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Russland
Willst du eine Synagoge eröffnen? Mach sie auf!

Juden, die sich vor Muslimen in Europa nicht mehr sicher fühlen, seien in Russland herzlich willkommen. Sagt zumindest Wladimir Putin. Tatsächlich gibt es eine Renaissance jüdischen Lebens. Kritiker des Präsidenten trauen dem Frieden nicht: Was früher die Juden gewesen seien, seien heute eben die Ukrainer und die Türken.

Von Sabine Adler | 03.05.2016
    Die Synagoge der Stadt Ufa, das sogenannte "Beit Schwidler", benannt nach dem Finanzier dieses Komplexes, dem russisch-amerikanischen Öl-Oligarchen Jewgeni Markowitsch Schwidler
    Die Synagoge der Stadt Ufa, das sogenannte "Beit Schwidler", benannt nach dem Finanzier dieses Komplexes, dem russisch-amerikanischen Öl-Oligarchen Jewgeni Markowitsch Schwidler (Matthias Tödt / picture alliance / ZB)
    Russlands bekanntester Satiriker Viktor Schendorowitsch darf seit 15 Jahren seine Puppen nicht tanzen lassen. Präsident Wladimir Putin ließ den Fernsehsender NTW verstaatlichen, der setzte die Politsatire ab. Der 58-Jährige mit den warmen, lustigen Augen kommentiert dennoch weiter die Ereignisse im Land. Wer ihm nicht zustimmt, lässt seinem Ärger nicht selten ungezügelt freien Lauf, Kritik an Schenderowitsch ist in aller Regel zugleich antisemitisch. Seine Beobachtung:
    "Leute, die aus tiefster Überzeugung für Putin sind, sind häufig auch Antisemiten. Das eine wie das andere zeugt von geringem Intellekt. Dabei ist Putin nicht gegen Juden. Aber sein primitiver Populismus wirkt sich aus auf Leute mit nicht allzu viel Verstand."
    Eine Synagoge besucht Schenderowitsch so gut wie nie. Die Moskauer Hauptsynagoge ist eine von heute 30 in der Hauptstadt. Ihr steht Pinchas Goldschmidt vor. Der Ober-Rabbiner stammt aus der Schweiz, lebt mit seiner amerikanischen Ehefrau und den sieben Kindern seit 26 Jahren in Russland. Viel wichtiger als die vielen neuen Gotteshäuser seien die Schulen, sagt Rabbi Goldschmidt.
    "Weil die meisten sowjetischen oder ex-sowjetischen Juden säkular sind. Sie kommen nicht in eine Synagoge. Aber es gibt in ganz Russland jüdische Staatsschulen. Tausende Kinder können in eine solche Institution, ohne Schuldgelder, und das ist einer der wichtigsten Faktoren der heutigen jüdischen Renaissance in Moskau."
    Die jüdischen Einrichtungen und Organisationen werden sowohl vom russischen Staat als auch von zum Teil äußerst wohlhabenden jüdischen Unternehmern finanziert. Weit über 600 jüdische Organisationen unterschiedlichster Art gibt es gegenwärtig in Russland. Nie ging es den Juden so gut wie im heutigen Russland, sagt Michail Tschlenow vom Eurasischen Jüdischen Kongress:
    "Heute können Juden tun, was sie möchten: Willst du nach Israel oder wohin auch immer ausreisen, bitte! Willst du an zwei Wohnorten leben, tu's! Willst du eine Synagoge eröffnen? Wenn du Geld hast, mach sie auf! Es gibt keine Hindernisse. Ob zu Sowjet- oder zu Zarenzeiten oder im 19. Jahrhundert - Juden wurden immer diskriminiert. Heute nicht mehr."
    "Man bezichtigt sich gegenseitig des Antisemitismus"
    Über 156 000 Personen bezeichnen sich heute in Russland als Juden, die allermeisten haben das Land verlassen, nach dem Ende der Sowjetunion rund zwei Millionen Juden. Sie glaubten nicht an ein gutes Leben in ihrer Heimat. Michail Tschlenow harrte aus. Er machte zu Beginn des Ukraine-Konfliktes eine überraschende Feststellung:
    "Es ist etwas - historisch gesehen - ganz Erstaunliches passiert: Man bezichtigt sich gegenseitig, Antisemiten zu sein. Russland beschuldigt die Ukraine und will ukrainische Juden retten und die Ukraine wirft Russland Antisemitismus vor. Genaugenommen gibt es weder da noch dort einen besonders besorgniserregenden Antisemitismus."
    Die von Russland beschworene Gefahr der faschistischen Junta in Kiew, vor der Juden hätten fliehen oder geschützt werden müssen, konnten weder Vertreter von jüdischen Organisationen noch der Moskauer Rabbi Pinchas Goldschmidt erkennen.
    "Das war alles andere als überzeugend."
    Beide, die loben, dass sich das jüdische Leben im Russland von heute besser als je zuvor entfalten kann, vermeiden jede offene Kritik an der Krim-Annexion und der Unterstützung der ukrainischen Aufständischen mit Waffen und Kämpfern. Anders der Satiriker Viktor Schenderowitsch:
    "In Putins Russland halten als Juden jetzt andere Völker her: Lange waren es die Tschetschenen, dann die Georgier, die Balten, Zentralasiaten. Die Regierung sucht ständig neue Feinde, jetzt sind es die Türken und die Ukrainer."
    Michail Tschlenow vom Eurasischen Jüdischen Kongress vermeidet eine derartige Positionierung:
    "Der ukrainische Konflikt ist nach meinem Verständnis ein Familienzwist. Ukrainer und Russen betrachten sich als Brüder, noch immer. Und wir wissen ja, dass sich Brüder häufig gegenseitig umbringen. Aber Juden werden nicht als Brüder angesehen. Und wenn die Brüder fertig sind mit ihrem Kampf, werden sie einen Wodka trinken und fragen: Wer hat sich das eigentlich ausgedacht, waren das nicht die Juden? Ich bin absolut überzeugt davon, dass das so kommt. Das sehen wir doch jetzt schon."