Freitag, 20. Mai 2022

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Sabine Wierlemann: Political Correctness in den USA und in Deutschland

"Political correctness" - "politische Korrektheit": Dieses Modeschlagwort hat eine bereits verblüffend lange Lebensdauer. Für nicht wenige bedeutet "political correctness" eine Art Zensur, die vorsorgliche Denkverbote befördert. - "Political correctness in den USA und in Deutschland" - mit diesem Phänomen beschäftigt sich Sabine Wierlemanns Buch. Peter Haischer hat sich für ihre Thesen interessiert:

Peter Haischer | 12.05.2003

Ein falsches Wort, und schon bist du reif für die Vorführung vor dem Wohlfahrtsausschuss. Das Rauschen der Diskurse wird begleitet von den Verhören der Ketzerprozesse und den Bußpredigten der Priester, die eine wahre Anschuldigungsindustrie unterhalten, um die Altäre der politischen Korrektheit mit dem Blut der Schlachtopfer rotzufärben.

So zum Beispiel Dietrich Schwanitz in seinem Bestseller "Bildung", dem Hausbuch der Neuen Mitte. Sabine Wierlemann vermutet, ‘Political Correctness’ sei ein negatives Synonym für angewandte Sprachkritik. Sprachkritik analysiert, wie und warum eine Gesellschaft bestimmte Sprachnormen aufstellt. Sie vergleicht deshalb die von der Sprache gegebenen Möglichkeiten mit dem von der Gesellschaft genutzten Vokabular. Ein Beispiel: Vor 1986 gab es das weibliche Pendant zum "Amtmann" als Berufsbezeichnung nicht, obwohl die Existenz einer "Amtfrau" den geltenden Sprachregeln nicht widerspricht. Hier kann der Sprachkritiker auf gesellschaftliche Wirklichkeiten rückschließen - in diesem Fall auf die Benachteiligung von Frauen in bestimmten Berufen. Wenn möglich, schlägt er dann eine sprachliche Alternative vor. Denn Sprache reflektiert nicht nur die Wirklichkeit, sondern erschafft sie auch. Sie gibt die Perspektiven vor, in denen wir die Welt beschreiben.

Auf diese Form von Sprachkritik, so Wierlemann, zielt der Ausdruck ‘Political Correctness’. Er habe als diffamierendes Schlagwort zu gelten, das sich gegen die gesellschaftliche Wirksamkeit von Sprachkritik richte. Um diese These zu belegen, untersucht die Autorin in einem ersten Schritt Entwicklung und Aufnahme des strittigen Begriffs im Herkunftsland USA. Hier tritt Sprachkritik zuerst im Gefolge der Bürgerrechtsbewegungen auf. Sprachkritik und Bürgerrechtsbewegungen verweisen auf die große Rolle, die das Minderheitenproblem in den Vereinigten Staaten spielt. Denn die USA sind das klassische Einwanderungsland. Ein Einwanderungsland, das seit den 70er Jahren von seinem ursprünglichen Selbstverständnis als ‘melting pot’, als Schmelztiegel verschiedener Kulturen, abgerückt ist. Dieses Leitbild wurde ersetzt durch die Idee einer multikulturellen Gesellschaft, in der alle das Recht auf eigene Wurzeln haben. Nicht Schutz von Minderheiten, sondern eine aggressive Strategie stehe hinter jedem sprachkritischen Engagement. Vor allem die konservative Seite, meint Wierlemann, ziele mit der Formel ‘Political Correctness’ in diese Richtung.

Dabei war ‘Political correct’ zunächst eine selbstironische Bezeichnung der US-Linken. Sie verwendeten es gruppenintern. Von Konservativen entwendet und gewendet, wurde der Vorwurf von ‘Political Correctness’ jedoch bald zur Waffe gegen gesellschaftliche Veränderungen überhaupt, so Wierlemann:

Die öffentliche Diskussion um ‘Political Correctness’ ist vor allem durch das Streben konservativer Kreise nach Stärkung der eigenen Position beeinflusst, sie stellt zugleich aber auch eine Abwehr von Reformen dar. Die umfassenden gesellschaftlichen Veränderungen, die durch die US-amerikanischen Movements ausgelöst wurden, wirkten sich auch auf die politischen Machtverhältnisse aus. Die konservative Kritik an den Ideen der Movements, die durch die Bezeichnung ‘Political Correctness’ artikuliert wird, ist eine Verteidigung des eigenen politischen Standpunktes, begleitet von der Angst vor Machtverlust.

So wurde das Schlagwort zur Kurzformel für eine doktrinäre Verschwörung der Linken, die zu Zensur, Kontrolle und Denkbarrieren führe. Die demokratisch erreichte Durchsetzung von Reformen - so Wierlemanns Überzeugung - wird geschickt als undemokratische Meinungskontrolle dargestellt, ist Wierlemann überzeugt. Wird dies der Öffentlichkeit glaubhaft gemacht, können Konservative den Begriff pauschal einsetzen, um jegliche Sprach- und Gesellschaftskritik zu verunglimpfen. Und diese Strategie hat Erfolg. Wierlemann zeigt an ausgewählten Beispielen, dass sich selbst Gesellschaftsreformer in den USA bei bestimmten Äußerungen vorsorglich von vornherein gegen den Vorwurf der ‘Political Correctness’ verteidigen - und so ihre Position automatisch schwächen. Die Schwächung besteht vor allem darin, die mit dem Schlagwort aufgerufenen Vorurteile gegen Sprachkritik anzuerkennen.

Und wie sieht es mit der "Political Correctness" in Deutschland aus? Schon die meist unübersetzt zitierte Formel zeigt, dass es sich um eine direkte Übernahme aus US-Publikationen handelt. Hier stößt Wierlemann auf ein besonderes Problem der deutschen ‘Political-Correctness’-Debatte: Ohne den Begriff vorher geklärt zu haben, wird das vage Konzept einfach übernommen. Wierlemann erklärt sich die bereitwillige Aufnahme der Formel mit der engen Beziehung zwischen den USA und Deutschland. Diese Nähe sei bedingt durch das Projekt der ‘reeducation’ und die maßgebliche Beteiligung der USA am Wiederaufbau der deutschen Demokratie. In Deutschland setzt Sprachkritik deshalb schon früh ein. Die nationalsozialistische Diktatur hatte das Wissen um die manipulative Kraft der Worte massiv zu Propagandazwecken eingesetzt. Deshalb war es nach 1945 erforderlich, die Sprache kritisch zu sichten. Der Nationalsozialismus hatte bewiesen, wie klein der Schritt von der sprachlichen Diskriminierung zur physischen Auslöschung von Minderheiten sein kann. Die Debatte um ‘Political Correctness’ ist deshalb in Deutschland von Anfang an eng verknüpft mit den Auswirkungen des Nazi-Terrors. Nach Wierlemann ist der Begriff rasch von den deutschen Medien übernommen worden, bleibt aber seitdem unscharf. Dies liege, so die Verfasserin, an seiner kritiklosen Verwendung. Denn der Ausdruck nehme seinen Weg zu uns aus polemisch verunreinigten Quellen. Auch in Deutschland drohe damit die Gefahr einer pauschalisierenden Aburteilung von Sprach- und Gesellschaftskritik. Und wieder macht Wierlemann konservative Kreise dafür verantwortlich, die den US-amerikanischen Ausdruck zur Verunglimpfung reformerischer Tendenzen nutzen.

Leider unterlässt es die Autorin in ihrer Arbeit, diesen schwerwiegenden Vorwurf zu bestätigen. Sie behauptet, es liege eine bewusste Manipulation vor, belegt es aber nicht wirklich. Ihre Behauptung stützt sie vornehmlich mit gleichlautenden Thesen anderer Sekundärtexte. Um die Begriffsbesetzung von ‘Political Correctness’ als konservative Medienstrategie zu entlarven, hätte sie beharrlicher nachfragen müssen: Welche konservativen Gruppen betrieben die gezielte Umwertung des Begriffs? Wer beteiligt sich daran? Konkrete Antworten darauf findet der Leser der Studie nicht, zumal manche ihrer deutschen Primärquellen, wie DER SPIEGEL oder DIE ZEIT, nicht gerade im Ruch rechter Gesinnungsmache stehen. So rückt sie selbst in die Nähe einer Verschwörungstheorie, deren Konstruktion sie der konservativen Seite vorwirft. Zuzustimmen ist allerdings Wierlemanns Plädoyer, den Begriff ‘Political Correctness’ einfach zu vermeiden oder durch eine neutrale Bezeichnung zu ersetzen. Ihre Studie liefert genug Material, um die Gefahren des Schlagwortes aufzudecken.