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StartseiteKultur heute"Rust - ein deutscher Messias"22.10.2010

"Rust - ein deutscher Messias"

Eine Produktion von Studio Braun fürs Hamburger Schauspielhaus

Es war Himmelfahrt in Deutschland, es war der "Tag des Grenzsoldaten" in der UdSSR. Und es war immer noch irgendwie "Kalter Krieg" zwischen Ost und West, als am 28. Mai 1987 ein 18-jähriger Freizeitpilot aus Wedel bei Hamburg mit einer Cessna auf dem Roten Platz in Moskau landete.

Von Michael Laages

Nach der Landung steht die von Mathias Rust geflogene Cessna vor der Basilius-Kathedrale in Moskau. (AP Archiv)
Nach der Landung steht die von Mathias Rust geflogene Cessna vor der Basilius-Kathedrale in Moskau. (AP Archiv)
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Mit Gorbatschow über den Weltfrieden zu reden, das sei sein Ziel gewesen, sagte Mathias Rust später. 432 Tage Haft und ein Leben, das offenbar nicht wieder in richtig gerade Bahnen geriet, waren die Folgen. Dieses Leben ist nun Thema eines Musiktheaterstücks, das das Hamburger Pop-Trio "Studio Braun" dort am Deutschen Schauspielhaus inszeniert hat: "Rust – ein Deutscher Messias. Aufstieg, Fall und Auferstehung einer Knalltüte", so der Titel. Das versprach zumindest keine all zu ausgefeilte psychologische Analyse. Was es wurde:

Am Ende hebt tatsächlich eine Rakete ab, der Sonne entgegen; drin sind Mathias Rust, der sogenannte "Kreml-Flieger", und zahlreiche Mitglieder einer kruden Sekte von Friedensfreunden und Sonnenanbetern, die dem Mantra des charismatischen Sonderlings folgen.

Und tatsächlich soll ja der junge Mann aus Wedel Anfang des neuen Jahrtausends eine Art Osiris-, also Sonnen-Kult begründet haben; letzte Nachrichten sehen ihn heute allerdings als professionellen Poker-Spieler und Event-Manager in Estland. Auch wer die neue Theater-Kreation des Hamburger Comedy-Trios "Studio Braun" nicht richtig ernst nehmen kann als Recherche in Sachen historisch-politischer Kurzzeit-Prominenz mit Spät- und Nachwirkungen, wird zugeben müssen, dass hier en détail sehr ordentlich recherchiert worden ist – bis hin zu den Geldstrafen, die Rust nach der Rückkehr in die Heimat als notorischer Betrüger aufgebrummt bekam: 600 Mark für einen geklauten Kaschmir-Pullover, 1500 für nicht bezahlte Möbel. Er sei doch der Kreml-Flieger, hatte er den Kassiererinnen regelmäßig mitgeteilt, wenn er wieder mal nicht zahlen konnte. Na und, hatten die geantwortet.

Bald darauf hatte er auch noch eine Krankenschwester tätlich angegriffen und mit dem Messer verletzt – Mathias Rust hatte offenbar beträchtliche innere Schäden genommen, und zwar wahrscheinlich nicht erst beim Moskau-Flug; mit ihm ist eine Biografie in deutscher Provinz zu begutachten, wo offenbar einer nie wirklich so recht angekommen ist bei sich selber. Das soll vorkommen – aber ist das schon ein guter Grund, gleich die Welt retten zu wollen?

War also Rust vielleicht tatsächlich ein schräger deutscher Friedensengel? Den bloß keiner verstanden hat in einem historisch unwiederbringlichen Augenblick – und danach erst recht nicht? "Studio Braun", also Heinz Strunk, Rocko Schamoni und Jacques Palminger, bewährt in der Erfindung biografischer Verwirrungen, spielen mit der Idee, aber halt in der ihnen eigenen Ulknudelhaftigkeit; keine Szene ist ihnen platt, kein Witz unter aller Kanone genug – etwa als Rust Flugunterricht nimmt.

Manchmal soll's echt wehtun auch an diesem Abend; mit "Studio Braun" haben ja drei Komödianten den Theater-Kahn geentert, die aus demonstrativer Halb-Perfektion und brillanter Dilettanz, gemixt mit zielstrebig miesem Geschmack, eine eigene Marke geprägt haben; die Drei selber übrigens treten (ziemlich komisch) als dreiköpfiges Penis-Orakel an und auf und ansonsten in kleinere Wurzen-Rollen zurück; sie spielen sogar recht geschickt damit, dass sie Theater eigentlich nicht wirklich können. Und so gehört der Abend vor allem Fabian Hinrichs, der als Protagonist ist in Rust-Maske ein herzallerliebstes Naivchen ist, mit immer großen Augen hinter der Brille, das ewige Kind.

Das Theater bietet derweil allen nur erdenklichen Budenzauber auf für das ulkige Spektakel – die Rakete vom Finale trat zu Beginn schon als Leuchtturm auf, hinter dem ein Schiff vorbei zog, ganz wie in Wedel an der Elbe auf "Willkommhöft", wo Hamburg seine maritimen Gäste mit Wagners Steuermann-Motiv aus dem 'Fliegenden Holländer' begrüßt; im Flugunterricht spielt eine witzige Stadt-Simulation mit, und Rust steuert seine Maschine in die Mundsburg-Hochhäuser wie ins "World Trade Center". Tatsächlich schwebt später sogar ein Flugzeug mit Rust drin vom Bühnenhimmel und kann sogar landen vor der Kreml-Kulisse.

Eindrucksvolle Illusionen auch für alte Kinderseelen mögen das sein – aber im Jubel über den 'deutschen Messias' wird leider auch klar, dass das krisengeschüttelte Hamburger Schauspielhaus auch so nicht zu retten sein wird. Quatsch mit Soße, wie lecker auch immer zubereitet, ist Teil des Problems, nicht Teil der Lösung.

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