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StartseiteKalenderblattRussischer Expansion einen Riegel vorgeschoben30.03.2006

Russischer Expansion einen Riegel vorgeschoben

Vor 150 Jahren beendete der Frieden von Paris den Krimkrieg

Am 30. März 1856 wurde der Pariser Friedensvertrag unterzeichnet, der dem zweijährigen Konflikt zwischen den Großmächten England und Frankreich auf der einen und Russland auf der anderen Seite ein Ende setzte. Das Bemühen Russlands, seinen Einflussbereich auf dem Balkan und im östlichen Mittelmeer auf Kosten des Osmanischen Reiches auszudehnen, ist als Krimkrieg in die Geschichte eingegangen.

Von Volker Ullrich

Mit dem Fall von Sewastopol (hier ein Bild von 1942) war der Augenblick gekommen, um den Krieg zu beenden. Zar Alexander II. bat um Frieden. (AP Archiv)
Mit dem Fall von Sewastopol (hier ein Bild von 1942) war der Augenblick gekommen, um den Krieg zu beenden. Zar Alexander II. bat um Frieden. (AP Archiv)

Am 25. Februar 1856 versammelten sich in Paris die Unterhändler Frankreichs, Englands, Russlands, Österreichs, der Türkei und Piemont-Sardiniens, um über die Beendigung des Krimkriegs zu verhandeln.

Der Krimkrieg hatte sich an dem Bestreben Russlands entzündet, seinen Einflussbereich auf dem Balkan und im östlichen Mittelmeer auf Kosten des Osmanischen Reiches auszudehnen, um endlich dem traditionellen Ziel russischer Außenpolitik, der Kontrolle über die Meerengen des Bosporus und der Dardanellen, näher zu kommen. England und Frankreich hingegen wollten dem russischen Expansionsdrang einen Riegel vorschieben und griffen im Frühjahr 1854, unterstützt vom Königreich Piemont-Sardinien, auf Seiten der Türkei in den Krieg ein. Worum es den Westmächten ging, hatte der britische Premierminister Lord Palmerston zuvor deutlich gemacht:

"Die Integrität und Unabhängigkeit des Ottomanischen Reiches sind notwendig, um Sicherheit, Freiheit und das Gleichgewicht der Mächte im übrigen Europa aufrechtzuerhalten."

Seit September 1854 konzentrierten sich die Kampfhandlungen auf die Halbinsel Krim. Es war der erste europäische Krieg, über den das Publikum in England durch Korrespondenten der großen Zeitungen, allen voran Howard William Russell von der "Times", umfassend ins Bild gesetzt wurde. Und was sie berichteten, war für die britische Armee alles andere als schmeichelhaft.

So starben weitaus mehr Soldaten an Krankheiten und Seuchen als im Kampf selbst. Die Berichte über die unhaltbaren Zustände veranlassten eine Krankenschwester aus wohlhabender Familie, Florence Nightingale, sich für den Dienst im Hospital von Skutari zu melden. Was sie erwartete, war schaurig. Es fehlte an allem – an medizinischen Geräten, Bettzeug, Nahrungsmitteln.

"Ich bin in einem Zustand chronischer Wut...",

schrieb Florence Nightingale aus Skutari.

"Die Männer waren wie lebende Skelette, zerfressen vom Ungeziefer, mit Geschwüren übersät, den Kopf in eine Decke eingebunden, so kamen sie an, ohne eine Wort zu sagen; sie verschieden klaglos... Niemand kann sich vorstellen, wie schrecklich so ein Krieg ist."

Die russische Armee war zwar zahlenmäßig dem britischen und französischen Expeditionskorps weit überlegen, aber ihre Bewaffnung war veraltet. Auf Grund der technologischen Rückständigkeit des Landes gab es massive Nachschubprobleme – und es blühte die Korruption.

"In keiner Armee Europas wird der Soldat kärglicher versorgt als in der russischen, nirgends gibt es solches Ausmaß an Bestechungen, die dem Soldaten die Hälfte dessen rauben, was ihm zusteht."

Das schrieb der Schriftsteller Leo Tolstoi, der als junger Offizier am Krimkrieg teilnahm. So war es auch nicht verwunderlich, dass die Festung Sewastopol im September 1855 nach monatelanger Belagerung kapitulieren musste. William Howard Russell beschrieb den Anblick, der sich den Eroberern bot:

"Nie zuvor dürfte ein so erschreckendes und grauenhaftes Trommelfeuer stattgefunden haben, seit es Kanonen gibt. Im Innern der Festung lagen die Russen haufenweise übereinander wie Kadaver auf einem Fleischkarren. Die Wunden, das Blut – der Anblick übertraf alles, was ich bis dahin gesehen hatte."

Mit dem Fall von Sewastopol war der Augenblick gekommen, um den Krieg zu beenden. Zar Alexander II., der im März 1855 dem plötzlich verstorbenen Nikolaus I. nachgefolgt war, bat um Frieden, und stieß bei Napoleon III. auf Gegenliebe. Ohne Frankreich wollte aber auch England den Krieg nicht weiterführen.

Am 30. März 1856 wurde der Friedensvertrag feierlich unterzeichnet. Die Unabhängigkeit der Türkei wurde garantiert. Das Zarenreich verlor sein Protektorat über die Donaufürstentümer (das spätere Rumänien), und es musste der Entmilitarisierung des Schwarzen Meeres zustimmen.

Von seinem Ziel einer Kontrolle der Meerengen war die russische Politik weiter entfernt als zuvor. Dafür machte sie vor allem Österreich verantwortlich, das sich im Laufe des Krieges auf die Seite der Westmächte geschlagen hatte. Preußen dagegen wahrte strikte Neutralität. Das sollte sich für die Zukunft auszahlen. Während der drei Kriege, die der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck zwischen 1864 und 1870 inszenierte, verhielt sich Russland seinerseits neutral – und ermöglichte damit überhaupt erst die deutsche Einheit unter Preußens Führung.

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