Russifizierung
Warum Moskau ukrainische Kinder verschleppt

Seit 2014 hat Russland aus besetzten Gebieten der Ukraine Tausende Kinder deportiert und zwangsumgesiedelt. Ukrainische Menschenrechtsorganisationen versuchen, sie zu finden und wieder mit ihren Familien zusammenzubringen.

    Papierpuppen und der Schriftzug "They are not forgotten" erinnern an die durch Russland verschleppten ukrainischen Kinder.
    Wie viele Kinder von Russland aus der Ukraine verschleppt wurden, ist nicht ganz klar. Die ukrainische Regierung spricht von rund 20.000 Kindern (picture alliance / Photoshot / Pablo Pulp / Avalon)
    Die Verschleppungen von ukrainischen Kindern begann nach ukrainischen Angaben nicht erst mit dem russischen Angriffskrieg 2022, sondern schon 2014 mit der Annexion der Krim und dem Donbass-Konflikt, als prorussische Separatisten in den ostukrainischen Regionen Donezk und Luhansk selbst ernannte „Volksrepubliken“ ausriefen.
    Schon damals hätten russische Vertreter ukrainische Waisenkinder zur Adoption an russische Familien freigegeben, sagt die Juristin Kateryna Rashevska. Sie arbeitet mit der ukrainische NGO Regionales Zentrum für Menschenrechte daran, solche Verschleppungen zu dokumentieren und die Täter vor Gericht zu bringen.
    Wegen der Verschleppung der Kinder hat der Internationale Strafgerichtshof am 17. März 2023 gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin und seine Kommissarin für Kinderrechte, Maria Lwowa-Belowa, einen internationalen Haftbefehl erlassen. Sie sollen für das Kriegsverbrechen der rechtswidrigen Vertreibung beziehungsweise Überführung ukrainischer Kinder aus den besetzten Gebieten der Ukraine in die Russische Föderation verantwortlich sein.
    Auch das Europaparlament verurteilte schon im September 2022 die Deportation ukrainischer Zivilisten und Kinder und forderte Russland auf, dies zu unterlassen.

    Inhalt

    Warum werden die Kinder verschleppt?

    Nach dem Beginn der vollumfänglichen Invasion 2022 habe es dann verschiedene Varianten rechtswidriger Verschleppung und Zwangsumsiedlungen gegeben. Begründet hat Russland die Aktionen damit, dass Kinder aus den Kampfgebieten evakuiert, gerettet werden mussten. So erzählt es auch Putin Kinderrechtsbeauftragte Maria Lwowa-Belowa. Sie präsentiert sich als Retterin ukrainischer Kinder und erzählte offen, dass sie selbst einen Jungen aus Mariupol adoptiert - und zu einem "Patrioten" geformt hat. In einem anderen Interview sagte die Ombudsfrau, ein Flugzeug habe nach einem der Einsätze 390 Kinder zu Pflegefamilien in Russland ausgeflogen.
    Tatsächlich seien aber viele dieser Kinder bewusst von ihren Eltern getrennt worden und in sogenannte Filtrationslager gekommen, sagt die Juristin Kateryna Rashevska. Viele von ihnen seien später Kriegswaisen geworden, wurden dann in russische Waisenhäuser oder Pflegefamilien gegeben. Selbst jetzt gingen die Verschleppung weiter, würden ukrainische Kinder aus Waisenhäusern zur Adoption an russische Familien vermittelt.
    Nicht nur ukrainische Menschenrechtler sehen hier keine vereinzelten Vorfälle, sondern staatliche russische Politik mit dem Ziel, ukrainische Kinder aus den besetzten Gebieten zu verschleppen.
    Dafür wurde ein ganzes Netzwerk aufgebaut. Dort werde ihnen beigebracht, Russland als ihr Mutterland zu mögen und zu lieben. Sie sprechen nur Russisch, kein Ukrainisch und singen die russische Nationalhymne, sagt Kateryna Rashevska. In sogenannten Militarisierungslagern lernten Kinder zudem, echte Waffen zu benutzen, wie man mit Fallschirmen springt, wie man Drohnen benutzt.
    „Die Russen versuchen also, die Verbindungen zwischen den ukrainischen Kindern und der Ukraine zu kappen, um zu verhindern, dass die Kinder zurückgeführt werden können. Sie wollen sie zu russischen Bürgern machen.“ Das passiere ungeachtet des Alters der Kinder.

    Was sagt Russland zu den Vorwürfen?

    Russland weist die ukrainischen Vorwürfe zurück und verweist darauf, dass Kinder als besonders schutzbedürftige Gruppe nach dem humanitären Völkerrecht evakuiert werden müssten.
    Das sei richtig, sagt die Juristin Kateryna Rashevska. Kinder dürften nach internationalem Recht als besonders schutzdürftige Gruppe von einer Kriegspartei evakuiert werden. Aber damit eine Evakuierung rechtmäßig sei, müssten bestimmte Bedingungen erfüllt werden. So müsste zum Beispiel eine Liste der evakuierten Kinder an das Internationale Komitee vom Roten Kreuz geschickt werden, um später die Familienzusammenführung zu erleichtern. Auch sei es verboten, die Identität der Kinder zu ändern, ihnen die russische Staatsbürgerschaft aufzuzwingen oder diese Kinder zu russischen Familien zu schicken, da das langfristige negative Folgen haben kann.
    Russland habe keine solcher Verpflichtung eingehalten, sagt Rashevska. Es könne das Recht auf Evakuierung also nicht geltend machen.

    Um wie viele ukrainische Kinder geht es?

    Wie viele Kinder von Russland verschleppt wurden, ist nicht ganz klar. Die ukrainische Regierung spricht von rund 20.000 Kindern, einige Nichtregierungsorganisationen vermuten gar noch viele höhere Zahlen. Das Humanitarian Research Lab (HRL) der US-Universität Yale konnte nach eigenen Angaben mehr 8.400 ukrainische Kinder identifizieren, die systematisch dauerhaft oder vorübergehend in Einrichtungen gebracht wurden, darunter auch welchen in Belarus.
    Die Forscher sprechen von einem „potenziell beispiellosen System“ mit mindestens 210 Einrichtungen, das Zehntausende Kinder aus der Ukraine für lange Zeit aufnehmen könne.
    Umerziehungsaktivitäten gebe es in mindestens 130 der Einrichtungen, militärische Schulungen in mindestens 39 Orten. Nur 1.236 Kinder seien bisher in die Ukraine zurückgekehrt, heißt es in einem Bericht vom März 2025.
    Die US-Forscher kommen zu dem Schluss, dass die russischen Handlungen gegen die Genfer Konvention von 1946, das zusätzliche Protokoll I von 1977, die römischen Statuten des Internationalen Strafgerichtshofs zu Kriegsverbrechen und die UN-Kinderrechtskonvention verstoßen.

    Wie werden Kinder wieder zurück in die Ukraine gebracht?

    Für die Rückführung der Kinder gebe es leider keinen einheitlichen rechtlichen Mechanismus, sagt Rashevska. Das bedeute, dass in jedem einzelnen Fall eine eigene Rettungsaktion geplant werde, um Familien wieder zusammenzubringen. Das werde auch international unterstützt. Der internationalen Koalition für die Rückführung ukrainischer Kinder gehörten aktuell 46 Staaten sowie die Europäische Union und der Europarat an. An manchen Fällen sei auch das Internationale Komitee des Roten Kreuz beteiligt.
    Die Kinder, die bereits zurückgebracht und ihren Eltern oder Verwandten übergeben wurden, stammten hauptsächlich aus den besetzten Gebieten, sagt Rashevska. Es seien nicht die Kinder, die unrechtmäßig nach Russland verschleppt oder zwangsumgesiedelt wurden. Russland gebe Kinder zurück, um der internationalen Rechenschaftspflicht zu entgehen, zum Beispiel vor dem Internationalen Strafgerichtshof. Nach Russland verschleppte Kinder könnten aussagen und Zeugen in einem Verfahren gegen Putin und seine Kinderrechtebeauftragte Maria Lwowa-Belowa sein.

    So werden Einzelfälle dokumentiert

    Rashevskas NGO dokumentiert die Geschehnisse, um Fälle vor internationale Gerichte und gerichtsähnliche Institutionen anzustrengen. Deshalb gingen die Berichte auch regelmäßig an die zuständigen Organe der Vereinten Nationen.
    Die Informationsquellen seien dabei meistens öffentlich verfügbare Daten. Zudem gebe es auch Kontakte zu Menschen vor Ort, teilweise in den besetzten Gebieten. Um konkrete Gerichtsprozesse voranzutreiben, würden auch Kinder befragt, die aus Russland zurückgekehrt seien.
    Oft seien auch die Russen die besten Chronisten ihrer eigenen Verbrechen. „Wir finden Videos, Berichte, Interviews“, sagt Rashevska. „Warum sie das machen? Weil sie ihr russisches Publikum davon überzeugen möchten, dass nichts Ungewöhnliches passiert.“
    Die gesammelten Informationen hätten auch schon dazu beigetragen, dass viele russische Beamte in die Sanktionsliste der EU, des Vereinigten Königreichs und vieler anderer Länder aufgenommen wurden. „Außerdem wurden auch dank unserer Eingaben beim Internationalen Strafgerichtshof zwei Haftbefehle erlassen, gegen Wladimir Putin und seine Kinderrechtsbeauftragte Maria Lwowa-Belowa.“ Viele Berichte dienten den Vereinten Nationen als Grundlage, wenn sie Reports erstellen, die mit der Politik der Russischen Föderation zu tun haben.
    „Das Wichtigste ist aber, dass wir die Wahrheit für zukünftige Generationen der Ukrainer bewahren“, sagt Rashevska. „Dass wir nicht zulassen, dass die Russen die Realität verzerren und beispielsweise die gesamte internationale Gemeinschaft davon überzeugen, dass sie Kinder retten und keine internationalen Verbrechen begehen.“

    gue