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StartseiteCorsoMedienkampagne gegen kritischen Musiker 19.03.2015

RusslandMedienkampagne gegen kritischen Musiker

Mit der Musik der russischen Rockgruppe "Maschina Wremeni" und ihrem legendären Leadsänger und Gitarristen Andrej Makarevich wuchsen mehrere Generationen sowjetischer und russischer Rockfans auf. Doch seit der Krimkrise wird der Musiker und Regierungskritiker in den Medien und in sozialen Netzwerken diffamiert.

Von Katharina Heinrich

Der russische Rockmusiker Andrej Makarevich spricht in ein Mikrofon. (imago/stock&people/Artyom Korotajev)
Der russische Rockmusiker Andrej Makarevich (imago/stock&people/Artyom Korotajev)
Weiterführende Information

Gulag-Museum in Russland - Aus für Perm 36
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 13.03.2015)

Russland unter Putin - Hat die Zivilgesellschaft noch eine Chance?
(Deutschlandradio Kultur, Wortwechsel, 06.03.2015)

Russland - Nemzow "mitverantwortlich für gesellschaftlichen Konflikt"
(Deutschlandfunk, Interview mit dem Linken-Politiker Helmut Scholz, 03.03.2015)

Russland - Demokratie wurde "systematisch beseitigt"
(Deutschlandfunk, Interview mit Peter Franck von amnesty international, 02.03.2015)

Medienkrieg - Politische Berichterstattung im Russland-Ukraine-Konflikt
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 07.12.2014)

Russland - Moskauer Kulturkampf
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 22.06.2014)

Seit 1979 gehört das Lied "Povorot" der Rockgruppe "Maschina Wremeni" zu den meistgespielten Stücken des russischen Rock. Heute scheint es, vor allem in Russland, aktueller den je zu sein:

"Wir gaben uns das Wort, auf dem geraden Weg zu bleiben
Aber das Leben will es anders
Ehrlich gesagt, fürchten wir uns vor Veränderungen
Aber das ist eben so
Und nun kommt eine Kurve
Der Motor heult,
Was bringt uns diese Gabelung?
Einen Abgrund oder Anstieg,
Eine reißende Flut oder eine Furt?
Das weiß man nicht, so lange man nicht abbiegt"

Während "Maschina Wremeni" im Ausland vor ausverkauften Sälen spielt, treten die Musiker um den legendären Leadsänger Andrej Makarevich in Russland selbst kaum noch auf. Der 61-Jährige kennt den Grund dafür:

"Das hat tatsächlich etwas damit zu tun, was im letzten Jahr passiert ist. Seitdem werden unsere Konzerte in Russland nach Anrufen "von oben" abgesagt. Ohne offizielle Verordnung, ohne offizielle Dokumente. Wie zu Sowjetzeiten. Klammheimlich."

Shitstorm im Netz: "Er ist ein Verräter"

So geht das schon seit 2014, als Makarevich sich erst kritisch über die Annexion der Halbinsel Krim äußerte und im Herbst desselben Jahren, als Russe, ein Konzert vor ukrainischen Flüchtlingen gegeben hat. Als der Sänger dann im ukrainischen Fernsehen sagte, dass er sich Frieden wünsche und dass sein Land, also Russland, besonnen reagieren möge, bezeichnete der russische Außenminister Sergej Lawrow Makarevichs Auftritt als so wörtlich "missverständlich" und riet ihm, dies mit seinem Gewissen zu vereinbaren. Das tue er, sagt Makarevich:

"Leider hat unsere Regierung einen politischen Kurs gewählt, den ich nicht unterstütze. Ich kann nicht das eine denken und ganz anders handeln."

Einige Radiostationen entfernten die Lieder der Band daraufhin aus ihrer Playlist. In der Presse und im Internet begann ein Shitstorm. Im Internet kursieren Filme der Nationalen Befreiungsbewegung, in denen Russen Makarevich Verrat an Russland vorwerfen, so wie diese junge Frau:

"Ich hörte seine Musik schon immer. Mir gefielen seine Lieder. Er ist talentiert. Aber nun habe ich alle seine Lieder gelöscht, ich will sie nicht mehr hören, will nichts mehr von ihm wissen. Er ist ein Verräter."

Makarevich: "Ich bin kein Verfechter irgendwelcher Revolutionen"

Auf Demonstrationen trugen Putin-Anhänger Plakate mit Bildern von Andrej Makarevich und Boris Nemzov, einem inzwischen ermordeten Oppositionspolitiker. Der Rockmusiker selbst hält sich selbst weder für einen Verräter noch für einen Revolutionär:

"Ich bin kein Verfechter irgendwelcher Revolutionen, Barrikaden oder brennender Autoreifen. Ich kenne keine Revolutionen, nach der es den Menschen besser ergangen ist als vorher. Aber Veränderungen müssen her. Am besten auf einem legalen Weg."

So lange interpretieren viele Fans die Lieder von Andrej Makarevich und "Maschina Wremeni" neu. Wie zu Sowjetzeiten versuchen sie zwischen den Zeilen zu lesen. So zum Beispiel beim 2012 geschriebenen Lied "Eine Welt für die Ratten":

"Ratten haben eine Welt für Ratten erfunden
und für sie ist diese Welt durchaus gut
Lebe nach Rattengesetzen und du wirst leben wie ein Gott
Ratten mögen keine fremden Welten, sie wollen sie nur beherrschen
Bei sich zu Hause sind sie Götter, aber für die anderen bleiben sie bloß Ratten."

 

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