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StartseiteEuropa heute"Russland will die Geschichte fälschen"21.08.2009

"Russland will die Geschichte fälschen"

Der Stalinismus lebt

Mit dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939 schafften sich die Nationalsozialisten unter anderem die Voraussetzung für den Beginn des 2. Weltkrieges. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, OSZE, hat diesen Tag zu einem europaweiten Gedenktag erklärt. Beide Regime wären totalitär gewesen. Russland nennt das "Falsifizierung der Geschichte zum Nachteil der Interessen Russlands".

Von Mareike Aden

Josef Stalin (AP)
Josef Stalin (AP)

Gleich neben der Kreml-Mauer am Roten Platz in Moskau, warten Stalin und Lenin auf Kundschaft. Für umgerechnet drei Euro können Passanten ein Foto mit Doppelgängern der totalitären Sowjetführer machen. Besonders beliebt ist Stalin - mit charakteristischem Schnurrbart, buschigen Augenbrauen, olivefarbener Uniform und Generalsmütze. Dabei dient der Stalin-Doppelgänger Latiw Samedow nicht nur als Motiv, sondern auch als Ansprechpartner.

"Neulich kam ein Mann auf mich zu und sagte: Wie kannst du das tun? Weißt du nichts von den Morden bei den Säuberungen von 1937? Bei denen sind meine Großeltern verschwunden! Aber die meisten Menschen sagen mir: Genosse Stalin, es wird Zeit, dass du wieder die Macht übernimmst und Ordnung schaffst im Land. Kurz gesagt: Ich bin stolz darauf, Stalins Doppelgänger zu sein."

Dieser Stolz auf Stalin ist weit verbreitet im Russland der Gegenwart: Jeder Dritte bringt ihm Hochachtung entgegen, das belegt eine Umfrage des unabhängigen Lewada-Zentrums. Vor allem für die Industrialisierung des Landes und den Sieg über die deutschen Nationalsozialisten wird Stalin verehrt. Dabei geraten die Millionen von Repressionsopfern seines Regimes fast in Vergessenheit. An sie will das Sacharow-Zentrum in Moskau in seinem kleinen Museum erinnern. Direktor Sergei Lukaschewski will den Opfern ein Gesicht verleihen, denn:

"In der ideologischen Diskussion über den Stalinismus im Land geht es nicht darum, wie viele Menschen gestorben sind durch die Repressionen. Und es geht auch nicht darum, ob es gerecht war oder gesetzmäßig, was passiert ist. Die Hauptfrage für die meisten ist: Waren die Gewalttaten und die Repressionen ein angemessener Preis für die industriellen und militärischen Erfolge der Sowjetunion unter Stalin?"

Die politische Führung Russlands scheint diese Frage für sich mit "Ja" zu beantworten – darauf weist zumindest ihr Verhalten hin: Als Reaktion auf den von der OSZE initiierten Gedenktag für die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus trafen sich die beiden Kammern des russischen Parlaments gar zu einer Sondersitzung. Kritik an Stalin betrachte man als Versuch, die Geschichte umzuschreiben und den Nationalsozialismus zu verharmlosen, ließ man die OSZE und vor allem die baltischen Länder wissen. Die positive Einstellung zu Stalin bei den Mächtigen in Russland habe vor allem mit eigenen, machtpolitischen Interessen zu tun, sagt Lukaschewski:

"Weil unsere politische Führung um jeden Preis demonstrieren will, dass Russland ein starker Staat ist, stellt sie sich ohne Wenn und Aber hinter die eigene imperiale Vergangenheit. Deshalb kann sich das Land nicht angemessen mit den Geschehnissen und Erfahrungen der Sowjetzeit auseinandersetzen. Würde man das in Russland tun, dann müsste man ja zugeben, dass die sowjetische Vergangenheit objektiv gesehen sehr viele negative, schwarze Seiten hat."

Der heute 79 Jahre alte Sergei Kowalow hat diese am eigenen Leib erfahren müssen: In den 70er-Jahren war er als politischer Häftling zehn Jahre im sowjetischen Arbeitslager – der Vorwurf: Verbreitung antisowjetischer Propaganda. Nach der Perestroika war Kowalow jahrelang Mitglied des russischen Parlaments, außerdem sitzt er im Vorstand der Menschenrechtsorganisation Memorial. Die Geschichtspolitik unter Wladimir Putin und Dmitri Medwedew beobachtet er mit Schrecken.

"Die im Mai von Medwedew gegründete Kommission, die ja ihrem Namen nach die Falsifizierung der Geschichte verhindern soll, tut im Grunde genau das selbst: Sie verfälscht. Und das zeigt auch der Streit zwischen dem russischen Parlament und der OSZE um den Gedenktag am 23. August: Russland will die Geschichte fälschen."

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