese Vielfalt kämpfen. Ob man allen, die am Geldhahn sitzen, klarmachen kann, dass die Notwendigkeit dieser Vielfalt auch für die Zukunft absolut unabdingbar ist, wage ich zu bezweifeln.
„Eine systemrelevante Besonderheit unseres Landes“
Vratz: Nun hat die Coronakrise ja das Konkurrenzdenken auch auf anderer Ebene unfreiwillig gefördert. Bisher waren Streams im Internet, im Fernsehen oder Radioübertragungen von Konzerten das ureigene Betätigungsfeld für Rundfunkensembles oder für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Jetzt sind aber viele Musikinstitutionen mit ähnlichen Angeboten nachgezogen. Das heißt, die Konkurrenz ist viel größer. Das ist aber gleichzeitig doch auch eine viel größere Bedrohung für die Rundfunkorchester, oder?
Janowski: Kann es werden. Dass andere Orchester sich den Radioübertragungen nicht nur zuwenden, sondern auch dem Live-Streaming, was ja in der näheren Zukunft sowieso eine ganz große Rolle spielen wird, ist völlig klar. Dass dadurch an der Existenzberechtigung von Rundfunk Orchestern nach und nach ein bisschen geknabbert wird, kann ich leider auch nicht von der Hand weisen.
Aber bei all diesen Überlegungen, die wir da jetzt evoziert haben, muss eins immer klar bleiben: Durch die größeren zeitlichen Probenmöglichkeiten von Rundfunk-Sinfonieorchestern und durch die hohe Qualität der Musiker werden Rundfunkorchester der Grundsockel der Entwicklung der zeitgenössischen Musik sein und auch bleiben und auch bleiben müssen, weil sehr oft städtische Orchester die Opern- und Abonnementkonzerte in ihrer Stadt bedienen müssen.
Und da ist eine – was zeitgenössische Musik sehr, sehr oft im Detail erfordert – äußerst extensive Probenarbeit oft gar nicht möglich. Und dadurch, dass das eben bei Rundfunkorchestern eher möglich ist und vor allen Dingen möglich gemacht werden kann, sehe ich für zukünftige musikalische Entwicklungen die Existenz von Rundfunkorchestern gerade in dieser phantastischen Fülle, die wir in Deutschland haben, als eine systemrelevante – um mal Herrn Steinmeier zu zitieren – Besonderheit unseres Landes. Aber es wird schwer und immer schwerer, das argumentativ Funkhaus-Intendanten, die sparen müssen, überzeugend nahezubringen.
Corona könnte Diskussion um Rundfunkorchester verschieben
Vratz: Sehen sie denn die Möglichkeit eines eventuellen Mentalitätswechsels bei den Mitgliedern der Rundfunk-Klangkörper? Damit meine ich, dass die Musikerinnen und Musiker ja doch eher zu den besserverdienenden Musikern innerhalb Deutschlands zählen und auch die Gewissheit haben, dass sie lange Zeit eine Art Bestandsschutz hatten, während freie Orchester, auch kleinere Kammerorchester, oft in jedem Konzert ums Überleben spielen müssen. Sehen Sie, dass dieser Mentalitätswechsel sich künftig stärker auf die Klangkörper des Rundfunks erstrecken wird?
Janowski: Ich sehe an meinem Orchester, an der Dresdner Philharmonie – das nun kein Rundfunkorchester ist, aber auch ein nicht gerade unterbezahltes Orchester –, dass sich da bei Musikern Überlegungen entwickeln, die ich vor zehn Jahren bei Orchestermusikern so nicht für möglich gehalten hätte. Das ist ein sehr gutes Zeichen. Ich bin ganz sicher, dass das bei Rundfunkorchestern in der einen oder anderen Form – vor allen Dingen bei jüngeren Musikern – Raum greifen wird.
Wir reden ja jetzt hier über diese knifflige Situation mit der KEF und dem sachsen-anhaltinischen Landtag. Sollten die Rundfunkanstalten noch mal Glück haben, dass da irgendwie eine Lösung gefunden wird, dann könnte das vielleicht dazu helfen, dass man diese Diskussion – wieweit brauchen wir alle diese Rundfunkorchester und wie groß müssen die personell ausgestattet sein – noch so ein bisschen in eine nähere Zukunft verschiebt. Aber das Thema ist da mit Corona verknüpft. Und das ist vielleicht auch nicht so furchtbar schädlich. Das ist jetzt eine sehr, sehr diplomatische Antwort gewesen, Herr Vratz.
Vratz: Das habe ich gemerkt. Insofern sage ich herzlichen Dank! Das war Marek Janowski, der Dirigent der Dresdner Philharmonie, über die Aussichten, Möglichkeiten und Grenzen der Rundfunk-Klangkörper jetzt und in Zukunft. Vielen Dank!
Janowski: Vielen Dank, Herr Vratz. Alles Gute.