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Russische Seelenschau

Es beginnt mit einem faschistischen Dokumentarfilm über Königsberg, mit idyllischen Bildern einer blühenden "deutschen" Stadt, und mit Hitler inmitten von Kindern. Dann legt sich eine Tonspur mit heutiger Musik unter die alten Bilder, und auf der Leinwand wird ein grellgelbes Ei in die Pfanne geschlagen. Der Autor und Regisseur Andrej Nekrasow nennt seine Auseinandersetzung mit dem postsowjetischen Zeitalter an der Berliner Volksbühne ein FilmTheaterProjekt, und die Bildcollagen mit metaphorischem Material sowie mit Bildern aus Königsbergs Vergangenheit und Kaliningrads Gegenwart kommentieren und dominieren eine Bühnenhandlung, die vor allem als philosophischer Disput über Kant daherkommt. Die Bühnenfiguren werden dazu auf leerer Drehbühne in verloren wirkende Wohninseln gesetzt und immer wieder unter den filmischen Bilderstrom auf der riesigen Leinwand an die Rampe gedreht.

Ein Beitrag von Hartmut Krug |
    Nekrasov hat eine Kriminal- und Geheimdiensthandlung mit einer Liebesgeschichte in eine philosophierende Auseinandersetzung mit Kant und der Politik und Geschichte der russischen Gegenwart eingebunden. Eine deutsche Schauspielerin probt Kleists "Penthesilea", während ihr Freund mit seinem Filmprojekt einer "Marquise von O. - 1944 in Königsberg" zum neuen Faßbinder werden will. Dazu kommen ein kritischer russischer Geheimdienstmann auf der Flucht vor seinen einstigen Kollegen und dessen Frau, die am deutschen Theater in Kaliningrad spielt und dazu gern in die Maske von Marika Rökk schlüpft. Sie sucht ihren Mann zwischen Kant- und Leibnitzstraße in Berlin, während die deutsche Schauspielerin von dem vor und aus seiner Vergangenheit Flüchtenden dazu angestellt wird, ihm eine Verliebtheit vorzuspielen. Außerdem gibt es noch eine russische Prostituierte und einen undurchsichtigen Deutschen namens Puschkin, der von allen alles weiß und zum Schluss im Tausch gegen des Filmemachers kritisches Dokumentarfilm-Material über Kaliningrad diesem einen Produzenten für sein Filmprojekt verschafft.

    "Königsberg" ist ein Stück mit vielen Seiten. Mit wütenden, grellen Filmbilder-Collagen zeigt es den schlimmen russischen Krieg in Tschetschenien, setzt Bilder von Elend und Armut gegen solche von Konsumpracht, und in einem ironisch scheiternden, vom Schauspieler Hendrik Arnst präsentierten bunten Kulturprogramm werden Blicke auf Kaliningrad zwischen Kant und Königsberger Klopsen, zwischen alter Folklore und neuer Prostitution geworfen. Das einstige Königsberg als Zentrum der Aufklärung gehört als Kaliningrad heute zu einem Russland, dass nach Nekrasovs Meinung nie eine Aufklärung erlebt hat. Und dessen demokratische Gesetze nur auf dem Papier bestehen. Weshalb er sein Stück reich mit Moral, Philosophie und Wut ausgestattet hat. Unter der Krimi- und Liebesgeschichte liegt eine tiefgreifende gesellschaftliche Verstörung, für deren Benennung Andrej Nekrasow in indirektem Theaterwort und direktem Filmbild immer wieder Kaliningrad und Tschetschenien zusammenbringt.

    Der Autor zeigt vor allem politische Haltung. Leider tragen seine Figuren ihre philosophischen Diskurse in eher spannungslosen Dialogen aus- und vor. Kants universalistische Ethik des kategorischen Imperativs wird dabei mit konkreten historischen Situationen von realen Subjekten in Vergangenheit und Gegenwart konfrontiert.

    Allerdings kommt Kants Philosophie in dieser Aufführung meist in aufgesagt moralisierenden und so echt gefühlten wie platt klingenden Parolen daher, und manche Filmpassagen wirken gar wie plakativer Agitprop. Immerhin besitzen sie noch ästhetische Kraft, während die Bühnenszenen sich völlig spannungslos und wie uninszeniert in ihrem endlosen Gerede dahin dehnen. Schauspielerisch sticht Milan Peschel hervor, der den in Unterwäsche und Bademantel in seiner Wohnung hockenden Filmemacher mit einer witzigen und beiläufig rotzigen Authentizität ausstattet. Peschel spielt keine Figur, sondern eine Type, während seine Mitspieler vergeblich versuchen, ihren schablonenhaften Figuren individuelles Leben einzuhauchen.

    Andrej Nekrasovs "Königsberg" ist ein ambitioniertes, aber leider ziemlich misslungenes Projekt. Wenn zum Schluss schrecklich-schöne Bilder eines freundschaftlichen Treffens zwischen Putin und Schröder zwischen Elends- und Totembilder aus Tschetschenien geschnitten werden, dann verdeutlicht sich das Anliegen des Autors und Regisseurs überdeutlich. Dieser Abend ist ein heftiger Schrei nach alter Aufklärung, neuen Visionen und einer gültigen Moral.

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