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StartseiteKultur heuteSaisoneröffnung an der Mailänder Scala09.12.2009

Saisoneröffnung an der Mailänder Scala

Emma Dante und Daniel Barenboim deuten "Carmen" von Georges Bizet

Viele haben um ihre Abendroben und Anzüge gebangt, gestern Abend in Mailand: Wer Karten für die "Carmen"-Premiere an der Scala hatte, musste sich den Weg bahnen durch fliegende Eier, brennende Feuerwerkskörper und wütende Demonstranten. Arbeiter, Gewerkschafter aber auch Künstler protestierten gegen die krisenbedingte Schließung mehrerer Mailänder Unternehmen.

Von Christoph Schmitz

Daniel Barenboim (Monika Rittershaus)
Daniel Barenboim (Monika Rittershaus)

Placido Domingo stimmte in der Premierenpause das Hohe Lied des Public Viewing und der Fernsehübertragung von Opern an. Das locke neues und vor allem junges Publikum in die Häuser. Die Pausenmoderatorin in der goldenen Scalaloge überließ dem Sängerstar das Parkett auch für kräftige Eigenwerbung: Hier an der Scala habe er vor 40 Jahren sein triumphales Mailänder Debüt gefeiert, im übrigen seien zwei der Sängersolisten des Abends aus seinem Opernwettbewerb in Paris hervorgegangen. Überhaupt ließ Moderatorin Annette Gerlach bei jedem ihrer Auftritte keinen Zweifel daran aufkommen, dass wir Gäste einer überzeugenden Carmen, einem großartigen und erfolgreichen Opernabend und die Tanzeinlagen geradezu verführerisch seien. So füllte die zeitversetzte Premierenübertragung auf ARTE die Pausen mit allerlei trivialen Kommentaren, vielen Plattitüden und nichtssagenden Interviews einschließlich mancher Fehler. Aus dem Don-José-Tenor Jonas Kaufmann wurde ein Thomas Kaufmann, aus dem Scala-Intendanten Stéphane Lissner ein eingedeutschter Lißner. Und ob eine Fernsehübertragung wirklich den Sog einer realen Aufführung vermitteln kann, das hat das Carmen-Projekt am Montagabend zur traditionellen Saisoneröffnung in Mailand jedenfalls nicht bewiesen. Weder Bild- und Klangregie noch die drum herum gehäkelte Berichterstattung wurden dem Bühnenereignis gerecht. Doch mit Riesenbildschirm und Stereoanlage in Studioqualität im Funkhaus kann man sich auch als Kritiker anfreunden, wenn ein Opernhaus trotz zahlreicher Ticketanfragen per Mail und Anrufbeantworter über viele Wochen nicht reagiert.

In der Ouvertüre und den anderen reinen Orchesterpartien lieferte die Übertragung ein äußerst transparentes Klangbild. Daniel Barenboims zupackende, expressive und schwelgerische Gestaltung kam zur Geltung. Aber sobald Chor und Sänger auftraten, gingen Kraft und Transparenz verloren. Der Gesang wurde in akustischer Großaufnahme wie unter einer Lupe einseitig verstärkt, wodurch der Orchesterklang zum Hintergrundrauschen verdörrte. Das so wichtige Hornmotiv in den Heimaterzählungen im ersten Akt etwa ging völlig unter.

Die Gesangslinien waren überdeutlich zu erkennen, was bei der jungen Georgierin Anita Rachvelishvili, die die Carmen sang, ein echtes Vergnügen war.

Aber auch einen Tenor wie den von Jonas Kaufmann hört man selten so wohlklingend, geschmeidig und intensiv zugleich. Außerdem ist Kaufmann ein außergewöhnlicher Schauspieler, dem man auch eine Rolle auf der Sprechbühne zutrauen würde.

Auch die optische Großaufnahme hat Vorteile. Sie zeigte am Montagabend, welch harte Arbeit die Sängerkunst ist. Kaufmann tropften der Schweiß nur so vom Gesicht und die Speichelfäden von den Lippen. Wie ein Opa im Ohrensessel dagegen hatte es sich Daniel Barenboim hinterm Dirigentenpult bequem gemacht und bewegte manchmal sogar beide Hände. Ansonsten versteckte die Bildregie mehr, als dass sie Sinnzusammenhänge deutlich machte und ließ sich von der Folklore der Inszenierung verführen. Die sizilianische Theaterregisseurin Emma Dante hatte die spanische Liebesgeschichte nach Sizilien um 1900 verlegt mit Dorfkulissen à la de Chirico, beklemmendem katholischen Schnickschnack und Volkstanz. Um die Erotik des Stücks herauszuarbeiten, reicht es allerdings nicht, Röcke zu lupfen. Um die Gewalt an Frauen zu verdeutlichen, ist es zu wenig, wenn sich Statisten an den Haaren ziehen. Auch die Fernsehübertragung konnte nicht verheimlichen, dass Italiener langweilige Opernregisseure sind.

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