Montag, 19.08.2019
 
Seit 10:10 Uhr Kontrovers
Startseite@mediasresWie eine russische Zeitung ein Dlf-Interview verfälscht22.02.2018

Russland Wie eine russische Zeitung ein Dlf-Interview verfälscht

Ende Januar hat der Deutschlandfunk ein Interview mit dem ehemaligen Chef des russischen Anti-Doping-Labors Grigori Rodschenkow veröffentlicht. Der Chemiker gilt als der Kronzeuge des russischen Staatsdopingsystems. Auch in russischen Medien findet das Gespräch Widerhall - mit zum Teil erstaunlich anderen Ergebnissen.

Von Thielko Grieß

Whistleblower Grigori Rodtschenkow (imago stock&people)
Der russische Whistleblower Grigori Rodschenkow (imago stock&people)
Mehr zum Thema

Russisches Staatsdoping Oligarch unterstützt Klage gegen Rodschenkow

Grigori Rodschenkow im Sportgespräch "Russland ist ein Doping-Land. Nichts hat sich geändert"

Dlf-Sportgespräch with Grigory Rodchenkov "Russia is still remaining doping country. No changes at all"

Athletensprecher Max Hartung "

Manipulierbare Doping-Proben Lösung für Olympische Winterspiele gesucht

Doping-Recherchen "Man kommt sich vor wie in einem Krimi"

Grigori Rodschenkow "Wie kann ich abschätzen, ob ich sicher bin oder nicht"

Die Printausgabe des "Sport Express" erscheint am 31. Januar mit großem Porträt von Wladimir Putin, der Grigori Rodschenkow in dicken Lettern einen Deppen nennt. Auf derselben Seite druckt die Zeitung selektiv einige übersetzte Antworten aus dem Deutschlandfunk-Interview mit Rodschenkow, in denen dieser unter anderem die russische Mentalität als von Betrug und Lügen gekennzeichnet beschreibt. Absicht dieser Aufmachung ist vermutlich, den Russen als eine Art Verräter zu brandmarken.

Die Zeitung "Sport Express" ist in Russland gut bekannt: Unternehmensangaben zufolge erreicht die Zeitung je Ausgabe etwa 360.000 Leser. Das Netzangebot "sport-express.ru" verzeichnet unter den Sportportalen in Russland den drittgrößten Zuspruch. Das Haus gehört zum Medienkonzern NMG, der mehrere andere Sender und Zeitungen teilweise oder ganz besitzt. Der in diesen Medien veröffentlichte sogenannte Journalismus ist als staatsnah zu bezeichnen.

Angaben bewusst ausgelassen, Aussagen verändert und geglättet

Die Redaktion von "sport-express.ru" hat das Interview mit Grigori Rodschenkow von deutschlandfunk.de in weiten Teilen ins Russische übersetzt und online veröffentlicht. Dabei hat die Zeitung wesentliche Angaben entweder vergessen oder bewusst ausgelassen, außerdem Aussagen verändert und sie auf diese Weise in entscheidenden Passagen geglättet.

Erstens: Mögliche Urheberrechtsverstöße

"Sport Express" hat nicht um Erlaubnis gebeten, das Material verwenden zu dürfen. Dies ist nach deutschem Recht wohl ein Verstoß gegen das Urheberrecht. Nach russischem Recht kann argumentiert werden, es sei lediglich zitiert worden, und dies sei legal. Allerdings ist anzuzweifeln, ob ein nahezu komplett übernommenes Interview noch als Zitat gelten kann.

Zweitens: Fehlende Angaben

Die Redaktion von "Sport Express" veröffentlicht den Text Ende Januar online und nennt im einführenden Absatz den Deutschlandfunk als Quelle. Ein Link zum Original aber fehlt. Die Autoren des Interviews, Hajo Seppelt und Andrea Schültke, führt die Zeitung nicht auf.

Grigori Rodschenkow 2009 im Moskauer Dopinglabor. (imago sportfotodienst)Grigori Rodschenkow 2009 im Moskauer Dopinglabor. (imago sportfotodienst)

Wörter, Sätze und ganze Absätze bleiben weg

Drittens: Falsche Übersetzungen

Eine der Kernaussagen des Interviews mit Grigori Rodschenkow lautet:

"Das System des Dopings ist seit Generationen noch von der Sowjetzeit 'tief verwurzelt'. Und auch danach wurde die Doping-Verschwörung in Russland natürlich permanent weiterentwickelt."

Das Stichwort "Doping-Verschwörung" ist auf "sport-express.ru" nicht zu lesen. Stattdessen ist von "Verwendung von Doping" die Rede. An anderer Stelle des Original-Interviews sagt Rodschenkow:

"In Bezug auf Sotschi waren die korruptesten Verbände Ski, Biathlon, Skeleton, Bob, Rennrodeln und teilweise Frauen-Eishockey."

Aus den "korruptesten" Verbänden werden in der Übersetzung die "problematischsten"; Skeleton wird ganz ausgelassen. Das sind nur zwei Beispiele von vielen, die den Eindruck erwecken: Den stärksten Vorwürfen Rodschenkows gegen Russland, gegen Sportfunktionäre und Mitwisser nimmt der russische Text die Spitzen, glättet sie.

Der russische Präsident Putin gratuliert dem Skeleton-Olympiasieger der Winterspiele in Sotschi, Alexander Tretjakow.  (imago / Itar Tass)Der russische Präsident Putin kümmert sich um seine Sportler. In der Übersetzung fehlen aber die Vorwürfe gegen die Staatsspitze. (imago / Itar Tass)

"Hatten nicht vor, die ganze Übersetzung des Artikels wiederzugeben"

Viertens: Auslassungen

"Sport-express.ru" lässt Wörter, Sätze und ganze Absätze weg. Zum Beispiel wurde der Absatz gestrichen, in dem der Russe beschreibt, wie Urinproben von Athleten durch ein Loch in der Wand des russischen Labors gereicht und dann ausgetauscht wurden. Und besonders fällt auf, dass manche Sätze fehlen, mit denen Rodschenkow die Verstrickung der Staatsspitze detailliert beschreibt:

"Putin wollte alles wissen. Und seine Herangehensweise war so: 'Sag mir, was dein Problem ist, und wir werden alles tun, um es zu lösen.'"

Zu lesen nur im Original.

Die Konsequenz: Nachfrage beim "Sport Express"

Das Moskauer Büro des Deutschlandfunks hat den "Sport Express" kontaktiert und Fragen gestellt. Wenige Tage später hat die Redaktion schriftlich geantwortet.

"Das Fehlen mancher Absätze in der Übersetzung erklärt sich dadurch, dass wir nicht vorhatten, die ganze Übersetzung des Artikels wiederzugeben, sondern wir haben nur die nach Meinung der Redaktion wichtigsten Zitate veröffentlicht. Die Änderung des Sinns von Zitaten, von der Sie uns berichten, ist keine eindeutige Sache. Es liegt auf der Hand, dass eine beliebige Übersetzung angesichts der Einzigartigkeit jeder Sprache unmöglich wortwörtlich angefertigt werden kann."

Die Redaktion behauptet also, im Russischen existierten keine Wörter für "korrupt" oder "Verschwörung". Diese Behauptung ist falsch.

Inzwischen sind in der Netzausgabe die Verlinkung zum Original auf "deutschlandfunk.de" und die Namen der Interviewenden ergänzt worden. Die Zeitung bietet am Ende des Schreibens Bereitschaft zum Kompromiss an. Für weitergehende Stellungnahmen aber ist der Chefredakteur "Sport Express" erst nächste Woche zu sprechen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk