
Seit zwölf Jahren führt Russland Krieg in Europa, Krieg gegen seinen Nachbarn, die Ukraine. Derzeit sind etwa 20 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets besetzt. Für die russische Propaganda ist es ein Kampf gegen vermeintliche Nazis, den Westen und die NATO.
Ein wichtiger Teil der russischen Eroberungs- und Besatzungspolitik ist dabei die Umerziehung der ukrainischen Kinder in den Schulen in den von Russland besetzten Gebieten.
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Kinder als Druckmittel gegen die Eltern
Nach Angaben britischer Geheimdienste wurden schätzungsweise insgesamt 3,5 Millionen russische Pässe in den besetzten Gebieten der Ukraine ausgegeben. Entziehen können die Menschen sich dem nicht. Denn dass die Pässe angenommen werden, dafür gibt es triftige Gründe. Ohne russischen Pass können Menschen unter russischer Besatzung unter anderem keine Sozialleistungen oder sonstige Hilfen empfangen.
Die Kinder würden dabei systematisch als Druckmittel gegen die Eltern eingesetzt, berichten Menschenrechtsgruppen wie Human Rights Watch. Den Eltern wird mit dem Entzug des Sorgerechts für ihre Kinder gedroht, wenn sie die russischen Pässe nicht annehmen und ihr Kind in eine russische Schule schicken. Darüber hinaus droht ihnen die Enteignung.
Ukrainische Sprache und Geschichte werden verbannt
In den Schulen der besetzten Gebiete wurde ein neuer russischer Lehrplan verpflichtend eingeführt. Ukrainische Sprache und Geschichte wird dabei aus dem Unterricht verbannt. Lehrern, die sich weigern, nach russischem Lehrplan zu unterrichten, drohen harte Strafen bis zu Inhaftierung und Folter.
Seit dem Überfall auf die Ukraine 2022 wurden in Russland die Maßnahmen zur patriotischen Erziehung landesweit massiv ausgeweitet. Auch in den besetzten Gebieten. In den Schulen gibt es seitdem das sogenannte „Gespräch über Wichtiges“ und andere patriotische Pflichtstunden. Die behandeln Themen sind vielfältig, von aus Kultur, über Geschichte und bis hin zu Geografie. Aber oft angelehnt an russische Feiertage.
Nach unterschiedlichen Schätzungen leben in den besetzten Gebieten bis zu 1,5 Millionen Kinder. Etwa 30.000 von ihnen lernen oft heimlich weiterhin in einer ukrainischen Schule, vermutet das ukrainische Bildungsministerium. Ihr Anteil sinkt jedoch mit jedem Jahr unter russischer Besatzung.
Um ihre Kinder nicht der Indoktrination auszusetzen, verstecken manche Eltern ihr Kind einfach. Aber die Angst ist groß, dass Nachbarn es verraten und den Russen sagen, dass sich in dieser oder jener Wohnung noch ein Kind befindet. Dann kommen die Besatzungsbehörden.
Und wenn das Kind dann nicht in die russische Schule geht, nehmen sie es der Familie weg. Sie entziehen den Eltern das Sorgerecht, berichtet die Lehrerin Lessja, die 2022 aus Melitopol flüchten musste.
Unterdrückungsmechanismen seit 2014 erprobt
In den vergangenen vier Jahren hat Russland Beobachtern zufolge seine Unterdrückungsmechanismen in den besetzten Gebieten ausgebaut. Viele dieser Instrumente sind schon seit 2014 auf der Krim und im besetzten Teil des Donbass erprobt worden.
Als die russische Armee im März 2022, direkt nach dem Beginn des Angriffs auf die Ukraine, in Melitopol einrückte, sei sie mit frisch gedruckten Schulbüchern gekommen, berichtet Lessja, die früher an einer Schule in Melitopol unterrichtet hat.
Mit der Russifizierung kommt die Militarisierung
Die Russifizierung ukrainischer Kinder ist das eine, genau so schwerwiegend ist aber die Militarisierung der Kinder. Denn ukrainische Kinder würden nicht nur auf einen Krieg mit der Ukraine vorbereitet, sondern auch auf einen Krieg mit der NATO. Das wird ihnen direkt in den Schulen beigebracht, sagt Anastasia Kartaschewa. Sie arbeitet für die Organisationen Save Ukraine, die Menschen bei der Ausreise aus den besetzen Gebieten hilft.
Die Kinder werden in Militärlager gebracht, oft unter Vorspiegelung falscher Tatsachen. „Es werden enorme Ressourcen darauf verwendet, diese Kinder zu brechen. Sie werden in diese Camps geschickt, wo sie sich in einem völlig anderen Umfeld befinden, in dem alles darauf ausgerichtet ist, sie zu verändern“, sagt die Journalistin Olesia Bida vom Online-Magazin „Kyiv Independent“.
Die russischen Militärorganisationen gehören zu einem Netzwerk von Jugendorganisationen, die in den besetzten Gebieten der Ukraine aktiv sind. Neben der Junarmija (deutsch Jugendarmee), der Kinder- und Jugend-Militär-Erziehungsorganisation Russlands, sind dies unter anderem die sogenannte „Bewegung der Ersten“, die „Freiwilligen des Sieges“ oder die „Junge Garde“, die Jugendorganisation der Partei “Einiges Russland”.
Ein System von militärpatriotischen Jugendorganisationen
Insgesamt hat die Journalistin Olesia Bida rund zwei Dutzend militärpatriotische Jugendorganisationen recherchiert. Deren Ziel sei es, eine patriotische und dem russischen Regime gegenüber loyale Jugend heranzuziehen, sagt Bida. Einige von ihnen seien direkt an Schulen angebunden. „Sie haben dort eigene Gruppen, und die Kinder, die an die Schule gehen, werden teilweise gezwungen beizutreten. Und auch hier steht Krieg im Fokus.“
Die zentrale Botschaft der Organisationen sei: Krieg ist ein Normalzustand. Russland sei ständig von inneren und äußeren Feinden bedroht. Das habe selbst sie bei ihrer Recherche schockiert, berichtet Olesia Bida. Aus ukrainischen Kindern sollen russische Patrioten werden, die bereit sind, ihr Leben für Russland zu opfern. Jeder spricht von Indoktrinierung.
Nach der Propaganda: Ukrainer kämpfen gegen Ukrainer
Die Auswirkungen systematischer Militarisierung und Propaganda von Kindern unter Besatzung sind schon heute in der Ukraine spürbar. Am Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 waren viele junge Männer aus dem Osten des Landes beteiligt, aus den sogenannten Volksrepubliken, die Russland schon 2014 besetzt hat. So etwa junge Männer aus Donezk, die in den Reihen der russischen Armee gegen die Ukraine kämpften. Viele werden zu Beginn der Invasion 2022 eingezogen, viele melden sich aber auch freiwillig.
Nach offiziellen Angaben des ukrainischen Koordinierungsstabs für Kriegsgefangene besitzt jeder sechste russische Soldaten in ukrainischer Kriegsgefangenschaft einen ukrainischen Pass. Es sind Männer aus den von Russland besetzten Gebieten, die nun auf russischer Seite kämpfen.
Viele Beobachter fürchten, dass in wenigen Jahren viele Kinder, die heute unter russischer Besatzung militarisiert und indoktriniert werden, später in den russischen Streitkräften dienen werden.
„Das erklärt vermutlich am besten, was derzeit mit ukrainischen Kindern in den besetzten Gebieten geschieht, wenn ihre Eltern nicht die Möglichkeit haben, sie entsprechend ihrer eigenen Werte und Überzeugungen zu erziehen. Mithilfe von Propagandamethoden versucht die Besatzungsmacht, die Identität dieser Kinder zu verändern und alles Ukrainische in ihnen vollständig zu verdrängen", sagt die Journalistin Olesia Bida von „Kyiv Independent“.














