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StartseiteHintergrundRusslands Krieg in Tschetschenien29.10.1999

Russlands Krieg in Tschetschenien

Das riskante Spiel von Jelzins Kronprinzen Putin

Die Feuerstellung einer russischen Haubitzen-Batterie, irgendwo in der nord-tschetschenischen Tief-Ebene. Ziel der Granaten sind die sogenannten "Bajewiki". Dieses russische, mit negativem Unterton belegte Wort, heißt wörtlich "Kämpfer". Gemeint sind aber die tschetschenischen Separatisten, die jetzt den Boden ihrer Republik "Itschkeria" - Tschetschenien also - innerhalb von fünf Jahren nun schon zum zweiten Mal gegen angreifende Truppen verteidigen, die auf Befehl des Moskauer Kreml aus Norden, Westen und Osten anrücken.

Robert Baag

Anfang Oktober war das, da begann der zweite Tschetschenien-Krieg, wie er weltweit, auch in Russland selbst, inzwischen genannt wird.

Die russische Armee, aber auch die Führung insgesamt, hört das Wort "Krieg" weniger gern. Für sie gilt die Sprachregelung: Tschetschenische Terroristen müssen bestraft werden, die im August und September Bombenanschläge auf Wohnhäuser in der russischen Hauptstadt aber auch im Süden des Landes unternommen hätten. Letzten Angaben zufolge sind dabei insgesamt rund 300 Menschen ums Leben gekommen.

Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin machte diese Position seiner Regierung erst am vergangenen Wochenende bei einem Treffen mit EU-Politikern im finnischen Tampere klar und deutlich:

Wir kriegen sie, die Verbrecher und wenn wir sie dann dem Gericht übergeben, dann werden wir mit jenen zu reden beginnen, die in Tschetschenien wirklich die Situation unter Kontrolle haben.

Vorher, auch das machte Putin in Tampere klar, sei an Verhandlungen nicht zu denken. Und ironisch bis verärgert gab er - wohl wissend, dass über das russische Fernsehen auch das heimatliche Publikum ihn hören würde - auf nachhakende, westliche Reporterfragen zurück:

Stellen Sie sich vor, einige Banditen hätten Anschläge auf Wohnhäuser in finnischen Großstädten verübt. Würden Sie dann Ihren Politikern die Frage stellen, ob sie mit diesen Leuten verhandeln würden??! Es wäre doch merkwürdig, wenn wir mit jenen Leuten über die Zukunft Tschetscheniens sprächen, gegen die wir derzeit militärisch vorgehen.

Wladimir Putin konnte - und kann sich immer noch - einigermaßen sicher sein, dass solch markige Worte bei der Mehrheit seiner Landsleute auf Beifall stoßen. Und auch die russische Generalität - in den vergangenen Jahren arg an ihrem Ansehensverlust in der öffentlichen Meinung leidend - fühlt seit einigen Wochen einen Stimmungsumschwung zu Gunsten des Militärs. Bei einer Diskussion im russischen Fernsehen bügelte Generalmajor Wladimir Schamanow, Kommandeur der Westgruppe der russischen föderalen Streitkräfte im Nordkaukasus, westliche Proteste gegen die Kriegsführung der Armee ab. Unverhältnismäßige Verluste unter der tschetschenischen Zivilbevölkerung? Seiner Antwort folgte spontaner Beifall der Studiogäste:

Irgendwie war die Menschenliebe westlicher Journalisten nicht zu erkennen, als ihre Seite mit gezielten Schlägen und Hochpräzionswaffen gegen den Irak vorging, als Bagdad bombardiert wurde, oder bei den Bomben-Teppichen gegen Jugoslawien. Zweitens: Fehler kann es immer und überall geben - gerade auch bei Kampfhandlungen. Allerdings: Wenn die tschetschenischen Kämpfer Ortschaften und die Zivilbevölkerung als Deckung benutzen und von dort aus die Föderalen Streitkräfte mit mobilen Granatwerfern oder aus Feuerstellungen angreifen, sind die Streitkräfte gezwungen, zurückzuschießen. Aber - und dies betone ich - wir sind maximal bemüht, Schläge gegen Siedlungen zu vermeiden.

Anders als beim so genannten "Ersten Tschetschenien-Krieg" zwischen 1994 und '96, ist die russische Seite diesmal bemüht, den tschetschenischen Rebellen die Möglichkeit zu verwehren, ihre Position in den internationalen, geschweige denn russischen Medien darzustellen, Bilder von der anderen Seite der Front zu zeigen. Tschetschenien ist eingeschlossen, "blockiert", wie es derzeit im allgemeinen Sprachgebrauch heißt. - Hinzu kommt, dass viele Berichterstatter - anders als früher - nicht riskieren wollen, bei einem Aufenthalt in Tschetschenien gekidnappt und zum Opfer von Lösegeld-Forderungen tschetschenischer Krimineller zu werden. Die tschetschenische PR-Gegenoffensive ist vergleichsweise bescheiden. Lediglich über das Internet versucht man seit einiger Zeit Positiv-Werbung in eigener Sache zu betreiben, über Land, Leute und Geschichte zu informieren. Auch tschetschenische Kampfgesänge können sich Interessenten herunterladen.

Dennoch - diesen Schluss lässt trotz weitgehender Informationsblockade auch eine Fern-Diagnose zu: Die Kampfhandlungen werden noch lange weitergehen, Wochen, vielleicht Monate. Einem Reporter der polnischen Tageszeitung "Rzeczpospolita" gelang es vor etwas über eine Woche mit dem tschetschenischen Präsidenten Maschadow ein Interview zu führen. Auf die Frage, mit welcher Taktik die Tschetschenen sich gegen das russischen Militär wehren wollen, zitiert das Blatt Maschadow, der zugleich auch Oberkommandierender der tschetschenischen Streitkräfte ist, mit diesen Worten:

Anfangs wollten wir - wie beim ersten Mal - den Gegner in die Städte durchlassen, wo wir bequemer kämpfen können. Als aber der russische Verteidigungsminister steif und fest behauptete, dass seine Streitkräfte ohne irgendwelche Verluste die Nord-Gebiete unserer Republik einnehmen wollten, entschlossen wir uns, den Russen zu zeigen, dass wir auch in der Ebene zu kämpfen verstehen. Und obwohl die Russen dies nicht zugeben: Vom ersten Tag an kämpften wir hinhaltend im Flachland, im Scholkowskij- und im Naurskij-Rayon. Im Verlauf dieser Kämpfe schossen wir - unter anderem mit 'Stinger'-Raketen - vier russische Kampfbomber ab, vernichteten zehn Aufklärungs-Drohnen, töteten 1500 russische Soldaten. Auf diese Weise wollte ich dem russischen Militär zeigen, dass es sich für sie nicht lohnt, diesen Krieg tiefer nach Tschetschenien hineinzutragen. Wenn wir euch schon im Flachland Verluste zufügen und töten - wie soll das dann erst für euch weitergehen?

Letztlich sind Maschadows Zahlen genau so wenig überprüfbar wie die entsprechenden Angaben aus den offiziellen russischen Quellen. Danach hätten die russischen Streitkräfte bis Mitte dieser Woche ihrerseits 1500 Rebellen getötet - bei 212 gefallenen eigenen Soldaten.

Maschadow gab aber indirekt das Stichwort für die nahe Zukunft vor: "Partisanenkrieg".

Dabei hat die tschetschenische Seite militärisch durchaus einige Trümpfe in der Hand: Ihre Kämpfer kennen sich im Gelände besser aus. Der Winter steht kurz bevor. Häufiger Nebel wird dann - neben bedrängender Kälte und Feuchtigkeit für die biwakierenden russischen Soldaten - russische Artillerie- und Luftwaffen-Einsätze behindern.

Die tschetschenischen Rebellen dürften sich in ihren Rückzugsgebieten in den Wäldern des Kaukasus zudem auf diese Art der Kriegs seit langem vorbereitet haben. Ihre Gesamtzahl zu Beginn des Feldzuges schätzten russische Quellen auf fünf- bis sechstausend, zum Teil gut bewaffnete, vor allem aber hoch motivierte Guerilla-Kämpfer.

Dennoch gab sich Russlands Verteidigungsminister Marschall Igor Sergejew gestern bei einer Stippvisite im Nordkaukasus insgesamt zuversichtlich:

Ein Partisanenkrieg lässt sich führen, so lange Nachschub dafür vorhanden ist. Wird der Nachschub unterbunden, geht er zu Ende. Dies ist der militärische Aspekt. Wenn sich das Leben wieder normalisiert und die Bewohner dann ihre Situation vergleichen können - dürften wir, denke ich, einen Durchbruch auch ohne Krieg schaffen. Was bedeutet das: "Leben"? - Medizinische Versorgung, Gas, Strom, Schulwesen, Rede- und Informationsfreiheit. - Was sehen denn heute die Menschen hier für ein Fernsehprogramm? - Kaukasische Sender! Wie kann es denn so was geben? Hier sind wir dabei zu verlieren! Das müssen wir eingestehen. Jetzt müssen wir alle diese Fragen befriedigend lösen. Wir müssen unsere Streitkräfte hier für einen langen Zeitraum und ernsthaft ausstatten. Daran darf es bei niemandem auch nur den geringste Zweifel geben. Wir sind hierher gekommen, um nie mehr von hier fortzugehen!

Die Zeit rennt aber bereits davon - vor allem für den ehrgeizigen Ministerpräsidenten Putin. Seit dem Wiederbeginn der Kämpfe im Nordkaukasus nahm - russischen Umfragen zufolge - seine Beliebtheit in der Bevölkerung zunächst beständig zu.

Aber: Am 19. Dezember, in gut anderthalb Monaten also, soll die neue Duma gewählt werden. Putins Ziel muss es eigentlich sein, die Kämpfe in Tschetschenien bis dahin - wenn schon nicht zu beenden - so doch zumindest ohne größere eigene Verluste auf einem vergleichsweise niedrigen Eskalations-Niveau zu halten. - Dies aber weiß auch sein Gegenspieler, der tschetschenische Präsident Maschadow. In der polnischen Zeitung "Rzeczpospolita" wird Maschadow so zitiert:

Ich denke, dass Putin, wenn er Jelzin beerben will - und Putin ist nicht dumm -, sich über die Grenzen klar sein sollte, die er nicht überschreiten darf, ohne seine Autorität zu verlieren. Wenn morgen in den Wäldern, in den Bergen, in der Stadt die Kampfhandlungen beginnen, wenn in Russland Tausende Zinksärge ankommen, fällt seine Autorität. Und dann wird man Putin als den größten Analphabeten aller Zeiten niederschreien, weil die Russen sagen werden: 'Es gab doch schon einen Krieg. War denn nicht klar, wie das enden wird?

Auffällig ist, dass bereits relativ frühzeitig in diesem Jahr - noch lief die NATO-Aktion gegen Jugoslawien - wieder erste Artikel in der russischen Presse auftauchten, die darüber spekulierten, ob es in diesem Wahljahr 1999 möglicherweise nochmals zu einem Krieg im Kaukasus kommen werde. Und seit die Kämpfe im Nordkaukasus - erst im Sommer in Daghestan, anschließend dann in Tschetschenien - wieder aufgeflammt sind, wollen Gerüchte nicht verstummen, dass damit eigentlich nur von etwas ganz anderem abgelenkt werden soll - von der in Korruptionsverdacht geratenen russischen Führungsspitze. Der sogenannten "Familie" - einer durch vielerlei Interessen miteinander verbundenen Gruppierung um Russlands Staatspräsident Boris Jelzin wird hartnäckig nachgesagt, sie versuche hinter den Kulissen Garantien herauszuschlagen. Garantien, dass nach dem absehbaren Machtwechsel auch im Kreml - spätestens nach den Präsidentschaftswahlen im kommenden Sommer - Jelzin samt Anhang keine Strafverfolgung zu befürchten hätten, Immunität bestünde.

Um diese Linie durchzusetzen, habe Jelzin im Sommer Putin in das Amt des Premiers gehievt und ihn sogar öffentlich zu seinem Wunsch-Nachfolger erklärt. Nach allen bisherigen Erfahrungen mit der Jelzin'schen Personalpolitik wird der 47-jährige, ehemalige Geheimdienst-Profi Putin aber wissen, dass solche öffentliche Liebesbekundungen seines Präsidenten schon oft über nur eine äußerst geringe Halbwertzeit verfügt haben.

Sollte die aktuelle Tschetschenien-Kampagne in einem blutigen Desaster enden, dürfte Jelzin kaum zögern, Putin flugs wieder zu feuern.

Auf jüngste Gerüchte, dies könne sogar schon in den nächsten Tagen passieren, da die neue Militäraktion bereits wieder länger dauere, als vorher von der Führung angekündigt - auf diese Gerüchte reagierte Jelzin jetzt vor russischen Journalisten besonders erbost: Dieser Zungenschlag, den man in manchen Zeitungen habe vernehmen können, wonach sich der Kreml angeblich kühler zum Premierminister verhalte, dieser Unterton sei eine Lüge, polterte Jelzin gereizt.

Auch der jüngste, beifallumtoste Auftritt von Alksandr Lukaschenko vor der russischen Duma fällt in diese Kategorie von Momentaufnahmen aus dem Dunstkreis des russischem Wahlkampfs und des Tschetschnien-Kriegs.

Lukaschenko, selbst von weiten Teilen der internationalen Öffentlichkeit als autoritärer, die Menschenrechte geringschätzender Regent Weißrusslands geächtet, war vor dem russischen Parlament - wie bald zu sehen war - zu großen Teilen unter seinesgleichen. Weit über eine Stunde - länger als jemals zuvor ein ausländisches Staatsoberhaupt - sprach er auf Einladung des russischen Unterhauses unter anderem zu der von ihm angestrebten, und auch von Teilen der russischen Öffentlichkeit durchaus erwünschten Staaten-Union zwischen Russland und Weißrussland.

Und auch wenn Lukaschenko es stets abstreitet: Sowohl ihm als auch Boris Jelzin wird von Beobachtern nicht selten unterstellt, dass eine ins Leben umgesetzte Zwei-Staaten-Union beiden eine Chance böte: Dem einen, Lukaschenko, die Chance, neuer Präsident dieser Union - und damit de facto und de jure - auch Russlands zu werden.

Aber auch für den anderen - Jelzin - ergäbe sich womöglich theoretisch die Chance, genauso als Staatsoberhaupt dieses slawischen Zweierbundes anzutreten. Denn - so argumentierten findige Juristen - die russische Verfassung würde damit von einer neuen Unionsverfassung abgelöst und damit außer Kraft gesetzt. Die Folge: Die Regel des russischen Grundgesetzes, wonach ein Präsident allenfalls für zwei Wahlperioden - wie bei Jelzin der Fall - ausüben darf, hätte ihre Rechtskraft verloren.

Auch vor diesem Hintergrund muss Lukaschenkos Duma-Kür gesehen werden, bei der er sich übrigens nicht scheute, der russischen Führung namentlich Außenminister Iwanow unerbetene Ratschläge zu erteilen. - Zu diesem Zeitpunkt war der insgesamt eher verhaltene US-Protest gegen die russische Kriegsführung in Tschetschenien bereits auf dem Nachrichtenmarkt. Die Agenturen hatten nur noch angekündigt, dass sich Iwanow an diesem Tag in Paris mit US-Außenministerin Madeleine Albright treffen wollte. - Grund und reichlicher Anlass für den Weißrussen, vor einer feixenden Duma-Mehrheit zu Moskau der russischen Außenpolitik die Leviten zu lesen:

Warum fallt Ihr vor dieser IWF-Gaunerbande auf die Knie? - Warum kniet Ihr vor denen nieder? Heute schreit Madeleine Albright schon in der ganzen Welt herum, was Ihr da im Inneren Russlands anrichtet... Warum haben die nicht geschrieen, als in Moskau die Häuser explodierten? Heute, glaub' ich, ist Iwanow in Paris und will sich vor dieser Madame rechtfertigen. - Wieso??! - Was rechtfertigst Du Dich vor der??!

Während in Moskau mit hemmungsloser Inanspruchnahme beflissener elektronischer Medien die politischen Grabenkämpfe des Wahlkampfs an Schärfe zunehmen, verstehen sich die meisten dieser Medien zugleich aber auch - im Brustton tiefer Überzeugung - zugleich als patriotische Lautsprecher, deren Reporter - meist ohne zu nachzufragen - notfalls auch reine Propaganda-Statements über den Äther schicken. Ein Beispiel von vielen ist diese Szene, kürzlich gedreht unweit der zweitgrößten tschetschenischen Stadt Gudermes. Ein Fallschirmjäger-Kommandeur soll im Fernsehen erzählen, wie die Erfolgsbilanz seiner Jungs am Ende dieses Tages aussieht. Unterlegt vom martialischen Geknatter der Kampfhubschrauber beginnt der Offizier zunächst betont bescheiden:

Ja, da auf der linken Flanke, da haben wir sie noch nicht vollständig blockieren können. Aber das war eigentlich auch nicht unsere Aufgabe. Da, im Süden der Stadt, da sind auch noch ein paar "Bajewiki". Als die vorhin sahen, wie wir von Norden her einrücken, da haben sie sich erschrocken und sind Richtung Süden abgehauen. Danach schwenkt die Kamera in einem langsamen Bogen über geduckt in Schützenkette anschleichende russische Soldaten in Tarnkleidung, darüber der Kommentar des auf einem Schützentransporter hockenden Reporters, untermalt vom Rasseln der Panzerketten : " Armee-Kommandeur Troschew hat erklärt, dass die Einheiten schnell und entschlossen vorgehen und den Dorfbewohnern anbieten, die Banditen selbst zu erledigen. Träfen die Soldaten auf Widerstand..." - so die weitere Nacherzählung des Reporters - "...würden die Soldaten das Feuer erwidern, bemühten sich aber, nur die Positionen der Rebellen zu treffen...

Noch regt sich kein allgemeiner Protest gegen diese Art der Berichterstattung. Dazu ist die anti-tschetschenische Stimmung in Russland zu allgegenwärtig - und zwar quer durch alle Schichten der Bevölkerung. Für den bekannten russischen Roman-Schriftsteller Viktor Jerofejev etwa ist klar, dass - wie er schreibt - "der Krieg aus dem Nordkaukasus nach Moskau gekommen ist, um Schlafende zu töten."

Wie selbstverständlich scheint er ebenso an die angebliche "tschetschenische Spur" zu glauben, die angeblich hinter den Bombenanschlägen auf die Moskauer Hochhäuser vor wenigen Wochen steckt - übrigens, ohne dass es bislang auch nur einen einzigen Beweis für diesen Verdacht gibt.

Diese Anschläge - so kommentiert Jerofejew in seinem Zeitungsartikel weiter - seien eine Vergeltungstat. Dann aber scheut er vor für russische Ohren höchst unbequemen Wahrheiten nicht zurück:

Schrecklich, es auszusprechen, aber es geschieht uns recht. Es ist die Vergeltung nicht nur für die russische Politik in Tschetschenien, die dort ein Gemetzel entfesselt hat, und für die überhebliche Dummheit der Generäle. Es ist die Vergeltung für den offenen Rassismus der Durchschnittsbürger, den Zynismus der Oberen, den 'Scheißegal'-ismus der Unteren und für die Schattenwirtschaft.

Für Jerofejew ist der jüngste Tschetschenien-Krieg nur Ausdruck einer spezifischen, historischen Gesetzmäßigkeit, das vielleicht letzte Glied in einer Kette:

Die Bombenexplosionen sind die Vergeltung für unser ganzes Jahrhundert, von Lenin bis heute. Das ist ein Schuldspruch über die russische Trägheit, über die Gleichgültigkeit gegenüber Menschenleben, Grobheit, Alkoholwahnsinn, der Zerstörung der Institution Familie. Wir in Russland haben immer gemeint, der Kelch wird schon an uns vorübergehen. Irgendwie werden wir uns schon durchwursteln. Mit Diebstahl, der Hilfe Gottes und des Westens.

Diese Worte wurden nicht in Russland abgedruckt. Dort dürften sie derzeit nur schwer vermittelbar sein. Deshalb wohl war Jerofejevs Text in der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit" nachzulesen.

Ob aber Jerofejevs Fazit - nach diesem Umweg über Deutschland - seine eigentlich in Russland angesprochenen Adressaten erreichen wird?

Die Anschläge sind das Schrillen eines Weckers. Wenn Russland leben soll, muss es jetzt aufwachen und begreifen, wo es ist und wer es ist. Sonst sind die Tage Russlands gezählt.

Einstweilen aber wird derlei Nachdenklichkeit immer noch von Tönen völlig anderer Art überdeckt - fast Abend für Abend, in den Hauptnachrichten im russischen Fernsehen, zum Ruhm der Heldentaten der russischen Streitkräfte im erneut und weiterhin umkämpften Tschetschenien.

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