
Lew Gudkow ist Soziologe und leitet das einzige unabhängige Meinungsforschungsinstitut in Russland, das Lewada-Zentrum in Moskau. Er wird deswegen regelmäßig von westlichen Medien interviewt.
Aufgrund der hohen staatlichen Repression in Russland werden Gudkows Forschungsergebnisse auch kritisch diskutiert und eingeordnet. Denn die Menschen in Russland stehen unter großem Druck und verschweigen möglicherweise ihre tatsächliche Meinung oder nehmen erst gar nicht an Umfragen teil.
Das macht die Lewada-Umfragen nach Einschätzung von Experten allerdings nicht unbrauchbar. Sie stellten öffentlich geäußerte Meinungen dar und damit eine „kollektive Bewertung der akzeptablen Meinungen“, schreibt der Leiter der Abteilung Politik und Wirtschaft der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, Heiko Pleines.
Der Deutschlandfunk hat Gudkow um Einschätzungen zu aktuellen Fragen rund um den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und der inneren Verfasstheit von Putins Reich gebeten. Gudkow nennt Zahlen aus Umfragen seines Instituts und interpretiert diese zugleich. Er spricht über …
Inhalt
- … die Beteiligung Hunderttausender Russen an den Verbrechen in der Ukraine
- … die Frage, ob die Russen inzwischen nicht kriegsmüde sind
- … die Verluste der russischen Armee
- … den Blick der Menschen in Russland auf die USA und den Westen
- … die Propaganda in Russland
- … die Angst vor dem Putin-Regime
- … den Widerstand der Ukraine und den „Neid“ der Russen
… die Beteiligung von Hunderttausenden Russen an den Verbrechen in der Ukraine
Der Krieg werde in Russland nicht nur als ein Krieg gegen die Ukraine betrachtet, sondern als Krieg gegen den kollektiven Westen, sagt Gudkow. Russland sei in dieser Wahrnehmung das Opfer. Insgesamt 60 bis 70 Prozent der Menschen sähen die Ursache des Kriegs in der Politik des Westens. Ein Schamgefühl angesichts von Leid und Zerstörung in der Ukraine gebe es kaum, nur sechs bis acht Prozent der russischen Bevölkerung gäben an, so zu empfinden.
… die Frage, ob die Russen inzwischen nicht kriegsmüde sind
Die Russen seien den Krieg eigentlich leid, so Gudkow, 65 bis 66 Prozent der Bevölkerung wünschten sich ein zügiges Ende der Kampfhandlungen. Nur 25 Prozent träten dafür ein, „dass dieser Krieg fortgesetzt wird, bis er siegreich endet“. Die meisten Befragten, rund 70 Prozent, gäben allerdings zugleich an, Forderungen von Präsident Wladimir Putin an die Ukraine zu unterstützen: „Letztlich wünschen sie sich eine Niederlage der Ukraine ohne jede Barmherzigkeit.“
… die Verluste der russischen Armee
„Das ist ein Thema, das mit einem Tabu belegt ist“, sagt Gudkow. Wenn Blogger oder Journalisten Zahlen von Gefallenen veröffentlichten, würden sie dafür strafrechtlich verfolgt oder zumindest mit einer Geldbuße belegt.

Es gebe keine Bereitschaft, sich freiwillig für den Kriegsdienst zu melden, sagt der russische Wissenschaftler. Die Gewinnung neuer Soldaten erfolge über Zwangsmobilmachungen oder das Anbieten lukrativer Verträge. Insoweit sei die Haltung in der Bevölkerung gegenüber den Soldaten zweideutig, „denn gerade die sogenannten Vertragssoldaten sind letzten Endes nichts anderes als Söldner“. Und ein weiterer großer Teil der mobilgemachten Soldaten seien verurteilte Straftäter - mit beiden Gruppen gebe es kaum Mitgefühl.
… den Blick der Menschen in Russland auf die USA und den Westen
Mit dem Beginn der Präsidentschaft Putins sei begonnen worden, die Ideen des Westens wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte zu diskreditieren, sagt Gudkow. Die Ressentiments gegenüber dem Westen seien nach der Annexion der Krim weiter verstärkt worden. Mit der Verhängung von Sanktionen gegen Russland habe sich dann die Angst in der Bevölkerung entwickelt, Russland könne in einen Dritten Weltkrieg geraten.
Dem Soziologen zufolge ist die Befürchtung weit verbreitet, dass der Westen Russland vernichten und sich die Reichtümer des Landes aneignen wolle. Dadurch habe sich die Überzeugung festgesetzt, dass nur die Regierung in der Lage sei, die nationale Sicherheit zu gewährleisten und Gefahren von außen einzudämmen. Putins Umfragewerte liegen nach Gudkows Angaben nach wie vor auf einem hohen Niveau. Etwa 85 Prozent der Bevölkerung unterstützten ihn.
… die Propaganda in Russland
„Wenn Sie den Informationsraum vollumfänglich kontrollieren können, so ist es auch leicht, die öffentliche Meinung zu manipulieren“, sagt Gudkow. Die Menschen könnten Ereignisse nur anhand dessen bewerten, was sie wahrnähmen. „Und das ist in der Regel das, was sie gegenwärtig aus dem Fernsehen erfahren.“ Das sei ihre Realität. Zusätzlich gäbe es Repressionen gegenüber denjenigen, die es wagten, sich kritisch zu äußern.
… die Angst vor dem Putin-Regime
„Die Angst vor Repressionen und vor der Willkür des Regimes ist sehr, sehr hoch“, sagt Gudkow. Etwa 35 bis 40 Prozent der Bevölkerung sorgten sich, Opfer von staatlicher Verfolgung zu werden. Diese Angst verschwinde nie. Viele Menschen hätten für sich verinnerlicht, worüber man sprechen dürfe, und worüber man nicht sprechen sollte, so der Soziologe. Die Menschen kontrollierten inzwischen selbst ihre Gedanken. Die Fähigkeit, Widerstand zu leisten, werde unterdrückt.
„Ich sehe nicht den großen Willen in der Bevölkerung, sich öffentlich gegen das Regime zu äußern“, so Gudkow. Der soziale Druck sei hierfür zu hoch. Mehr als 70 Prozent der Menschen seien inzwischen der Ansicht, dass man anderen Menschen nicht vertrauen dürfe. „Die moralische Grundlage ist zerstört“, sagt Gudkow.
… den Widerstand der Ukraine und den „Neid“ der Russen
Gudkow sieht „einen grundsätzlichen Unterschied zwischen der russischen und der ukrainischen Gesellschaft“. Die Ukraine habe zwar einen „schwachen und korrumpierten“ Staat, aber auch eine starke Zivilgesellschaft. Sie sei gut entwickelt und einflussreich.
Ohne sie und ohne die gesellschaftliche Solidarität „hätte die Ukraine diesen Krieg vermutlich schon längst verloren“, meint der Soziologe. Die ukrainische Gesellschaft zeichne sich durch moralische Stärke aus. „Und das wiederum schafft durchaus auch Neid und Ressentiments auf russischer Seite“, betont der Soziologe - was Putins Aggressionen dann weiter schüre und nähre.
















