Freitag, 19. August 2022

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Russland
Homosexualität an Hochschulen

Der Deutsche Akademische Austauschdienst schickt jährlich Hunderte Stipendiaten nach Russland. Obwohl Homophobie an russischen Hochschulen ein Problem ist, wäre ihm nicht bekannt, dass homosexuelle Studenten ausgewiesen worden seien, sagte Thomas Prahl, Leiter des DAAD, im DLF-Interview.

Thomas Prahl im Gespräch mit Grit Thümmel | 24.02.2014

    Grit Thümmel: Über Homophobie im russischen Hochschulalltag haben wir gerade mit Alexander Stepanjan gesprochen. Der russische Politologe wurde nach Bekanntwerden seiner Homosexualität an seiner staatlichen Uni exmatrikuliert und sieht darin einen Zusammenhang. Wer solche Berichte hört und sich gerade auf sein Auslandssemester in Russland freut, der dürfte zumindest nachdenklich werden. Hunderte Stipendiaten, vom Studierenden bis zum Hochschullehrer schickt der Deutsche Akademische Austauschdienst ja jedes Jahr nach Russland. Aber wie bereitet der DAAD seine sogenannten Outgoings darauf vor, dass dort offene Kritik gar nicht gern gesehen ist. Thomas Prahl ist Referatsleiter des DAAD für den Referatsbereich Russland. Was geben Sie, Herr Prahl, Ihren Stipendiaten denn mit auf den Weg?
    Thomas Prahl: Das Erste ist, wir achten natürlich sehr darauf, dass sie möglichst gut auch mit der russischen Sprache vertraut sind. Sprache ist nun mal das Ausdrucksmittel unserer Kommunikation, und nur, wer die Sprache gut beherrscht, kann dann auch seine eigene Meinung, seine Denkstrategie darlegen. Und wir versuchen das natürlich dann ihnen zu vermitteln, indem wir sagen, hört den russischen Rundfunk oder verfolgt über Internet Entwicklungen der Zivilgesellschaft und so weiter. Wir sagen ihnen auch dann in den persönlichen Gesprächen, dass sie natürlich darauf achten müssen, dass sie als Gaststudent die Gesetze des Gastlandes berücksichtigen müssen, auch wenn die einem nicht ganz so schmecken. Denn das russische Gesetz verbietet ja nicht Homosexualität, sondern es verbietet die Propagierung von Homosexuellen im Rahmen des Kontakts mit Minderjährigen. Wir geben ihnen schon Tipps mit, ohne sie jetzt zwingend zu verpflichten, das eine oder andere zu tun. Das sind selbstständig denkende junge Leute, die oftmals ja auch in ihrer Ausbildung eng mit Russland oder der russischen Geschichte verbunden sind.
    Thümmel: Haben denn kritische Köpfe, die Sie nach Russland geschickt haben, schon mal Probleme bekommen, wenn sie sich da eben zu kritisch geäußert haben?
    Prahl: Es ist uns jetzt kein Fall bekannt, dass jemand dort von der Polizei festgenommen wurde oder jemand als Persona non grata ausgewiesen wurde. Das spricht natürlich auch für das Verhalten unserer Studierenden, dass sie sich auch nicht provozieren lassen zu irgendwelchen spontanen Aktivitäten. Aber die sind nicht apolitisch. Aber sie sind eben so klug, dass sie sich dann nicht provozieren lassen.
    Thümmel: Schon eine Gratwanderung.
    Prahl: Es ist schwierig, das gebe ich zu, ja.
    Thümmel: Aber sind solche Erfahrungsberichte über den Umgang mit Homosexuellen oder kritischen Wissenschaftlern nicht auch abschreckend für Bewerber, die jetzt eben überlegen, nach Russland zu gehen?
    Prahl: Es gibt keine eineindeutigen Zeichen, dass wir jetzt Stipendiaten hätten, die uns gesagt hätten, nach der Entwicklung in dieser Frage treten wir von unserem Stipendium zurück. Wir merken in den Bewerberzahlen, dass das Interesse an Russland insgesamt in den letzten Jahren, wenn man mal so die Periode von Michail Gorbatschow bis heute verfolgt, dass die kontinuierlich abnimmt. Das hängt aber nicht nur an der brisanten Gesetzgebung oder auch an der politischen Situation. Es hängt einfach daran, dass in Russland dem Bologna-Prozess und seinen Modernisierungstendenzen in Europa zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Das heißt also, es gibt kaum oder nur sehr wenige englischsprachige oder deutschsprachige Studienangebote. Das ist eigentlich schade, weil natürlich gerade in den Bereichen Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften es durchaus etwas zu lernen gäbe für unsere jungen Leute, und wir hoffen sehr, dass in Zukunft mehr englischsprachige Studienangebote auf den russischen Bildungsmarkt kommen und dann die Zahlen auch wieder zunehmen.
    Thümmel: Ich frage mich, sind Sie jetzt auch gezwungen, Ihre Kooperationspartner immer mehr zu hinterfragen, inwiefern die da kritischen Diskurs zulassen oder es vielleicht auch mal zu Problemen kommt?
    Prahl: Ich weiß, dass wir sehr wohl jetzt verfolgen die Bestrebungen der Modernisierung der Hochschulen. Bei der ersten Welle der Überprüfungen geriet auch die einzige Geisteswissenschaftliche Universität RGGU ins Visier, und nur mit vereinten Kräften vieler anderer Hochschulen konnte es dann gelingen, diese Hochschulen vor der Schließung zu bewahren. Also, wir achten schon darauf, wo kritische Köpfe sind, dass wir auch mit denen dann durchaus kooperieren. Ich kann es an einem anderen Beispiel nennen, das aus einer ähnlichen Region ist. Es hat ja viele Exmatrikulationen aus politischen Gründen in Belarus, bei der letzten Präsidentenwahl gegeben. Und da haben wir sofort auch darauf reagiert, indem wir eben die Hochschulen, wo die Rektoren im vorauseilenden Gehorsam dann eben Aktivisten dieses Antiwahlkampfes exmatrikuliert haben, dann eben nicht mehr in unsere Kooperation vordergründig einbezogen haben. Das passiert schon. Und da sind wir auch sehr aufmerksam, und wir werden auch von unseren Studierenden dann auf die eine oder andere Weise hingewiesen, weil ja auch solche Sachen nicht immer gleich in der Presse erscheinen und man oft dann eben unsere Studierende dann auch als Informationsquelle nutzt, die es ja hautnah vor Ort dann erleben. Also da reagieren wir schon drauf.
    Thümmel: Thomas Prahl, Leiter für den Programmbereich Russische Föderation beim DAAD. Vielen Dank für das Gespräch!
    Prahl: Ich bedanke mich. Wiederhören!
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.